Football for peace?!

Nach dem erfolgreichen Abschneiden bei der letztjährigen Auflage des Afrika-Cups will Mali dieses Jahr ganz hoch hinaus. Das Viertelfinale ist bereits erreicht und nun träumt ein ganzes Land schon vom Erfolg des Geheimfavoriten

„Un peuple, un but, une foi“ (deutsch: „Ein Volk, ein Ziel, ein Glaube“): so lautet der Wahlspruch der westafrikanischen Republik Mali. Davon ist zurzeimali-equipet nicht mehr viel übrig geblieben. Das Land ist seit dem Ausbruch der Unruhen im Norden des Landes gespalten. Anfang letzten Jahres begannen Rebellen der Tuareg von Libyen aus kommend mit der Unterstützung islamistischer Milizen den Norden Malis zu besetzen. Jene islamistischen Kräfte wendeten sich nach erfolgreichen Eroberungen gegen die Tuareg und wollten nun auf eigene Faust ihre Schreckensherrschaft etablieren. Das Land versank nun im völligen Chaos. Die politische Krise im Land spitzte sich so zu, dass die malische Regierung vor kurzem die ehemalige Kolonialmacht Frankreich um militärische Hilfe bat. Inmitten dieser Kriegswirren gibt es jedoch etwas, was die Menschen im Land ihre Sorgen ein wenig vergessen lässt und ihnen Anlass zur Hoffnung gibt: der Traum vom Triumph der Fußball-Nationalmannschaft beim diesjährigen Afrika-Cup in Südafrika.

Geplagtes Land

Für die Menschen in Mali sind die gegenwärtigen Zustände jedoch nichts Neues: immer wieder wurde das Land, das 1960 seine Unabhängigkeit erklärte, in der Vergangenheit von politischen und ökonomischen Krisen heimgesucht. Ab 1968 wurde das westafrikanische Land von Moussa Traoré, der durch einen Militär-Putsch an die Macht gelangt war, regiert. Bereits von 1989 bis 1994 ereignete sich ein Bürgerkrieg im Norden Malis, denn schon damals forderten die Tuareg Autonomie für die Provinz Azawad. Erst 1991 wurde der Alleinherrscher infolge der Märzrevolution gestürzt und fortan kam der Demokratisierungsprozess im Land in Schwung. Der Name des Nationalstadions in der am Niger gelegenen Hauptstadt Bamako erinnert daran. Denn während man sich in Europa bei den Namen der meisten Stadien eher an eine Einkaufsmeile erinnert fühlt, trieft der Name des größten Stadions Malis nur so vor wahrhaftiger Historizität: Stade du 26 mars (deutsch: Stadion des 26. März). An jenem Tag nämlich wurde das Regime Traorés nach tagelangem Generalstreik gestürzt und somit die Gewaltherrschaft beendet.

Die Anfänge des Fußballs

Fußball ist in Mali der Volkssport schlechthin. Die Bevölkemali-spielrung des Landes ist verrückt nach Fußball, überall sieht man Kinder und Jugendliche auf den Straßen spielen. Niemand stört sich daran, wenn der Ball nur aus alten Kleidungsresten zusammen geflickt wurde, Hauptsache der Ball rollt. Anfang des 20. Jahrhunderts importierten die französischen Kolonialherren den Sport nach Westafrika. Der noch heute in der ersten Liga vertretene Verein Jeanne d’Arc du Soudan gründete sich 1938 als erster Fußballklub Malis. Wenig später folgte Foyer du Soudan, der Vorgängerverein des heute erfolgreichsten Klubs des Landes, Djoliba AC. Seit der Unabhängigkeit dominieren bis heute ausschließlich in der Hauptstadt Bamako ansässige Vereine das Geschehen: neben eben besagtem Rekordmeister Djoliba AC waren und sind es vor allem Stade Malien de Bamako und AS Réal Bamako

Titel-Abonnement

Die deutsche Bundesliga rühmt sich gegenwärtig immer wieder ihrer Ausgeglichenheit und Spannung. Man ist froh, keine sogenannten „spanischen Verhältnisse“ zu haben, wo seit Jahren der FC Barcelona und Real Madrid sämtliche Titel unter sich ausmachen. Diese Tatsache ringt malischen Fußballfans jedoch bestenfalls ein müdes Lächeln ab, denn seit der Ligagründung 1966 wurden sämtliche Meisterschaften von einem der drei großen Klubs aus Bamako gewonnen. Derzeit führt – wen wundert’s – Stade Malien die Tabelle ungeschlagen und mit nur einem Unentschieden aus zehn Spielen souverän an. Da wirkt es fast schon etwas seltsam, dass der malische Pokal seit seiner Einführung 1961 bereits sieben Mal von anderen Teams gewonnen wurde. Am erfolgreichsten ist dabei Cercle Olympique, die schon dreimal triumphierten und – wie könnte es anders sein – natürlich aus der Hauptstadt Bamako kommen. In der letzten Saison gab es sogar ein weiteres Novum, das Pokalfinale fand nämlich zum ersten Mal in der Geschichte ohne Beteiligung eines der drei großen Vereine, ja sogar ohne Team aus Bamako, statt. Die erste Liga, genannt Première Division, ist erst seit 2004 professionell und wurde zur letzten Saison von vierzehn auf sechzehn Teams aufgestockt. Elf der aktuellen Erstligisten sind in Bamako beheimatet und in der Liga tummeln sich fast ausschließlich einheimische Spieler. Die wichtigsten Spiele des Landes sind die Derbys zwischen den drei Schwergewichten aus der Hauptstadt, wobei das ewige Duell zwischen Djoliba AC und Stade Malien die Zuschauer am meisten elektrisiert. Beide Teams trafen in dieser Saison im Rahmen des CAF Confederation Cup, dem afrikanischen Pendant zur Europa League, erstmals auf internationaler Bühne aufeinander.

