Preistreiber

In England kommt nur noch ins Stadion, wer es sich leisten kann die astronomischen Preise für Eintrittskarten zu bezahlen. Zwar sind wir in Deutschland noch meilenweit von Preisniveau auf der Insel entfernt, doch es gibt auch hierzulande bereits erste ernstzunehmende Entwicklungen in die falsche Richtung.

Wer kurzfristig noch eine Karte für ein Bundesligaspiel ergattern will oder beim Vorverkauf leer ausgegangen ist, für den gibt es im Internet noch eine Anlaufstelle, wo man sich berechtigte Hoffnungen auf Tickets machen kann – falls man denn bereit ist, das dafür nötige Kleingeld auf den Tisch zu legen. Die Rede ist von der Internetplattform Viagogo, wo Tickets für Veranstaltungen jeglicher Art ge- und verkauft werden können. So besitzt diese Form des Tickethandels zweifelsohne Vorteile, die direkt einleuchten: einerseits haben Leute, die ein Event kurzfristig doch nicht besuchen können, die Möglichkeit ihre Eintrittskarten noch loszuwerden und andererseits können dafür andere Leute der Veranstaltung beiwohnen. Es findet somit eine Umverteilung statt, die sowohl den Verkäufer, als auch den Käufer besser stellt. Im wirtschaftlichen Jargon würde man hierbei von einer „pareto-effizienten“ Verteilung sprechen. Doch genug des Lobes.

Schon seit längerem arbeitet Viagogo offiziell mit Vereinen zusammen, so auch mit dem deutschen Branchenprimus FC Bayern. Der chronisch ausverkaufte Rekordmeister hat sich dabei natürlich auch etwas gedacht, denn einerseits konnte somit der vor allem auf ebay florierende Schwarzmarkt eingedämmt werden und andergegen-viagogoerseits sprang für die Münchener dabei auch noch der ein oder andere Euro heraus. Was jedoch nicht heißen soll, dass auf Viagogo alles mit rechten Dingen zugeht. Die Internetplattform ist mittlerweile der Arbeitsplatz vieler professioneller Ticketverkäufer geworden. Diese Spezies reißt sich im Vorverkauf massenhaft Karten unter die Nägel, um diese dann vielfach teurer im Internet anzubieten. Und auch Viagogo profitiert davon: das Unternehmen lässt sich den Service mit horrenden Gebühren bezahlen, die der Käufer zusätzlich zum überteuerten Kaufpreis zu entrichten hat. Vor allem im Zuge des letztjährigen Champions League-Finals äußerten dann auch zahlreiche Anhänger der Bayern ihren Unmut über die Zusammenarbeit des eigenen Vereins mit Viagogo. Es wurde in der Folge vom Verein zwar untersagt, Tickets aus dem Kontingent der Bayern für das Finale im Internet zu versteigern, z.B. über ebay, doch der Weiterverkauf über den offiziellen Partner Viagogo stellte kein Problem dar. Konsequenterweise belegte der FC Bayern die schwarzen Schafe, die es dennoch nicht lassen konnten, Tickets im Internet versteigern zu wollen, mit einer Aberkennung der Mitgliedschaft (denn nur Mitglieder konnten Tickets für das Finale erwerben) und einem lebenslangen Ausschluss aus dem Verein. Andere, die sich mit dem Verkauf über Viagogo schön etwas dazu verdienten, blieben ungestraft, denn die Internetplattform war ja schließlich Partner des Vereins. Doch mittlerweile hat der Verein darauf reagiert und wird die Kooperation mit dem Internetanbieter, die diesen Sommer ausläuft, nicht verlängern.

Fans anderer VviaNOgoereine steht in Bezug auf Viagogo der ganze Ärger noch bevor: so stehen aktuell die Fans des FC Schalke und des Hamburger SV im Fokus. Anhänger der Königsblauen starteten jüngst die Initiative „viaNOgo“ und in der Hansestadt erreichten die Fans, dass der Klub seine Partnerschaft mit der Internetplattform nach nur einem Jahr im Sommer wieder beenden wird. Auf Schalke hatte man weniger Verständnis für den Ärger der Fans übrig. So wurde seitens der Vereinsführung eine für das Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf geplante Unterschriftenaktion untersagt, die die wütenden Schalker Anhänger dennoch durchführen wollen. Sie klagen, dass der Verein die Interessen seiner Fans hinter finanzielle Interessen eines zukünftigen Geschäftspartners stellen würde. Und dabei haben die Schalker Fans vollkommen recht, denn ab Sommer soll Viagogo für jedes Spiel der Schalker ein Kontingent über 300 Karten bekommen, dass dann mit bis zu hundertprozentigem Preisaufschlag zuzüglich Gebühren verkauft werden soll. Auch eine vereinseigene Ticketbörse, wo Restkarten bisher zum normalen Preis weiterverkauft werden können, soll ähnlich wie bei den Bayern künftig von Viagogo betrieben werden.

