Football for peace?!

Nach dem erfolgreichen Abschneiden bei der letztjährigen Auflage des Afrika-Cups will Mali dieses Jahr ganz hoch hinaus. Das Viertelfinale ist bereits erreicht und nun träumt ein ganzes Land schon vom Erfolg des Geheimfavoriten

„Un peuple, un but, une foi“ (deutsch: „Ein Volk, ein Ziel, ein Glaube“): so lautet der Wahlspruch der westafrikanischen Republik Mali. Davon ist zurzeimali-equipet nicht mehr viel übrig geblieben. Das Land ist seit dem Ausbruch der Unruhen im Norden des Landes gespalten. Anfang letzten Jahres begannen Rebellen der Tuareg von Libyen aus kommend mit der Unterstützung islamistischer Milizen den Norden Malis zu besetzen. Jene islamistischen Kräfte wendeten sich nach erfolgreichen Eroberungen gegen die Tuareg und wollten nun auf eigene Faust ihre Schreckensherrschaft etablieren. Das Land versank nun im völligen Chaos. Die politische Krise im Land spitzte sich so zu, dass die malische Regierung vor kurzem die ehemalige Kolonialmacht Frankreich um militärische Hilfe bat. Inmitten dieser Kriegswirren gibt es jedoch etwas, was die Menschen im Land ihre Sorgen ein wenig vergessen lässt und ihnen Anlass zur Hoffnung gibt: der Traum vom Triumph der Fußball-Nationalmannschaft beim diesjährigen Afrika-Cup in Südafrika.

Geplagtes Land

Für die Menschen in Mali sind die gegenwärtigen Zustände jedoch nichts Neues: immer wieder wurde das Land, das 1960 seine Unabhängigkeit erklärte, in der Vergangenheit von politischen und ökonomischen Krisen heimgesucht. Ab 1968 wurde das westafrikanische Land von Moussa Traoré, der durch einen Militär-Putsch an die Macht gelangt war, regiert. Bereits von 1989 bis 1994 ereignete sich ein Bürgerkrieg im Norden Malis, denn schon damals forderten die Tuareg Autonomie für die Provinz Azawad. Erst 1991 wurde der Alleinherrscher infolge der Märzrevolution gestürzt und fortan kam der Demokratisierungsprozess im Land in Schwung. Der Name des Nationalstadions in der am Niger gelegenen Hauptstadt Bamako erinnert daran. Denn während man sich in Europa bei den Namen der meisten Stadien eher an eine Einkaufsmeile erinnert fühlt, trieft der Name des größten Stadions Malis nur so vor wahrhaftiger Historizität: Stade du 26 mars (deutsch: Stadion des 26. März). An jenem Tag nämlich wurde das Regime Traorés nach tagelangem Generalstreik gestürzt und somit die Gewaltherrschaft beendet.

Die Anfänge des Fußballs

Fußball ist in Mali der Volkssport schlechthin. Die Bevölkemali-spielrung des Landes ist verrückt nach Fußball, überall sieht man Kinder und Jugendliche auf den Straßen spielen. Niemand stört sich daran, wenn der Ball nur aus alten Kleidungsresten zusammen geflickt wurde, Hauptsache der Ball rollt. Anfang des 20. Jahrhunderts importierten die französischen Kolonialherren den Sport nach Westafrika. Der noch heute in der ersten Liga vertretene Verein Jeanne d’Arc du Soudan gründete sich 1938 als erster Fußballklub Malis. Wenig später folgte Foyer du Soudan, der Vorgängerverein des heute erfolgreichsten Klubs des Landes, Djoliba AC. Seit der Unabhängigkeit dominieren bis heute ausschließlich in der Hauptstadt Bamako ansässige Vereine das Geschehen: neben eben besagtem Rekordmeister Djoliba AC waren und sind es vor allem Stade Malien de Bamako und AS Réal Bamako

Titel-Abonnement

Die deutsche Bundesliga rühmt sich gegenwärtig immer wieder ihrer Ausgeglichenheit und Spannung. Man ist froh, keine sogenannten „spanischen Verhältnisse“ zu haben, wo seit Jahren der FC Barcelona und Real Madrid sämtliche Titel unter sich ausmachen. Diese Tatsache ringt malischen Fußballfans jedoch bestenfalls ein müdes Lächeln ab, denn seit der Ligagründung 1966 wurden sämtliche Meisterschaften von einem der drei großen Klubs aus Bamako gewonnen. Derzeit führt – wen wundert’s – Stade Malien die Tabelle ungeschlagen und mit nur einem Unentschieden aus zehn Spielen souverän an. Da wirkt es fast schon etwas seltsam, dass der malische Pokal seit seiner Einführung 1961 bereits sieben Mal von anderen Teams gewonnen wurde. Am erfolgreichsten ist dabei Cercle Olympique, die schon dreimal triumphierten und – wie könnte es anders sein – natürlich aus der Hauptstadt Bamako kommen. In der letzten Saison gab es sogar ein weiteres Novum, das Pokalfinale fand nämlich zum ersten Mal in der Geschichte ohne Beteiligung eines der drei großen Vereine, ja sogar ohne Team aus Bamako, statt. Die erste Liga, genannt Première Division, ist erst seit 2004 professionell und wurde zur letzten Saison von vierzehn auf sechzehn Teams aufgestockt. Elf der aktuellen Erstligisten sind in Bamako beheimatet und in der Liga tummeln sich fast ausschließlich einheimische Spieler. Die wichtigsten Spiele des Landes sind die Derbys zwischen den drei Schwergewichten aus der Hauptstadt, wobei das ewige Duell zwischen Djoliba AC und Stade Malien die Zuschauer am meisten elektrisiert. Beide Teams trafen in dieser Saison im Rahmen des CAF Confederation Cup, dem afrikanischen Pendant zur Europa League, erstmals auf internationaler Bühne aufeinander.

Auf und abmali-fans

Für den Spitznamen der Nationalelf zeichnet sich der deutsche Weltenbummler Karl-Heinz Weigang verantwortlich: er ließ während seiner Amtszeit in Mali Trainingsanzüge mit einem Raubvogel auf dem Rücken anfertigen und fortan wurden seine Spieler von den Journalisten nur noch „Les Aigles du Mali“ (deutsch: Die Adler aus Mali) genannt. Die Geschichte der malischen Fußball-Nationalmannschaft ist geprägt von wenigen Höhe- und vielen Tiefpunkten. Bis zum Jahre 1972 befand sich die Auswahl des Landes im Aufschwung, der im 2. Platz beim Afrika-Cup in Kamerun im selben Jahr gipfelte. Die Mannschaft um den Nationalhelden Salif Keita, der 1970 als erster Malier Afrikas Fußballer des Jahres wurde und in Frankreich für AS Saint-Etienne und Olympique Marseille auflief, musste sich erst im Finale dem Team aus der Republik Kongo geschlagen geben. Einzig der Rekordtorschütze des Landes, Frederic Kanouté, der vor allem aus seiner Zeit beim FC Sevilla bekannt ist, konnte später noch einmal den Titel des afrikanischen Fußballer des Jahres nach Mali holen. Die Nationalmannschaft, die sich noch nie für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, verpasste in der Folge auch sämtliche Afrikameisterschaften bis zum Jahre 1994, wo man dann überraschenderweise bis ins Halbfinale vorstieß. Es folgte wieder ein Loch und erst 2002 nahm die malische Auswahl wieder am Afrika-Cup teil, was allerdings daran lag, das das Land Gastgeber des Turniers war. Getragen von der Euphorie drang die Mannschaft von Henryk Kasperczak bis ins Halbfinale vor und unterlag dann dem späteren Turniersieger Kamerun. Am Ende stand der vierte Platz zu Buche und die malische Bevölkerung war vom Fußballfieber infiziert. Es war ein Erfolg, der zwei Jahre später wiederholt werden konnte. Die einzigen internationalen Titel, die Mali vorzuweisen hat, sind drei Turniersiege beim Amilcar Cabral Cup, einem regionalen Turnier in Westafrika, das zuletzt 2007 gewonnen wurde.

