Bonjour Tristesse!

Groundhopping-Bericht zum Spiel SK Slavia Prag – FK Teplice (19.09.2012)

Viele Groundhopper zieht es in den Osten Europas, weil sie sich nach Erlebnissen fernab des modernen Fußballs sehnen. Doch selbst dort werden die Erwartungen Fußballreisender bisweilen bitter enttäuscht.

Langsam tingelt die Straßenbahn durch das Arbeiterviertel Slavia in der tschechischen Hauptstadt Prag. Die Gebäude entlang der Straßen sind dreckig und heruntergekommen. Man lässt das Zentrum der Stadt, dort wo sich massenhaft Touristen tummeln, hinter sich. Dies stellt auch einen der schönsten und interessantesten Aspekte des Groundhoppings dar: man sieht Orte, an denen sich wenige bis gar keine Touristen aufhalten und man kommt der Lebenswirklichkeit der Einwohner deutlich näher, als wenn man nur in der Altstadt von einem Souvenirladen zum andeCIMG0397ren hetzt.

Fast Food, Jeans und Parfum

Haltestelle Slavia, Zeit zum Aussteigen. Wir folgen einigen Anhängern von Slavia, da wir selbst nicht wissen, wo sich das Stadion befindet. Wenig später stehen wir plötzlich vor einem riesigen roten Betonklotz. Ich ahne bereits Böses. Während mein Kumpel mit versteinerter Miene neben mir steht, lese ich auf der Längsseite des Gebäudes den Schriftzug „SYNOT TIP ARENA“. Die Fassungslosigkeit steht uns ins Gesicht geschrieben. Doch diese leuchtenden Plastikbuchstaben beseitigen alle Zweifel. Es handelt sich bei dem Betonklotz um das gesuchte Stadion und nicht etwa um ein riesiges Kaufhaus, auch wenn es wie ein solches aussieht. An der Außenseite der Arena findet man von McDonalds über Modegeschäfte bis hin zu Drogerien fast alles, nur nicht das, wonach wir suchen: einen Ticketschalter. Als wir diesen dann schließlich ausfindig machen, offenbart sich uns buchstäblich Grauenhaftes: die Fassade an dieser Seite des Stadions erinnert an einen unvollendeten Bürokomplex, lauter brach liegende Geschäftsräume blicken uns durch die großen Fenster entgegen. Völlig entgeistert stehen wir nun da. Nichts von alldem, was wir uns erhofft haben. Wo sind sie, die schönen rostigen Flutlichtmasten, die alten Stehtribünen mit steinernen Stufen und ohne Dach?

Schönsaufen nicht möglich

Im Inneren des Stadions werden wir von grauen Betonwänden in Empfang genommen. Der Schock sitzt immer noch tief, alles wirkt kalt, trist und seelenlos. Bereits auf den ersten Blick wird klar, dass hier dieselben Architekten wie in Sinsheim und Augsburg am Werk gewesen sein müssen. Wir hoffen auf ein gutes, umkämpftes Spiel, das uns den Rest vergessen lässt. Aber es ist einfach nicht unser Tag. Auf dem Platz entwickelt sich ein müder Kick, arm an Torchancen und kaum spannender, als den Geschichten der Verwandtschaft auf Omas 80. Geburtstag zu lauschen. Um uns herum sitzen ein paar alte Männer, die lautstark ihren Unmut über das Spiel äußern und sich das Spiel wohl nur deshalb anschauen, weil sie seit Jahren jedes Heimspiel besuchen. Wirklich Spaß daran hat von ihnen aber keiner. Ganz anders ein Slavia-Fan in der Reihe hinter uns, der das größte Highlight des Abends darstellt. Jederzeit zwei Bierbecher in den Händen, hüpft er unermüdlich auf und ab und schreit sich die Seele aus dem Leib. Klarer Fall von besoffen macht alles Spaß. Er singt alle Lieder mit, die der Fanblock anstimmt und knapp alle 20 Minuten muss er nachtanken. Später erfahren wir, dass nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt wird. Ob unser stimmgewaltiger Freund das gewusst hat? Man weiß es nicht. Durch sein Verhalten lässt er jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Leber gerade ausgelastet ist. Angesichts der Darbietungen auf dem Platz wäre es allerdings sinnvoller gewesen, anstatt der alkoholfreien Plörre Starkbier auszuschenken.

CIMG0408Zum Einschlafen

Auch von Seiten der Fans ist es recht enttäuschend: während man den zwei Dutzend mitgereisten Anhängern aus Teplice an diesem Mittwochabend keine großen Vorwürfe machen kann, erfüllen die Fans von Slavia die Erwartungen keineswegs. Zwar supporten sie mit nur wenigen Pausen über die vollen 90 Minuten, doch dies auf eine derart uninspirierte und monotone Art und Weise, dass man glaubt, sie hätten ihre Lieder vom Sandmann geklaut. Es fällt fast etwas schwer, nicht einzuschlafen und beim Gedanken an die Stimmung in der heimischen Kreisliga wird einem ganz warm ums Herz.

Die Ernüchterung danach

Gegen Ende hin nimmt das Spiel noch etwas an Fahrt auf und Slavia gewinnt das Spiel letztlich verdientermaßen mit 2:0. Über diesen Sieg der Heimmannschaft vermag sich auf den Rängen aber auch niemand so wirklich zu freuen. Noch enttäuschter über die Begleitumstände, als über das Spiel selbst verlassen wir das Stadion. Keine Spur von osteuropäischem Flair, von einem Stadion mit elektrisierender Atmosphäre oder von der Begeisterung und Leidenschaft der Fans für diesen Arbeiterklub. Die Fans selbst wirken kraftlos und enttäuscht, ja fast ohnmächtig. Man merkt, dass sie sich in diesem Stadion nicht wirklich zuhause fühlen, dass ihnen etwas fehlt, dass man ihnen etwas genommen hat. Ob dies heute ausschließlich der neuen Arena, dem Gegner oder der Ansetzung an einem Mittwochabend geschuldet ist, bleibt offen. Auf jeden Fall ist er also auch in Tschechien angekommen, der moderne Fußball. Und er zeigt dort noch eine hässlichere Fratze als hierzulande: leere Stadien, steigende Eintrittspreise und eine schwindende Fankultur. Bonjour Tristesse!

 

©Daniel Weger 2012;   Bilder: eigenes Archiv

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