Wo Träume wahr werden

Im Flutlicht hat sich mit User Lorenz F. über den am kommenden Wochenende beginnenden Afrika Cup unterhalten. Damit geht auch die neue Rubrik „Zweikampf“ an den Start, in der regelmäßig User des Blogs zu verschiedenen Themen zu Wort kommen.

Im Flutlicht: Diesen Samstag ist es endlich wieder so weit. Der Afrika-Cup startet in Südafrika in seine insgesamt 29. Auflage. Welches Erlebnis verbindest du persönlich am meisten mit dem Afrika-Cup?

Lorenz: Ganz klar das Finale zwischen Sambia und der Elfenbeinküste aus dem letzten Jahr. Denn es war schon beeindruckend wie die Außenseiter aus Sambia dagegen hielten und den Sieg davontragen konnten. Ich fand es vor allem stark, mit welcher Distinguiertheit und Coolness die Elfmeterschützen aus Sambia ihre Strafstöße verwandelten. Die Sambier stellten immer den zweiten Schützen, mussten somit immer nachziehen. Trotzdem verdienten sie sich den Titel durch absolute Kunstschüsse, wie den vom 21-jährigen Sinkala von den Green Buffaloes aus der Hauptstadt Lusaka. Außerdem kommt noch diese historische Dimension dazu, dass die Sambier genau dort, in Libreville, ihren ersten Titel feiern konnten, wo sich knapp 19 Jahre zuvor das schlimmste Unglück in der Geschichte des sambischen Fußballs, nämlich das „Gabon Air Disaster“ ereignete. Kurzum, die Jungs haben einfach Geschichte geschrieben.

chris-cup Im Flutlicht: Jetzt mal ganz allgemein gefragt: was fasziniert dich so am Afrika-Cup?

Lorenz: Einer der wichtigsten Punkte hierbei ist für mich, dass sich „No-Name-Talente“ auf internationaler Bühne präsentieren können. Das ist für viele junge Spieler aus Afrika eine nicht zu unterschätzende Chance, sich für die Vereine in Europa empfehlen zu können. Außerdem ist es einfach diese besondere Unbeschwertheit, die dem Turnier innewohnt. Das äußert sich in traumhaft schönen Toren und anmutigen Spielzügen. Allerdings mündet diese Haltung auch oft in Konzentrationsmängel und Undiszipliniertheiten, die die ebenso berüchtigten Torwartfehler und Abwehrpatzer verursachen. Der Afrika-Cup vereint spielerische Klasse und Talent mit haarsträubenden Fehlern und Missgeschicken. Desweiteren fasziniert mich, was auf den Tribünen vor sich geht: einerseits diese unbändige, authentische Fankultur, andererseits die korrupten Machthaber in Fantasieuniformen mit ihren bonierten europäischen Begleitungen auf der VIP-Tribüne. Aber diese extremen Kontraste machen für mich das Turnier und auch den Kontinent Afrika allgemein aus.

Im Flutlicht: Gibt es noch andere Merkmale, die deiner Meinung nach den Afrika Cup so besonders machen?

Lorenz: Fankultur, Wasserschlachten, Spielkultur: all das ist einfach unglaublich authentisch. Beim Afrika-Cup gibt es keine Shakira, die play-back irgendetwas vor sich hin trällert, sondern dort überreicht ein indigener Stamm den Pokal nach dem Finale. Auch sind die Motivationen für die Spieler sehr unterschiedlich: junge afrikanische Talente wollen sich beweisen, während das Turnier für populäre Profis mit Verträgen in Europa teilweise fast schon eine Zumutung darstellen muss. Für Letztere lässt sich mit dem Afrika-Cup international gesehen kaum Geld und Prestige erringen. Außerdem müssen diese Topspieler mit der Favoritenrolle umgehen können und nicht selten kommt es vor, dass nach einer Blamage der Mob im eigenen Land schon darauf brennt, die Buden der Profis abzufackeln.

Im Flutlicht: Allerdings. Der eine oder andere afrikanische Nationalspieler ist aus solchen Gründen schon zurückgetreten. Als nächstes würde ich dich bitten, einen Vergleich anzustellen: worin siehst du die größten Unterschiede zwischen dem Afrika-Cup und anderen großen internationalen Fußballturnieren wie z.B. Welt- oder Europameisterschaften?