Hoffnungsträger

Durch den erneuten Halbfinaleinzug im letzten Jahr, die Adler konnten in der Folge sogar noch das Spiel um Platz drei gegen Ghana für sich entscheiden, sind die Ansprüche in Mali weiter gewachsen. Infolge der beginnenden kriegerischen Auseinandersetzungen im Norden hat der Vater des Erfolges, der ehemalige Europameister Alain Giresse, jedoch das Handtuch geworfen und das Land verlassen. Dennoch erwarten die Bevölkerung und der Staatspräsident nun nicht weniger als den Titel. Der neue Trainer Patrice Carteron nimmt die Herausforderung an und will nun mit seiner Mannschaft so weit wie möglich kommen, um der Bevölkerung Malis etwas Freude zu schenken und für etwas Ablenkung vom traurigen und brutalen Alltag zu sorgen. Er glaubt jedoch nicht, dass der sportliche Erfolg den Menschen den Frieden bringen könne. In seinem Aufgebot befinden sich nur drei Spieler aus der einheimischen Liga, die meisten verdienen ihr Geld in Europa, vor allem in Frankreich. Die größte Verantwortung bei der diesjährigen Titelmission lastet dabei auf den Schultern des China-Legionärs Seydou Keita, der durch seine erfolgreiche Zeit beim FC Barcelona bekannt ist. Er feierte 1999 den bisher größten Triumph mit der malischen U-20 Nationalmannschaft, als das Team um ihn und den späteren Real-Profi Mahmadou Diarra bei der U-20 Weltmeisterschaft in Nigeria erst im Halbfinale am späteren Sieger Spanien scheiterte und das Turnier auf einem hervorragenden dritten Platz beendete.

Legionäre

Neben den berühmten malischen Legenden wie Salif Keita, Frederic Kanouté, Seydou Keita, Mahmadou Diarra, Mohamed Sissoko und dem in Mali geborenen Jean Tigana, gibt es nur wenige Spieler aus dem westafrikanischen Land, die hierzulande bekannt sind. Einziger aktueller Malier in der Bundesliga ist der beim SC Freiburg aufs Abstellgleis geratene Stürmer Garra Dembélé. Die Breisgauer scheinen jedoch schon immer ein Faible für Spieler aus Mali gehabt zu haben: bestimmt kann sich der ein oder an andere noch an die Zeiten erinnern, als Boubacar Diarra oder Soumaila Coulibaly im Trikot der Freiburger aufliefen. Letzterer spielte später auch noch kurze Zeit für die Gladbacher Borussia.

Am Samstag tritt die Auswahl Malis im Viertelfinale des Afrika-Cups gegen den Gastgeber Südafrika an. Den Menschen in Mali sei es vergönnt, dass sie einen Sieg ihrer Mannschaft bejubeln und all die schrecklichen Geschehnisse, die sich im Land zurzeit ereignen, zumindest für 90 Minuten vergessen können.

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Auf dem rechten Auge blind

Während man sich in der aktuellen Diskussion um Fankultur vor allem mit dem Erhalt von Stehplätzen, Ganzkörperkontrollen und Gästekontingenten beschäftigt, fällt ein Problem fast komplett unter den Tisch: das Wiedererstarken von rechtem Gedankengut auf den Tribünen.

Ganz egal, wie man es mit den Ultras hält, eines muss man ihnen lassen: neben der Kommerzialisierung des Fußballs sind sie einer der Hauptgründe dafür, dass Hooligans und rechte Gruppen immer mehr aus den Stadien in Deutschland verschwanden. Klar, ganz verschwunden sind eben genannte Gruppierungen niemals und werden es wohl auch nicht. Wenn man jedoch die Situation der letzten Jahre mit den 1980er Jahren vergleicht, so wird man feststellen, dass rechten Kräften in deutschen Kurven deutlich der Wind aus den Segeln genommen wurde. Doch wie man besonders seit Beginn dieser Saison feststellen muss, ist diese Bewegung zunehmend rückläufig. Gleich mehrere Vereine sehen sich Problemen mit rechten bzw. rechtsoffenen Gruppierungen gegenüber und wirken im Umgang mit jenen oft ziemlich hilflos: in Dortmund keimen Kräfte der alten „Borussenfront“ wieder auf und unterwandern die „Desperados“. Neben schwelenden fanszeneninternen Grabenkämpfen war in Braunschweig erst kürzlich ein NPD-Politiker beim Wahlkampf mit einem Eintracht-Schal zu sehen und in Aachen hat sich die Ultra-Gruppierung „ACU“ nach langwierigen Auseinandersetzungen mit den rechten Hooligans der „Karlsbande“ vor kurzem sogar aufgelöst. Auch in Düsseldorf haben die Ultras der Fortuna vor wenigen Wochen ihren vorübergehenden Rückzug bekannt gegeben. Die Gruppe selbst lässt verlautbaren, dass es sich dabei um interne Organisations- und Strukturprobleme handelt, doch nicht jeder in Düsseldorf glaubt dem. Es soll hierbei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, denn auch in anderen deutschen Städten kommt es immer wieder zu rechten Übergriffen, wie z.B. in Bremen, als 2007 die Feier einer linksalternativen Ultragruppierung von den Hooligangruppen der „Standarte Bremen“ und „Nordsturm Brema“ attackiert wurde. Was zudem an den ganzen Beispielen deutlich wird: rechtes Gedankengut beim Fußball ist bei weitem kein ostdeutsches Problem.

Der Fußball wird oftmals als „Spiegelbild der Gesellschaft“ bezeichnet und dieser Terminus hat in den letzten Jahren auch kaum an Wahrheitsgehalt verloren. Das Publikum auf den Tribünen hierzulande stellt auch heute meist einen ziemlichen homogenen Querschnitt der Gesellschaft dar. Logischerweise geht damit einher, dass viele verschiedene Meinungen, auch extreme politische, ins Stadion getragen werden, schließlich kann man niemandem verbieten, sich für Fußball zu interessieren. Das Thema, wie politisch Sport sein soll, ist hier nicht Gegenstand der Betrachtung, dennoch muss festgestellt werden, dass Sport, und somit auch Fußball, nie gänzlich unpolitisch sein kann. Städte wie Dortmund, Braunschweig oder Aachen und deren Fanszenen infolge der jüngeren Geschehnisse als Hochburgen rechten Gedankenguts darzustellen, verfehlt das Ziel um Längen. Die in Erscheinung tretenden rechten Gruppierungen stellen meist nur eine kleine Minderheit dar und auch in anderen Städten und Stadien gibt es Leute mit ähnlicher politischer Einstellung. Ein kleiner, aber dennoch gewaltiger Unterschied ist derjenige, dass rechte Kräfte in manchen Kurven anscheinend problem- und widerstandslos ihre Propaganda betreiben können. Meist wollen sie die Zuschauer mit dem scheinbar unpolitischen Wahlspruch „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“ für sich gewinnen. Hinter dem Spruch steckt jedoch eine gehörige Portion politischen Interesses, denn somit wollen die Rechten Unterstützung für das Vorgehen gegen antirassistische und antifaschistische Ultragruppierungen sammeln. Und darin liegt das Hauptproblem: Fangruppierungen mit gesellschaftlichem Engagement werden in den Kurven zunehmend isoliert und in einigen Fällen sogar soweit als „Demagogen“ dämonisiert, dass sich ein Großteil der Stadionbesucher gegen sie stellt. Durch diese scheinbare Unterstützung des Unpolitischen stärken aber immer mehr Anhänger unbewusst rechte Gruppierungen, die sich nun immer mehr in den Kurven breit machen können und allgemeine Zustimmung für ihr Auftreten erhalten.