Auf und abmali-fans

Für den Spitznamen der Nationalelf zeichnet sich der deutsche Weltenbummler Karl-Heinz Weigang verantwortlich: er ließ während seiner Amtszeit in Mali Trainingsanzüge mit einem Raubvogel auf dem Rücken anfertigen und fortan wurden seine Spieler von den Journalisten nur noch „Les Aigles du Mali“ (deutsch: Die Adler aus Mali) genannt. Die Geschichte der malischen Fußball-Nationalmannschaft ist geprägt von wenigen Höhe- und vielen Tiefpunkten. Bis zum Jahre 1972 befand sich die Auswahl des Landes im Aufschwung, der im 2. Platz beim Afrika-Cup in Kamerun im selben Jahr gipfelte. Die Mannschaft um den Nationalhelden Salif Keita, der 1970 als erster Malier Afrikas Fußballer des Jahres wurde und in Frankreich für AS Saint-Etienne und Olympique Marseille auflief, musste sich erst im Finale dem Team aus der Republik Kongo geschlagen geben. Einzig der Rekordtorschütze des Landes, Frederic Kanouté, der vor allem aus seiner Zeit beim FC Sevilla bekannt ist, konnte später noch einmal den Titel des afrikanischen Fußballer des Jahres nach Mali holen. Die Nationalmannschaft, die sich noch nie für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, verpasste in der Folge auch sämtliche Afrikameisterschaften bis zum Jahre 1994, wo man dann überraschenderweise bis ins Halbfinale vorstieß. Es folgte wieder ein Loch und erst 2002 nahm die malische Auswahl wieder am Afrika-Cup teil, was allerdings daran lag, das das Land Gastgeber des Turniers war. Getragen von der Euphorie drang die Mannschaft von Henryk Kasperczak bis ins Halbfinale vor und unterlag dann dem späteren Turniersieger Kamerun. Am Ende stand der vierte Platz zu Buche und die malische Bevölkerung war vom Fußballfieber infiziert. Es war ein Erfolg, der zwei Jahre später wiederholt werden konnte. Die einzigen internationalen Titel, die Mali vorzuweisen hat, sind drei Turniersiege beim Amilcar Cabral Cup, einem regionalen Turnier in Westafrika, das zuletzt 2007 gewonnen wurde.

Hoffnungsträger

Durch den erneuten Halbfinaleinzug im letzten Jahr, die Adler konnten in der Folge sogar noch das Spiel um Platz drei gegen Ghana für sich entscheiden, sind die Ansprüche in Mali weiter gewachsen. Infolge der beginnenden kriegerischen Auseinandersetzungen im Norden hat der Vater des Erfolges, der ehemalige Europameister Alain Giresse, jedoch das Handtuch geworfen und das Land verlassen. Dennoch erwarten die Bevölkerung und der Staatspräsident nun nicht weniger als den Titel. Der neue Trainer Patrice Carteron nimmt die Herausforderung an und will nun mit seiner Mannschaft so weit wie möglich kommen, um der Bevölkerung Malis etwas Freude zu schenken und für etwas Ablenkung vom traurigen und brutalen Alltag zu sorgen. Er glaubt jedoch nicht, dass der sportliche Erfolg den Menschen den Frieden bringen könne. In seinem Aufgebot befinden sich nur drei Spieler aus der einheimischen Liga, die meisten verdienen ihr Geld in Europa, vor allem in Frankreich. Die größte Verantwortung bei der diesjährigen Titelmission lastet dabei auf den Schultern des China-Legionärs Seydou Keita, der durch seine erfolgreiche Zeit beim FC Barcelona bekannt ist. Er feierte 1999 den bisher größten Triumph mit der malischen U-20 Nationalmannschaft, als das Team um ihn und den späteren Real-Profi Mahmadou Diarra bei der U-20 Weltmeisterschaft in Nigeria erst im Halbfinale am späteren Sieger Spanien scheiterte und das Turnier auf einem hervorragenden dritten Platz beendete.

Legionäre

Neben den berühmten malischen Legenden wie Salif Keita, Frederic Kanouté, Seydou Keita, Mahmadou Diarra, Mohamed Sissoko und dem in Mali geborenen Jean Tigana, gibt es nur wenige Spieler aus dem westafrikanischen Land, die hierzulande bekannt sind. Einziger aktueller Malier in der Bundesliga ist der beim SC Freiburg aufs Abstellgleis geratene Stürmer Garra Dembélé. Die Breisgauer scheinen jedoch schon immer ein Faible für Spieler aus Mali gehabt zu haben: bestimmt kann sich der ein oder an andere noch an die Zeiten erinnern, als Boubacar Diarra oder Soumaila Coulibaly im Trikot der Freiburger aufliefen. Letzterer spielte später auch noch kurze Zeit für die Gladbacher Borussia.

Am Samstag tritt die Auswahl Malis im Viertelfinale des Afrika-Cups gegen den Gastgeber Südafrika an. Den Menschen in Mali sei es vergönnt, dass sie einen Sieg ihrer Mannschaft bejubeln und all die schrecklichen Geschehnisse, die sich im Land zurzeit ereignen, zumindest für 90 Minuten vergessen können.

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