Lorenz: Sepp Blatters „Fußball-Disneyland“ lässt sich in Afrika nicht so einfach implementieren. Dort läuft alles unorganisierter, spontaner und chaotischer ab. Diese glatte und durschaubare Kunstwelt bei WM oder EM, die nur der Verkleidung von Kommerz dient, passt ganz einfach nicht zum afrikanischen Kontinent. Man darf nicht vergessen, dass der afrikanische Markt natürlich viel unattraktiver für Sponsoren ist. Desweiteren ist für mich der Fußball einfach auch irgendwie archaisch, unorganisiert, verroht, spontan, schmutzig und emotional, ganz einfach gesagt außeralltäglich. Diese künstliche Begeisterung und auch diese Wiederbelebung des deutschen Nationalstolzes bei internationalen Turnieren stoßen mich zunehmend ab. Auch sind die Spiele, abgesehen von der Taktik, meist recht langweilig und von der Fankultur, der jegliche Authentizität abgeht möchte ich gar nicht erst sprechen. Wer taktische und spielerische Meisterleistungen will muss Champions League schauen. Beim Länderfußball, vor allem in Afrika stehen für mich ganz einfach Spannung, Emotionen und Spaß im Vordergrund. Party und Tanz sich wichtiger als 4-4-2 oder 4-3-3. Und genau diese Einstellung findet man in Afrika einfach noch.

Im Flutlicht: Dacrazy-fans alles spricht auf alle Fälle für den Afrika-Cup als buntes Turnier voller Emotionen. Aber was spricht aus deiner Sicht dafür, dass der Afrika-Cup im Gegensatz zu anderen internationalen Turnieren alle zwei anstatt vier Jahre ausgetragen wird?

Lorenz: Mir persönlich als Afrika-Cup Liebhaber kommt es natürlich entgegen, dass das Turnier inflationär ausgetragen wird. Gleichzeitig wird diese Praxis kaum dazu beitragen, die Popularität und Außergewöhnlichkeit außerhalb Afrikas zu steigern. Als Vergleich: Wer nimmt denn schon Notiz von den inflationär stattfindenden Handballturnieren? Insgesamt finde ich das aber gar nicht negativ, weil so der Charakter des Afrika-Cups erhalten bleiben könnte.

Im Flutlicht: Findest du es denn auch sinnvoll, dass der Afrika-Cup in den Monaten Januar und Februar, also inmitten der Saison in Europa ausgetragen wird?

Lorenz: Für das Niveau ist das sicher nicht gerade zuträglich. Einerseits leidet die ohnehin zu kurze Vorbereitungszeit der Mannschaften da noch zusätzlich darunter. Und andererseits bleiben oftmals Profis, die in Europa spielen, deswegen dem Turnier fern. Insgesamt ist der Zeitpunkt, zu dem das Turnier stattfindet, weder für das Turnier, noch für die Klubs in Europa von Vorteil.

Im Flutlicht: Obwohl der Afrika-Cup bereits letztes Jahr stattgefunden hat, wird das Turnier dieses Jahr schon wieder ausgetragen, weil der Afrika-Cup in Zukunft immer in ungeraden Jahren, also zwischen Welt- und Europameisterschaften stattfinden soll. Was ist deine Meinung dazu?

Lorenz: Ich finde, dass der Afrika-Cup seinen eigenen Platz im Weltfußball verdient, was sich auch terminlich äußern sollte. Außerdem ist der Afrika-Cup somit nicht mehr nur eine Art Warm-Up für die WM und hat jetzt seinen eigenen Platz im Terminkalender, wie andere Kontinentalturniere auch.

Im Flutlicht: Südafrika, bereits Gastgeber der WM 2010, springt für das krisengeschüttelte Libyen als Ausrichter ein. Inwiefern werden sich diese beiden Turniere, also die WM 2010 und der diesjährige Afrika-Cup am meisten unterscheiden?

Lorenz: Die WM vor fast drei Jahren hat mir nicht gefallen. Man hatte einfach das Gefühl, dass sich Blatter damit nur die afrikanischen Stimmen für seine Wiederwahl sichern wollte. Vom bevorstehenden Afrika-Cup erhoffe ich mir erneut die bereits beschriebenen Charakteristika und denke, dass das Turnier spannender wird als jenes 2010. Eigentlich wünsche ich mir, dass alles mehr oder weniger so bleibt, wie es ist. Bloß nicht mehr Zuschauer in Europa und China bitte!

Im Flutlicht: Nun zum Sportlichen: wie schätzt du die fußballerische Entwicklung afrikanischer Teams ein?