Eine weitere Gefahr stellt die Untezwickau-rechtsrwanderung von Ultragruppierungen durch Leute aus der rechten Szene dar. Seit vielen Jahren schließen sich jugendliche Stadiongänger Fangruppierungen an, da diese für sie eine Art „zweite Familie“ darstellen. Die Liebe zum Verein und die Begeisterung für eine gemeinsame Sache schweißen sie zusammen und fördern den Zusammenhalt. Neben den zumeist etwas loseren Strukturen von Fanclubs, blieb es in den letzten Jahren vor allem das Privileg der Ultras, sich dieser Jugendlichen anzunehmen und diese in ihre Gruppen zu integrieren. Doch dieses Potential haben mittlerweile auch rechte Kräfte erkannt und versuchen nun, in den Kurven der Fußballstadien Nachwuchs zu rekrutieren. Im Gegensatz zur Vergangenheit hat sich etwas jedoch grundsätzlich geändert: das Auftreten der Rechten. Es gibt nur noch wenige, die sich mit kahl geschorenem Kopf, Bomberjacke und Springerstiefeln  in der Öffentlichkeit zeigen. Vielmehr haben sie den Chic von Autonomen und Linken übernommen und sind oftmals nur durch winzige Merkmale von diesen zu unterscheiden. Doch nicht jeder weiß darum Bescheid. So sind es meist nur wenige, die verstehen, was für eine Botschaft jemand mit einem Pullover der Marke „Thor Steinar“ vermitteln will. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche diesen Kleidungsstil gedankenlos übernehmen, ganz einfach, weil sie dazugehören und ihren Idolen in der Kurve in nichts nachstehen wollen. Und sind die Jugendlichen erst einmal in den braunen Sumpf hineingerutscht, ist es äußerst schwierig, sie dort wieder herauszubekommen.

Deshalb sollte sich die Politik, aber auch jeder einzelne Fußballfan fragen, ob das zurzeit hochbrisante Sicherheitsproblem wirklich so groß ist, wie es zu sein scheint, oder ob es vielleicht nicht doch größere Baustellen gibt. Denn was helfen Ganzkörperkontrollen und Stehplatzverbote, wenn man sich als Fußballfan in Zukunft in einer Kurve voller Rechtsgesinnter nicht mehr sicher fühlen kann?

Anmerkung: Dieser Text stellt nur meine persönliche Meinung und Auffassung, jedoch keine objektive Wahrheit dar. Es obliegt mir persönlich nicht, ein allgemeingültiges Urteil zu geben, doch wird jeder, der in den letzten Jahren ab und zu bei einem Bundesligaspiel zugegen war und sich aufmerksam für Fankultur und deren Geschichte interessiert, zu demselben Urteil kommen. Außerdem sollen durch diesen Text weder Ultras noch Linke zu Helden stigmatisiert werden, sondern es soll lediglich auf die Gefahren für die Fankultur in deutschen Stadien, die mit einer Unterwanderung durch rechte Kräfte einhergehen, aufmerksam gemacht werden.

Für alle, die noch mehr Informationen rund um dieses Thema wollen:

http://www.11freunde.de/artikel/nazis-auf-den-raengen

http://www.taz.de/!93784/

http://www.11freunde.de/artikel/rueckkehr-der-hooligans-ultras-duesseldorf-ziehen-sich-zurueck

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sport/1991251/

Ode an den Afrika-Cup

Zum Auftakt des Afrika-Cups am heutigen Tage, möge noch einmal eindringlich auf die Folgen des Konsums von Afrika-Cup Spielen hingewiesen werden.

Als Fußballjunkie hat man etanzende spieler 2s nicht leicht. Kaum hat man sich an die wohltuende Dosis an Bundesliga und Champions League gewöhnt, steht alle Jahre wieder die harte Zeit des Entzugs an: die Winterpause. So mancher Süchtige überbrückt heutzutage die winterliche Tristesse mit der Premier League, andere wechseln die Sportart und schauen sich Wintersport an oder lassen sich vom „Dartfieber“ anstecken. Doch in Zeiten, als Winterpausen noch länger dauerten, es noch keine Livestreams gab und höchstens alle zwei Wochen ein FA-Cup Spiel auf DSF lief, da musste man als Fußballjunkie auf andere Methoden zurückgreifen.

Summenformel: ACN

Die wohl wirksamste Ersatzdroge jener Zeiten: die höchst benebelnde Substanz ACN (African Cup of Nations). Denn das afrikanische Pendant zur Europameisterschaft stellt etwas ganz besonderes dar: es ist das Heroin eines jeden Fußballsüchtigen. Wer so weit ist, dass er freiwillig den Afrika-Cup anschaut, der darf sich selbst als Teil der absoluten Fußballjunkie-Elite betrachten. Jeder, der schon jemals den Afrika-Cup auf Eurosport gesehen hat, weiß wovon hier die Rede ist. Doch genau das wird gebraucht, um die Depressionen der Winterpause überstehen zu können. Durch die tägliche Dosis ACN wird man in einen Zustand versetzt, der nicht im Geringsten mit dem Konsum eines Bundesliga- oder Champions League Spiels zu vergleichen ist. Man fühlt sich, als wäre man in einer anderen Welt. Wenn man sich an einem wolkenverhangenen Sonntagnachmittag im Januar Niger – Burkina Faso anschaut, entsteht im Kopf eine innere Leere, wie man sie sonst nicht kennt. Ein richtiger Vollrausch ist ein Dreck dagegen. Außerdem kommt es immer wieder vor, dass Abhängige sich mit einer Überdosis ACN auf dem heimischen Sofa ins Reich der Träume befördern. Sozusagen der goldene Schuss.

Nebenwirkungen

Das Problem an ACN ist, dass es nur alle zwei Jahre für etwa drei Wochen konsumierbar ist. Winterpausen, in denen es kein ACN gibt, stellen für den gemeinen tanzende spielerFußballjunkie den absoluten Horror dar, Cold Turkey gewissermaßen. Ein Glück für alle Süchtigen, dass der Afrika-Cup aufgrund der terminlichen Umstrukturierung dieses Jahr schon wieder ausgetragen wird. Auch wenn dieses Mal der Rückrundenauftakt der Bundesliga mit dem Beginn des Afrika-Cups zusammen fällt, so wird der wahre Junkie keinesfalls auf den Genuss von ACN verzichten. Und mal ganz ehrlich: ob Fortuna Düsseldorf – FC Augsburg oder Angola – Marokko, da gibt es höchstens marginale Unterschiede. Unter dem Einfluss von ACN sieht man die Bundesliga plötzlich mit ganz anderen Augen. Jedem Fußballsüchtigen kann nur geraten werden, sich soviel ACN wie möglich einzuflößen, denn der nächste Afrika-Cup findet erst wieder in zwei Jahren statt. Außerdem ist der Stoff völlig legal und den Dealer des Vertrauens kennt auch jeder.

Wer noch mehr Informationen über den Afrika-Cup haben möchte, dem ist folgende Seite zu empfehlen:
http://www.afrika-cup.de/

„Ich verspreche keine Tore. Ich verspreche nur zu laufen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer.“
Samuel Eto’o während seiner ersten Pressekonferenz beim FC Barcelona

Wo Träume wahr werden

Im Flutlicht hat sich mit User Lorenz F. über den am kommenden Wochenende beginnenden Afrika Cup unterhalten. Damit geht auch die neue Rubrik „Zweikampf“ an den Start, in der regelmäßig User des Blogs zu verschiedenen Themen zu Wort kommen.

Im Flutlicht: Diesen Samstag ist es endlich wieder so weit. Der Afrika-Cup startet in Südafrika in seine insgesamt 29. Auflage. Welches Erlebnis verbindest du persönlich am meisten mit dem Afrika-Cup?

Lorenz: Ganz klar das Finale zwischen Sambia und der Elfenbeinküste aus dem letzten Jahr. Denn es war schon beeindruckend wie die Außenseiter aus Sambia dagegen hielten und den Sieg davontragen konnten. Ich fand es vor allem stark, mit welcher Distinguiertheit und Coolness die Elfmeterschützen aus Sambia ihre Strafstöße verwandelten. Die Sambier stellten immer den zweiten Schützen, mussten somit immer nachziehen. Trotzdem verdienten sie sich den Titel durch absolute Kunstschüsse, wie den vom 21-jährigen Sinkala von den Green Buffaloes aus der Hauptstadt Lusaka. Außerdem kommt noch diese historische Dimension dazu, dass die Sambier genau dort, in Libreville, ihren ersten Titel feiern konnten, wo sich knapp 19 Jahre zuvor das schlimmste Unglück in der Geschichte des sambischen Fußballs, nämlich das „Gabon Air Disaster“ ereignete. Kurzum, die Jungs haben einfach Geschichte geschrieben.

chris-cup Im Flutlicht: Jetzt mal ganz allgemein gefragt: was fasziniert dich so am Afrika-Cup?

Lorenz: Einer der wichtigsten Punkte hierbei ist für mich, dass sich „No-Name-Talente“ auf internationaler Bühne präsentieren können. Das ist für viele junge Spieler aus Afrika eine nicht zu unterschätzende Chance, sich für die Vereine in Europa empfehlen zu können. Außerdem ist es einfach diese besondere Unbeschwertheit, die dem Turnier innewohnt. Das äußert sich in traumhaft schönen Toren und anmutigen Spielzügen. Allerdings mündet diese Haltung auch oft in Konzentrationsmängel und Undiszipliniertheiten, die die ebenso berüchtigten Torwartfehler und Abwehrpatzer verursachen. Der Afrika-Cup vereint spielerische Klasse und Talent mit haarsträubenden Fehlern und Missgeschicken. Desweiteren fasziniert mich, was auf den Tribünen vor sich geht: einerseits diese unbändige, authentische Fankultur, andererseits die korrupten Machthaber in Fantasieuniformen mit ihren bonierten europäischen Begleitungen auf der VIP-Tribüne. Aber diese extremen Kontraste machen für mich das Turnier und auch den Kontinent Afrika allgemein aus.

Im Flutlicht: Gibt es noch andere Merkmale, die deiner Meinung nach den Afrika Cup so besonders machen?

Lorenz: Fankultur, Wasserschlachten, Spielkultur: all das ist einfach unglaublich authentisch. Beim Afrika-Cup gibt es keine Shakira, die play-back irgendetwas vor sich hin trällert, sondern dort überreicht ein indigener Stamm den Pokal nach dem Finale. Auch sind die Motivationen für die Spieler sehr unterschiedlich: junge afrikanische Talente wollen sich beweisen, während das Turnier für populäre Profis mit Verträgen in Europa teilweise fast schon eine Zumutung darstellen muss. Für Letztere lässt sich mit dem Afrika-Cup international gesehen kaum Geld und Prestige erringen. Außerdem müssen diese Topspieler mit der Favoritenrolle umgehen können und nicht selten kommt es vor, dass nach einer Blamage der Mob im eigenen Land schon darauf brennt, die Buden der Profis abzufackeln.

Im Flutlicht: Allerdings. Der eine oder andere afrikanische Nationalspieler ist aus solchen Gründen schon zurückgetreten. Als nächstes würde ich dich bitten, einen Vergleich anzustellen: worin siehst du die größten Unterschiede zwischen dem Afrika-Cup und anderen großen internationalen Fußballturnieren wie z.B. Welt- oder Europameisterschaften?

Lorenz: Sepp Blatters „Fußball-Disneyland“ lässt sich in Afrika nicht so einfach implementieren. Dort läuft alles unorganisierter, spontaner und chaotischer ab. Diese glatte und durschaubare Kunstwelt bei WM oder EM, die nur der Verkleidung von Kommerz dient, passt ganz einfach nicht zum afrikanischen Kontinent. Man darf nicht vergessen, dass der afrikanische Markt natürlich viel unattraktiver für Sponsoren ist. Desweiteren ist für mich der Fußball einfach auch irgendwie archaisch, unorganisiert, verroht, spontan, schmutzig und emotional, ganz einfach gesagt außeralltäglich. Diese künstliche Begeisterung und auch diese Wiederbelebung des deutschen Nationalstolzes bei internationalen Turnieren stoßen mich zunehmend ab. Auch sind die Spiele, abgesehen von der Taktik, meist recht langweilig und von der Fankultur, der jegliche Authentizität abgeht möchte ich gar nicht erst sprechen. Wer taktische und spielerische Meisterleistungen will muss Champions League schauen. Beim Länderfußball, vor allem in Afrika stehen für mich ganz einfach Spannung, Emotionen und Spaß im Vordergrund. Party und Tanz sich wichtiger als 4-4-2 oder 4-3-3. Und genau diese Einstellung findet man in Afrika einfach noch.

Im Flutlicht: Dacrazy-fans alles spricht auf alle Fälle für den Afrika-Cup als buntes Turnier voller Emotionen. Aber was spricht aus deiner Sicht dafür, dass der Afrika-Cup im Gegensatz zu anderen internationalen Turnieren alle zwei anstatt vier Jahre ausgetragen wird?

Lorenz: Mir persönlich als Afrika-Cup Liebhaber kommt es natürlich entgegen, dass das Turnier inflationär ausgetragen wird. Gleichzeitig wird diese Praxis kaum dazu beitragen, die Popularität und Außergewöhnlichkeit außerhalb Afrikas zu steigern. Als Vergleich: Wer nimmt denn schon Notiz von den inflationär stattfindenden Handballturnieren? Insgesamt finde ich das aber gar nicht negativ, weil so der Charakter des Afrika-Cups erhalten bleiben könnte.

Im Flutlicht: Findest du es denn auch sinnvoll, dass der Afrika-Cup in den Monaten Januar und Februar, also inmitten der Saison in Europa ausgetragen wird?

Lorenz: Für das Niveau ist das sicher nicht gerade zuträglich. Einerseits leidet die ohnehin zu kurze Vorbereitungszeit der Mannschaften da noch zusätzlich darunter. Und andererseits bleiben oftmals Profis, die in Europa spielen, deswegen dem Turnier fern. Insgesamt ist der Zeitpunkt, zu dem das Turnier stattfindet, weder für das Turnier, noch für die Klubs in Europa von Vorteil.

Im Flutlicht: Obwohl der Afrika-Cup bereits letztes Jahr stattgefunden hat, wird das Turnier dieses Jahr schon wieder ausgetragen, weil der Afrika-Cup in Zukunft immer in ungeraden Jahren, also zwischen Welt- und Europameisterschaften stattfinden soll. Was ist deine Meinung dazu?

Lorenz: Ich finde, dass der Afrika-Cup seinen eigenen Platz im Weltfußball verdient, was sich auch terminlich äußern sollte. Außerdem ist der Afrika-Cup somit nicht mehr nur eine Art Warm-Up für die WM und hat jetzt seinen eigenen Platz im Terminkalender, wie andere Kontinentalturniere auch.

Im Flutlicht: Südafrika, bereits Gastgeber der WM 2010, springt für das krisengeschüttelte Libyen als Ausrichter ein. Inwiefern werden sich diese beiden Turniere, also die WM 2010 und der diesjährige Afrika-Cup am meisten unterscheiden?