Lorenz: Um hier wirklich eine fundierte Aussage zu treffen, bin ich nicht qualifiziert genug. Ich freue mich natürlich, viele afrikanische Talente in Europa bestaunen zu können, allerdings hängt der afrikanische Fußball meiner Meinung nach einfach zu sehr am europäischen Tropf. Dass es aber auch ganz ohne Profis aus Europa geht, hat Sambia letztes Jahr eindrucksvoll bewiesen. Vielleicht macht das den afrikanischen Fußball in Zukunft auch selbstbewusster. Allerdings denke ich, dass Afrika höchstens gerade so Schritt halten kann, wie man am Abschneiden bei der WM sieht. Ghana bei der letzten WM sehe ich da als Ausnahme und die Elfenbeinküste, eine der stärksten Mannschaften Afrikas, blieb deutlich unter ihren Möglichkeiten. Zudem sehe ich das Problem, dass der Klubfußball in Afrika, wie ich finde, immer noch unterentwickelt ist

Im Flutlicht: Wer sind denn für dich die Favoriten der diesjährigen Auflage?drogba-held

Lorenz: Standardmäßig ist hier auf jeden Fall die Elfenbeinküste zu nennen. Für mich eines der besten Teams weltweit, nicht nur in Afrika. Die Mannschaft ist top besetzt und hätte es sich auch verdient nach dem Drama letztes Jahr endlich den ersten Titel seit 1992 einzufahren. Mein Geheimtipp ist Ghana und ich hoffe, dass vielleicht eine der arg gebeutelten nordafrikanischen Nationen für eine Überraschung sorgen kann. Außerdem glaube ich, dass die durch die WM geschaffenen besseren Bedingungen in Südafrika aber insgesamt den Favoriten entgegen kommen. Die fast schon europäischen Standards dort werden dafür sorgen, dass es wohl dieses Jahr keinen Wasserschlachten wie letztes Jahr im Gabun und Äquatorialguinea geben wird.

Im Flutlicht: Was traust du dem Titelverteidiger aus Sambia zu?

Lorenz: So sehr mich Sambia letztes Jahr auch begeistert hat, erinnert mich das ganze doch sehr an Griechenland bei der EM 2004. Das Team kann mit der Rolle des Underdogs viel besser umgehen, als mit der des Titelverteidigers. Ich denke, dass ein Erfolg nicht wiederholbar ist, da sie mit dem Druck wohl nicht so gut zurecht kommen werden. Aber je länger man die hübschen sambischen Trikots im Turnierverlauf sieht, desto besser. Ich habe Samia in letzter Zeit etwas aus den Augen verloren und bin selber gespannt, ob und wie die gelungene Arbeit mit Talenten und Außenseitern fortgeführt wurde. Die Hoffnung auf eine weitere Überraschung besteht natürlich und man weiß schließlich nie, was beim Afrika-Cup so alles passieren kann.

Im Flutlicht: Könntest du dir vorstellen, den Afrika-Cup eines Tages live mitzuerleben.

Lorenz: Das wäre ein absoluter Traum, den ich vielleicht mal verwirklichen werde, wenn das Turnier mal wieder nach Nordafrika kommt. Dafür würde ich auch einiges in Kauf nehmen, denn diese Stimmung vor Ort mitzuerleben wäre mit Sicherheit sensationell.

Im Flutlicht: Angenommen, du würdest für ein Turnier deiner Wahl Freikarten bekommen. Für welches würdest du dich entscheiden? WM, EM, Afrika-Cup oder vielleicht doch Copa America?

Lorenz: Ganz klar Afrika oder Südamerika, weil die anderen beiden Turniere gewinnt eh Spanien und Hauptsache keine deutschen Chauvinisten. Zudem sind mir WM und EM zu kommerziell. Afrika-Cup und Copa America wären ganz einfach aufregender, es herrscht dort eine bessere Stimmung und bei WM und EM macht es für mich eh keinen Unterschied, ob live vor Ort oder im Fernsehen.

Im Flutlicht: Abschließend noch eine Frage: wer ist dein Lieblingsspieler und welches dein Lieblingsteam aus Afrika?

Lorenz: Es gibt viele Spieler, die mir sehr gut gefallen. Der Ex-Bielefelder Chris Katongo ist natürlich seit dem letzten Jahr eine Legende. Eboue von der Elfenbeinküste, der aktuell bei Galatasaray unter Vertrag steht, finde ich auch Klasse, wie allgemein die afrikanischen Legionäre, die in der Premier League spielen, besonders die Jungs von Arsenal. Lieblingsteam sind ganz klar, die Black Stars aus Ghana, denen ich auch dieses Jahr wieder die Daumen drücken werde.

Im Flutlicht: Recht herzlichen Dank für deine interessanten Ausführungen!

Hier noch ein absolut sehenswertes Video mit den legendärsten Szenen des Afrika-Cups 2012:

http://www.youtube.com/watch?v=Ji4DWBrYRh4

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3 Gedanken zu „Wo Träume wahr werden

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