Lorenz: Die WM vor fast drei Jahren hat mir nicht gefallen. Man hatte einfach das Gefühl, dass sich Blatter damit nur die afrikanischen Stimmen für seine Wiederwahl sichern wollte. Vom bevorstehenden Afrika-Cup erhoffe ich mir erneut die bereits beschriebenen Charakteristika und denke, dass das Turnier spannender wird als jenes 2010. Eigentlich wünsche ich mir, dass alles mehr oder weniger so bleibt, wie es ist. Bloß nicht mehr Zuschauer in Europa und China bitte!

Im Flutlicht: Nun zum Sportlichen: wie schätzt du die fußballerische Entwicklung afrikanischer Teams ein?

Lorenz: Um hier wirklich eine fundierte Aussage zu treffen, bin ich nicht qualifiziert genug. Ich freue mich natürlich, viele afrikanische Talente in Europa bestaunen zu können, allerdings hängt der afrikanische Fußball meiner Meinung nach einfach zu sehr am europäischen Tropf. Dass es aber auch ganz ohne Profis aus Europa geht, hat Sambia letztes Jahr eindrucksvoll bewiesen. Vielleicht macht das den afrikanischen Fußball in Zukunft auch selbstbewusster. Allerdings denke ich, dass Afrika höchstens gerade so Schritt halten kann, wie man am Abschneiden bei der WM sieht. Ghana bei der letzten WM sehe ich da als Ausnahme und die Elfenbeinküste, eine der stärksten Mannschaften Afrikas, blieb deutlich unter ihren Möglichkeiten. Zudem sehe ich das Problem, dass der Klubfußball in Afrika, wie ich finde, immer noch unterentwickelt ist

Im Flutlicht: Wer sind denn für dich die Favoriten der diesjährigen Auflage?drogba-held

Lorenz: Standardmäßig ist hier auf jeden Fall die Elfenbeinküste zu nennen. Für mich eines der besten Teams weltweit, nicht nur in Afrika. Die Mannschaft ist top besetzt und hätte es sich auch verdient nach dem Drama letztes Jahr endlich den ersten Titel seit 1992 einzufahren. Mein Geheimtipp ist Ghana und ich hoffe, dass vielleicht eine der arg gebeutelten nordafrikanischen Nationen für eine Überraschung sorgen kann. Außerdem glaube ich, dass die durch die WM geschaffenen besseren Bedingungen in Südafrika aber insgesamt den Favoriten entgegen kommen. Die fast schon europäischen Standards dort werden dafür sorgen, dass es wohl dieses Jahr keinen Wasserschlachten wie letztes Jahr im Gabun und Äquatorialguinea geben wird.

Im Flutlicht: Was traust du dem Titelverteidiger aus Sambia zu?

Lorenz: So sehr mich Sambia letztes Jahr auch begeistert hat, erinnert mich das ganze doch sehr an Griechenland bei der EM 2004. Das Team kann mit der Rolle des Underdogs viel besser umgehen, als mit der des Titelverteidigers. Ich denke, dass ein Erfolg nicht wiederholbar ist, da sie mit dem Druck wohl nicht so gut zurecht kommen werden. Aber je länger man die hübschen sambischen Trikots im Turnierverlauf sieht, desto besser. Ich habe Samia in letzter Zeit etwas aus den Augen verloren und bin selber gespannt, ob und wie die gelungene Arbeit mit Talenten und Außenseitern fortgeführt wurde. Die Hoffnung auf eine weitere Überraschung besteht natürlich und man weiß schließlich nie, was beim Afrika-Cup so alles passieren kann.

Im Flutlicht: Könntest du dir vorstellen, den Afrika-Cup eines Tages live mitzuerleben.

Lorenz: Das wäre ein absoluter Traum, den ich vielleicht mal verwirklichen werde, wenn das Turnier mal wieder nach Nordafrika kommt. Dafür würde ich auch einiges in Kauf nehmen, denn diese Stimmung vor Ort mitzuerleben wäre mit Sicherheit sensationell.

Im Flutlicht: Angenommen, du würdest für ein Turnier deiner Wahl Freikarten bekommen. Für welches würdest du dich entscheiden? WM, EM, Afrika-Cup oder vielleicht doch Copa America?

Lorenz: Ganz klar Afrika oder Südamerika, weil die anderen beiden Turniere gewinnt eh Spanien und Hauptsache keine deutschen Chauvinisten. Zudem sind mir WM und EM zu kommerziell. Afrika-Cup und Copa America wären ganz einfach aufregender, es herrscht dort eine bessere Stimmung und bei WM und EM macht es für mich eh keinen Unterschied, ob live vor Ort oder im Fernsehen.

Im Flutlicht: Abschließend noch eine Frage: wer ist dein Lieblingsspieler und welches dein Lieblingsteam aus Afrika?

Lorenz: Es gibt viele Spieler, die mir sehr gut gefallen. Der Ex-Bielefelder Chris Katongo ist natürlich seit dem letzten Jahr eine Legende. Eboue von der Elfenbeinküste, der aktuell bei Galatasaray unter Vertrag steht, finde ich auch Klasse, wie allgemein die afrikanischen Legionäre, die in der Premier League spielen, besonders die Jungs von Arsenal. Lieblingsteam sind ganz klar, die Black Stars aus Ghana, denen ich auch dieses Jahr wieder die Daumen drücken werde.

Im Flutlicht: Recht herzlichen Dank für deine interessanten Ausführungen!

Hier noch ein absolut sehenswertes Video mit den legendärsten Szenen des Afrika-Cups 2012:

http://www.youtube.com/watch?v=Ji4DWBrYRh4

Endlich wieder Afrika-Cup!

Diese Woche dreht sich hier Im Flutlicht alles um den Afrika-Cup. Wen interessiert’s da schon, dass am kommenden Wochenende auchkatongo cup2 die Bundesliga in die Rückrunde startet?! Freut euch auf eine Liebeserklärung an den Afrika-Cup, unnützes Wissen über das Turnier uvm. Außerdem geht Ende der Woche die Rubrik „Zweikampf“ in die erste Runde. Dabei steht euch ein Liebhaber des Afrika-Cup Rede und Antwort rund um das fußballerische Großereignis auf dem schwarzen Kontinent.
Reinschauen lohnt sich!

 

„Du kannst auf meiner Plantage arbeiten“
Anthony Baffoe zu einem weißen Gegenspieler

Der verlorene Sohn

Aus Sicht der Bundesliga bescherte uns das noch bis Ende Januar geöffnete Transferfenster bislang mehr heiße Luft als spektakuläre Wechsel. Doch gestern hatte das Warten ein Ende: Nuri Sahin kehrt zurück zu Borussia Dortmund und damit ist der erste große Transfer-Coup perfekt!

Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Von Beginn an verzauberte Nuri Sahin die Fans auf den Tribünen des Dortmunder Westfalenstadions. Doch zu eben dieser Zeit, als Sahins Stern aufging, befand sich der Traditionsklub Borussia in argen finanziellen Nöten und fristete ein Dasein als graue Maus. Es war eine Zeit, in denen die Westfalen den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnten, denn schließlich wähnte man sich irgendwie immer noch als einer der besten Fußballvereine Deutschlands. Da kam einer wie Sahin gerade recht. Der junge Türke, der bis heute die Titel des jüngsten Bundesligaspielers und –torschützen aller Zeiten auf sich vereinigt, war für die Anhänger des BVB von Anfang an wie ein Funke Hoffnung auf bessere Zeiten. Sahin ließ die Dortmunder Fans wieder träumen. Mit einem Ausnahmetalent wie ihm, so schien es, würde es bald wieder bergauf gehen. Doch da mussten sich die Borussen noch ein wenig gedulden, denn der wahre Messias erschien ihnen erst im Jahre 2008: Jürgen Klopp

Lehrjahre

Nach einer furiosen ersten Saison beim BVB hatte er es in seiner zweiten Spielzeit dort jedoch ungleich schwerer. Die Borussia befand sich sportlich auf Talfahrt und Sahin kam meist nur von der Bank. Es waren, sportlich gesehen, die wohl grausamsten Zeiten der jüngeren Vergangenheit für alle Fans der Borussia: nachdem Trainer Bert van Marwijk kurz vor Weihnachten 2006 entlassen wurde, hatte der ehemalige Hertha-Trainer Jürgen Röber (ja, selbst der war in dieser Zeit Trainer in Dortmund) ein kurzes Intermezzo, ehe Thomas Doll, der einst den HSV vor dem Absturz in die Zweitklassigkeit rettete, verpflichtet wurde. Für Sahin war das Kapitel Dortmund im Sommer 2007 vorerst zu Ende: er wurde an den niederländischen Spitzenklub Feyenoord Rotterdam ausgeliehen. Dort ließ der türkische Nationalspieler sein Können ein ums andere Mal aufblitzen und nach nur einem Jahr kehrte er wieder nach Dortmund zurück.

Sahins Erbe sahin klopp

Die Erwartungen an ihn waren durch sein erfolgreiches Gastspiel in Holland weiter gewachsen und somit nach wie vor gewaltig. Und von nun an sollte es mit dem BVB auch bald aufwärts gehen. Die Krönung erfolgte dann 2011, als die Dortmunder ihren ersten Meistertitel seit fast zehn Jahren feiern konnten. Und neben Jürgen Klopp, dem Vater des Erfolgs, war es vor allem Sahin, der zum Sinnbild dieser neuen, erfrischend aufspielenden und ebenso erfolgreichen Borussia wurde. Er war gewissermaßen das Herz der Mannschaft. Er drückte dem Dortmunder Spiel seinen Stempel auf und übernahm Verantwortung, auch wenn er immer noch nicht zu den Ältesten gehörte. Auch war er das Gehirn dieser Mannschaft. Es war für die Westfalen unverzichtbar geworden, wie er aus dem Mittelfeld heraus das Spiel lenkte und sich ebenso für die Koordination des berühmten Dortmunder Pressings verantwortlich zeichnete. Doch im Sommer 2011 war das Kapitel Dortmund für Sahin ein weiteres Mal zu Ende. Und dieses Mal sollte es kein so schnelles Wiedersehen geben, denn der junge Türke wollte nun auf der Karriereleiter weiter nach oben klettern und entschloss sich zu einem Wechsel zu Real Madrid.

Erst Pech und dann kein Glück

Nach seinem Wechsel zu den Madrilenen, der sich sicherlich nicht nur sportlich, sondern auch finanziell auszahlte, hatte Sahin zunächst mit Verletzungsproblemen zu kämpfen. Doch auch als er dann wieder fit wurde, kam er nur sporadisch zum Einsatz. So fiel die Bilanz nach einem Jahr Madrid zwar finanziell positiv, doch sportlich äußerst negativ aus. Zu Beginn dieser Saison ließ sich Sahin dann an den FC Liverpool ausleihen, um dort wieder öfter das zu tun, was eigentlich am liebsten tut: Fußball spielen. Da der englische Kultverein die letzten Jahre nicht außerordentlich erfolgreich war, schien der Wechsel dieses Ausnahmespielers für alle Seiten von Vorteil zu sein. Einzig Liverpool-Trainer Brendan Rodgers sah das nicht ganz so: er wechselte Sahin meist nur ein und so hatte dieser dann auch bald genug.

Sahin und der BVB 3.0sahin herz

Zwar war es offensichtlich, dass sich Nuri Sahin auch in Liverpool nicht wohl fühlte, dennoch war nicht abzusehen, dass sein Gastspiel auf der Insel so schnell und vor allem so abrupt enden würde. Die Rückkehr zu Borussia Dortmund war dann bereits beschlossene Sache, ehe der Boulevard in Deutschland überhaupt die Gerüchteküche anheizen konnte. Trotz allem, was Sahin bisher für den BVB geleistet hat, muss er sich nun erst wieder beweisen. Das könnte allerdings sehr schwer werden, denn auf seiner Position besitzen die Westfalen mittlerweile Namen wie Gündogan, Bender und Kehl. Auch Leitner, der zwar noch die vierte Geige in diesem Quartett spielt, hat sich in der jüngeren Vergangenheit enorm verbessert und stellt somit auch zu Recht Ansprüche auf längere Einsatzzeiten. Einerseits ist klar, dass  Sahin gemerkt hat, dass er die Borussia, die sich ja mittlerweile fest in der Spitzengruppe der Bundesliga etabliert hat und international ein gutes Bild abgibt, braucht und im Dortmunder Umfeld besonders aufblühen kann, da er dort noch immer großen Kredit besitzt. Doch andererseits ist fraglich, ob der BVB Sahin, auch wenn er ein Ausnahmekönner ist, wirklich braucht. Somit bleibt es noch offen, ob die erneute Liaison zwischen dem verlorenen Sohn und Borussia Dortmund wieder Erfolg bringen wird. Aber auf jeden Fall wird es spannend werden, die dritte Episode dieser Lovestory made in Dortmund mitzuverfolgen.

Bonjour Tristesse!

Groundhopping-Bericht zum Spiel SK Slavia Prag – FK Teplice (19.09.2012)

Viele Groundhopper zieht es in den Osten Europas, weil sie sich nach Erlebnissen fernab des modernen Fußballs sehnen. Doch selbst dort werden die Erwartungen Fußballreisender bisweilen bitter enttäuscht.

Langsam tingelt die Straßenbahn durch das Arbeiterviertel Slavia in der tschechischen Hauptstadt Prag. Die Gebäude entlang der Straßen sind dreckig und heruntergekommen. Man lässt das Zentrum der Stadt, dort wo sich massenhaft Touristen tummeln, hinter sich. Dies stellt auch einen der schönsten und interessantesten Aspekte des Groundhoppings dar: man sieht Orte, an denen sich wenige bis gar keine Touristen aufhalten und man kommt der Lebenswirklichkeit der Einwohner deutlich näher, als wenn man nur in der Altstadt von einem Souvenirladen zum andeCIMG0397ren hetzt.

Fast Food, Jeans und Parfum

Haltestelle Slavia, Zeit zum Aussteigen. Wir folgen einigen Anhängern von Slavia, da wir selbst nicht wissen, wo sich das Stadion befindet. Wenig später stehen wir plötzlich vor einem riesigen roten Betonklotz. Ich ahne bereits Böses. Während mein Kumpel mit versteinerter Miene neben mir steht, lese ich auf der Längsseite des Gebäudes den Schriftzug „SYNOT TIP ARENA“. Die Fassungslosigkeit steht uns ins Gesicht geschrieben. Doch diese leuchtenden Plastikbuchstaben beseitigen alle Zweifel. Es handelt sich bei dem Betonklotz um das gesuchte Stadion und nicht etwa um ein riesiges Kaufhaus, auch wenn es wie ein solches aussieht. An der Außenseite der Arena findet man von McDonalds über Modegeschäfte bis hin zu Drogerien fast alles, nur nicht das, wonach wir suchen: einen Ticketschalter. Als wir diesen dann schließlich ausfindig machen, offenbart sich uns buchstäblich Grauenhaftes: die Fassade an dieser Seite des Stadions erinnert an einen unvollendeten Bürokomplex, lauter brach liegende Geschäftsräume blicken uns durch die großen Fenster entgegen. Völlig entgeistert stehen wir nun da. Nichts von alldem, was wir uns erhofft haben. Wo sind sie, die schönen rostigen Flutlichtmasten, die alten Stehtribünen mit steinernen Stufen und ohne Dach?

Schönsaufen nicht möglich

Im Inneren des Stadions werden wir von grauen Betonwänden in Empfang genommen. Der Schock sitzt immer noch tief, alles wirkt kalt, trist und seelenlos. Bereits auf den ersten Blick wird klar, dass hier dieselben Architekten wie in Sinsheim und Augsburg am Werk gewesen sein müssen. Wir hoffen auf ein gutes, umkämpftes Spiel, das uns den Rest vergessen lässt. Aber es ist einfach nicht unser Tag. Auf dem Platz entwickelt sich ein müder Kick, arm an Torchancen und kaum spannender, als den Geschichten der Verwandtschaft auf Omas 80. Geburtstag zu lauschen. Um uns herum sitzen ein paar alte Männer, die lautstark ihren Unmut über das Spiel äußern und sich das Spiel wohl nur deshalb anschauen, weil sie seit Jahren jedes Heimspiel besuchen. Wirklich Spaß daran hat von ihnen aber keiner. Ganz anders ein Slavia-Fan in der Reihe hinter uns, der das größte Highlight des Abends darstellt. Jederzeit zwei Bierbecher in den Händen, hüpft er unermüdlich auf und ab und schreit sich die Seele aus dem Leib. Klarer Fall von besoffen macht alles Spaß. Er singt alle Lieder mit, die der Fanblock anstimmt und knapp alle 20 Minuten muss er nachtanken. Später erfahren wir, dass nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt wird. Ob unser stimmgewaltiger Freund das gewusst hat? Man weiß es nicht. Durch sein Verhalten lässt er jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Leber gerade ausgelastet ist. Angesichts der Darbietungen auf dem Platz wäre es allerdings sinnvoller gewesen, anstatt der alkoholfreien Plörre Starkbier auszuschenken.

CIMG0408Zum Einschlafen

Auch von Seiten der Fans ist es recht enttäuschend: während man den zwei Dutzend mitgereisten Anhängern aus Teplice an diesem Mittwochabend keine großen Vorwürfe machen kann, erfüllen die Fans von Slavia die Erwartungen keineswegs. Zwar supporten sie mit nur wenigen Pausen über die vollen 90 Minuten, doch dies auf eine derart uninspirierte und monotone Art und Weise, dass man glaubt, sie hätten ihre Lieder vom Sandmann geklaut. Es fällt fast etwas schwer, nicht einzuschlafen und beim Gedanken an die Stimmung in der heimischen Kreisliga wird einem ganz warm ums Herz.

Die Ernüchterung danach

Gegen Ende hin nimmt das Spiel noch etwas an Fahrt auf und Slavia gewinnt das Spiel letztlich verdientermaßen mit 2:0. Über diesen Sieg der Heimmannschaft vermag sich auf den Rängen aber auch niemand so wirklich zu freuen. Noch enttäuschter über die Begleitumstände, als über das Spiel selbst verlassen wir das Stadion. Keine Spur von osteuropäischem Flair, von einem Stadion mit elektrisierender Atmosphäre oder von der Begeisterung und Leidenschaft der Fans für diesen Arbeiterklub. Die Fans selbst wirken kraftlos und enttäuscht, ja fast ohnmächtig. Man merkt, dass sie sich in diesem Stadion nicht wirklich zuhause fühlen, dass ihnen etwas fehlt, dass man ihnen etwas genommen hat. Ob dies heute ausschließlich der neuen Arena, dem Gegner oder der Ansetzung an einem Mittwochabend geschuldet ist, bleibt offen. Auf jeden Fall ist er also auch in Tschechien angekommen, der moderne Fußball. Und er zeigt dort noch eine hässlichere Fratze als hierzulande: leere Stadien, steigende Eintrittspreise und eine schwindende Fankultur. Bonjour Tristesse!

 

©Daniel Weger 2012;   Bilder: eigenes Archiv

Der Mensch stammt vom Gattuso

Über einen Spieler, der sich selbst als „hässlich wie die Schulden“ charakterisiert und mehr ist als nur ein Treter.

Sein Spitzname „Rino“ stammt von „il ringhio“, was übersetzt in etwa „der Knurrer“ bedeutet. Wer Gattuso jemals Fußball spielen gesehen hat, weiß, was ihm diesen Spitznamen eingebracht hat. Ähnlich einem wütenden, zähnefletschenden Kampfhund verfolgt er seine Gegenspieler über das Feld, lässt sie immer seinen Atem im Nacken spüren und treibt sie somit zur Verzweiflung. Bisweilen scheint es so, als hätten seine Gegenspieler, bei denen es sich oft um Spielmacher und Edeltechniker handelt, Angst davor, von ihm, dem Terrier, gebissen zu werden. Er selbst ist kein begnadeter Techniker, doch diese Schwächen weiß er geschickt durch seinen unbändigen Kampfgeist, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz zu kompensieren.

Die Anfänge

Nach seinen ersten Jahren bgattuso,pirloeim AC Perugia wurde er 1997 von den Glasgow Rangers verpflichtet. Wie seit kurzem bekannt, wurde auch der noch junge Gattuso Opfer der Spielchen von Paul Gascoigne. Als der Italiener nach dem ersten Training bei den Rangers von der Dusche in die Kabine zurückkehrte, musste er feststellen, dass Gascoigne ihm in die Unterhose gekackt hatte. Zwar hielt es ihn nur ein Jahr dort, doch lernte er dort seine spätere Ehefrau Monica Romano kennen und die Fans liebten ihn für seine aggressive Spielweise.

Pirlos Beschützer

Nach einem Jahr bei Salernitana Calcio, wechselte er bereits zur nächsten Saison zum AC Mailand. Zusammen mit Andrea Pirlo bildete der nimmermüde Gattuso sowohl dort, als auch in der italienischen Nationalmannschaft eines der besten Mittelfeldduos der letzten Jahre. Während der elegante Feingeist Pirlo die gegnerischen Abwehrreihen mit seinen Pässen sezierte, verrichtete Gattuso in dessen Rücken die Drecksarbeit  und schuf seinem Partner so die nötigen Freiheiten. Mit Erfolg. Denn zusammen gewannen die beiden neben nationalen Titeln auch zweimal die Champions League (2003,2007) und die Weltmeisterschaft in Deutschland 2006.

Der andere Gattuso

Während er auf dem Platz oft sehr rustikal zu Werke geht und sich dadurch den einen oder andern Platzverweis einhandelt, gibt sich Gattuso abseits des Spielfelds etwas besonnener. Selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, gründete er 2003 eine Stiftung, die sich für benachteiligte Kinder in seiner Heimatregion Kalabrien einsetzt. Der bekennende Kulturliebhaber ist seit mehreren Jahren verheiratet und stolzer Vater eines Sohnes und einer Tochter. Außerdem war er einer der wenigen Spieler beim AC Mailand, die sich offen gegen die Partei des Milan-Bosses Silvio Berlusconi bekannten.

Vom Aussterben bedrohtgattuso

Im Sommer 2012 verließ er den AC Mailand und wechselte zum Schweizer Erstligisten FC Sion, wo er nun seine Karriere ausklingen lassen will. Er sagte einmal über sich selbst, seine Aufgabe sei es „so viele Bälle wie möglich zu stehlen.“ Damit steht Gattuso ehrlich zu seiner rustikalen Spielweise und trotzdem wird ihm nur selten die Anerkennung entgegengebracht, die er eigentlich verdient. Seine Fans lieben ihn, doch die Gegner und deren Fans spotten meist nur über seine unzureichende Technik und sehen in ihm nur einen Treter, der das Spiel zerstören würde. Spieler wie Gattuso, die Fußball „arbeiten“, sich für nichts zu schade sind und niemals den Kopf in den Sand stecken, solche Charakterköpfe wie er sind im heutigen Fußball rar gesät und vom Aussterben bedroht. Dabei können solche Spieler äußerst wichtig für eine Mannschaft und deren Funktionieren sein. Fragen Sie doch mal nach bei Andrea Pirlo.

© Daniel Weger 2012

Karriereausfahrt München

Zum Wechsel von Jan Kirchhoff zum FC Bayern München
Er ist nicht das erste hJan Kirchhoffoffnungsvolle Talent, das nach einem ersten Karrierehoch zum FC Bayern München wechselt. Und er wird auch nicht der Letzte sein, der diesen fatalen Fehler macht und meint, den Anforderungen beim deutschen Rekordmeister gewachsen zu sein.

Jan Kirchhoff spielt zweifelsohne eine klasse Saison bei seinem Verein Mainz 05, einem der Überraschungsteams der abgelaufenen Hinrunde. Das Team von Coach Thomas Tuchel belegt derzeit den 6. Tabellenplatz und der Defensivstratege hat dazu auch einen ordentlichen Teil beigetragen. Auch hat er verlautbaren lassen, dass er seinen Vertrag bei den Rheinländern nicht verlängern würde und wurde bereits mit Vereinen wie Schalke 04 in Verbindung gebracht. Doch dass er nun zum deutschen Rekordmeister an die Isar wechselt, kommt einem Paukenschlag gleich.

Auf Karrierehoch folgt Karriereknick

Dabei ist der gelernte Innenverteidiger nicht der Erste, der in einer noch frühen Phase seiner Karriere den Sprung zum FC Bayern wagt. Schon viele junge Talente, die sich bei ihrem Verein in nur kurzer Zeit zum Leistungsträger entwickelt hatten, wechselten bald darauf zu den Münchnern. Von Tobias Rau über Jan Schlaudraff und Alexander Baumjohann bis hin zu Nils Petersen. Diese Liste könnte noch beinahe endlos weitergeführt werden. Alle versprachen sie sich einen Karrieresprung und träumten vom großen Geld und internationalen Auftritten. Für manche Spieler, meint man zu glauben, wäre es wohl besser gewesen, wenn sie sich den Song der Toten Hosen über die Bayern öfter angehört hätten. Vielleicht hätte dies den ein oder anderen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Doch die bayerische Realität gestaltete sich anders: die meisten von ihnen wärmten ausschließlich die Bank und verließen den Rekordmeister nach nur kurzer Zeit wieder. Unterm Strich stand bei den meisten verlorene Zeit, denn neben mangelnder Spielpraxis ging das oftmals kurze Intermezzo bei den Bayern für viele auch noch mit einem sportlichen Abstieg einher. Viele fanden sich dann bei mittelmäßigen Erstligaklubs oder sogar in der zweiten Bundesliga wieder, an eine Karriere als internationaler Topstar war nicht mehr zu denken. Einzig der Geldbeutel profitierte vom Engagement beim deutschen Rekordmeister. Ob dies jedoch den gewaltigen sportlichen Rückschlag aufwiegt, bleibt fraglich. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Spieler, die es Rau und Petersen gleich tun und zu den Bayern wechseln.

Bayerische Transfertradition

Eine Frage, die sich dabei jedoch zwangsläufig aufdrängt ist folgende: Warum kauft der FC Bayern immer wieder Spieler, die den Durchbruch höchstwahrscheinlich nicht schaffen und außerdem den Verein oftmals noch eine Menge Geld kosten? Die Antwort darauf ist ganz simpel die bayerische Tradition, der Konkurrenz die Spieler wegzukaufen. Jedoch muss dabei in zwei Kategorien unterschieden werden: es gibt Spieler wie z.B. Giovane Elber, Claudio Pizarro (bei seinem ersten Wechsel nach München), Paulo Sergio, Zé Roberto und Michael Ballack, durch deren Transfer die Bayern ihre direkte Konkurrenz (z.B. damals Leverkusen) direkt schwächten. Außerdem konnten sich diese Spieler in den meisten Fällen erfolgreich in München durchsetzen und gehörten fortan zum Stammpersonal. Zur zweiten Kategorie gehören Spieler wie Schlaudraff&Co.: diese Spieler kaufen die Bayern nur, um die Konkurrenz indirekt zu schwächen. Denn trotz fantastischer Hinrunde werden die Mainzer von den Bayern wohl kaum als Konkurrenz gesehen, aber andere Vereine, wie z.B. Schalke 04, die auch ihr Interesse an Kirchhoff bekundeten, gelten da schon eher als potenzielle Gefahr. Und da bei den Münchnern der Geldbeutel bekanntermaßen etwas lockerer sitzt, werden solche Talente gekauft, weil man nicht will, dass die Konkurrenz billig an gute, junge Spieler kommt und dadurch stärker wird.

Lose-Lose-Lose

Zudem lassen sich diese teilweise höchst fragwürdigen Transfers noch unter einem anderen interessanten Aspekt beleuchten: Leihgeschäfte boomen in den letzten Jahren wie noch nie zuvor. Oftmals wird dabei von einer Win-Win-Win Situation gesprochen, da beide Vereine und der Spieler selbst vom Leihgeschäft profitieren. Der verleihende Verein bekommt nach Ende der Ausleihe einen Spieler zurück, der Spielpraxis gesammelt hat, der ausleihende Verein erhält für wenig Geld ein vielversprechendes, gut ausgebildetes Talent, und nicht zuletzt der Spieler selbst profitiert am meisten, da er seine Einsatzzeiten bekommt und nach Ablauf des Leihgeschäfts in gestärkter Position zu seinem Verein zurückkehrt. Ein glänzendes Beispiel dafür sind die Ausleihgeschäfte von Bayer Leverkusen an den 1. FC Nürnberg in jüngerer Vergangenheit oder aber auch Philipp Lahm, der, bevor er beim FC Bayern zum unverzichtbaren Stammspieler wurde, an den VfB Stuttgart ausgeliehen wurde. Angesichts dessen könnte man bei den Transfers junger Spieler wie Baumjohann etc. zu den Bayern von einer Lose-Lose-Lose Situation sprechen, da der abgebende Verein eine wichtige Stütze verliert, die Bayern eine Menge Geld auf den Tisch legen für einen Spieler, der lediglich die Bank wärmt und der Spieler selbst eben dort versauert und sich die Karriere kaputt macht.

Ausnahmefall Dante?

Abschließend gilt es noch, den Transfer Dantes im letzten Sommer zu betrachten: viele sahen auch in ihm eine Fortsetzung dieser Personalpolitik und nur wenige trauten ihm zu, sich in München durchzusetzen. Zwar profitierte der Brasilianer vom Verletzungspech der Konkurrenz, doch es bleibt zu vermuten, dass er sich auch ohne diesen Umstand durchgesetzt hätte, denn er wirkt bei den Bayern fast noch stärker als zu seinen Gladbacher Zeiten und ist eine feste Größe in der Innenverteidigung der Münchner und hat großen Anteil daran, dass der Herbstmeister auf dem besten Weg ist den Gegentorrekord zu knacken. Gerade deshalb wird es für Kirchhoff besonders schwierig werden, denn die Bayern besitzen auf der Innenverteidigerposition und im defensiven Mittelfeld, wo der Mainzer bisweilen auch zum Einsatz kommt, Leute wie Martinez, Schweinsteiger, Luiz Gustavo, Boateng, Badstuber und besagten Dante. Man mag es Kirchhoff nicht wünschen, dass es ihm so ergeht wie schon vielen zuvor, aber der Eindruck, dass genau dasselbe Szenario eintreten wird, drängt sich stark auf. Doch gerne darf er all die vermeintlichen Fußballexperten Lügen strafen und es Dante gleich tun.

„Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun.“ – Paul „Gazza“ Gascoigne