Wie in der aktuellen Ausgabe (#136) von 11Freunde zu lesen ist, regt sich auch auf der Insel Widerstand gegen Viagogo. Jüngst enthüllte ein Bericht der BBC die dunklen Machenschaften der Internetplattform, die gegen die Ausstrahlung gerichtlich geklagt hatte. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Außerdem strebt das Unternehmen laut dem Bericht von 11Freunde langfristig eine Etablierung eines „dynamic pricing“ an: soll bedeuten, dass die Tickets immer teurer werden, je näher das Spiel rückt. Schlussendlich führt das dazu, dass sich die Fans so früh wie möglich Karten sichern wollen, was den Vereinen volle Stadien und eine noch vollere Kasse garantiert. Dass dabei der Fan, der nicht mehr als ein solcher, sondern nur noch als Konsument wahrgenommen wird, damit ein Problem haben könnte, stört Viagogo mit Sicherheit nicht, aber auch einige Vereine könnte das in Anbetracht finanzieller Vorteile kalt lassen. Dabei vergessen die Akteure, die nur noch durch finanzielle Interessen geleitet werden, jeviaNOgo2doch, dass Fußball ein Sport ist, der ganz besonders durch seine Fans lebt. Somit möchte man zunächst denken, dass es für die Anhänger eigentlich leicht sein sollte, den eigenen Verein unter Druck zu setzen und die eigenen Interessen erfolgreich artikulieren und durchsetzen zu können. Doch das Problem ist hierbei, dass der Fußball in den letzten Jahren so an Popularität gewonnen hat, dass es immer irgendwelche Leute, egal ob treue Seele oder Mode-Fan, geben wird, die bereit sind für ein Ticket Unsummen an Geld auszugeben. Initiativen wie z.B. „Kein Zwanni“ in Deutschland oder die „Football Supporters‘ Federation“ unter dem Motto „Twenty’s Plenty“ in England kämpfen für bezahlbare Tickets. Schließlich hat es den Fußball auch schon immer ausgemacht, dass er ein Sport für alle und jeden ist. Auf den Rängen ein Querschnitt durch die Bevölkerung, wie er heterogener kaum sein könnte. Dies ist allerdings nur möglich, wenn Tickets für jedermann bezahlbar bleiben. Ansonsten bleibt der Stadionbesuch den Wohlhabenden vorenthalten und die ärmeren Fans werden sich in Kneipen vor den Fernsehgeräten scharen. Somit stellen auch hierzulande steigende Ticketpreise und Preistreiber wie Viagogo stellen eine ernstzunehmende Gefahr dar. Was von der in England einst blühenden Fankultur übrig geblieben ist, konnte man jüngst beim Gastspiel der Bayern im Emirates-Stadium, dem teuersten Stadion auf der Insel, ernüchternd feststellen. Keine Spur von Atmosphäre, die Gästefans beherrschten die Stimmung. Wer sich in Deutschland englische Verhältnisse wünscht, der mag Fan von Fußball als Unterhaltung sein, aber nicht Fan des Sports, der sich an Idealen orientiert, die man sich nicht einfach so kaufen kann. Nicht einmal auf Viagogo.

Hier noch ein Hinweis auf ein brandaktuelles Interview auf 11Freunde.de:
Schalke-Fans gegen Viagogo

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Der Traumstudiengang eines jeden Fußballverrückten

Während meiner Schulzeit musste ich in der elften Jahrgangsstufe ein ganzes Jahr lang das Fach „BuS“ über mich ergehen lassen. Wobei selbst die Formulierung „ergehen lassen“ noch den reinsten Euphemismus darstellt. Es wird kaum jemanden verwundern, dass diese drei Buchstaben nichts, aber auch rein gar nichts mit einem gewissen Personenbeförderungsmittel zu tun haben. Leider. Denn diese drei Buchstaben waren das mysteriös anmutende Akronym für „Berufs- und Studienwahl“. Das bayerische Kultusministerium hatte in jüngerer Vergangenheit schon mehrere Schnapsideen in die Wirklichkeit umgesetzt, doch die Idee für das Fach „BuS“ musste dem Anschein nach auf einer ziemlich üblen Flatrate-Party entstanden sein. Da sich angeblich viele junge Leute auf dem Gymnasium heutzutage nicht hinreichend mit ihrer zukünftigen Berufs- bzw. Studienwahl beschäftigten, führte man also dieses Fach an, das wahlweise von fachkundigen Erdkunde- oder Sportlehrern unterrichtet wurde. Auf dem Lehrplan stand natürlich auch ganz standesgemäß ein Besuch beim örtlichen Arbeitsamt. Ein Test, der anhand unserer Vorlieben und Fähigkeiten unser zukünftiges Berufsbild beschreiben sollte, lieferte mir das Ergebnis, dass ich später einmal als Waldarbeiter voll aufblühen würde. Ja, ganz genau, als Waldarbeiter. Den ganzen Tag im Wald stehen und Holz machen. Die Waldarbeit in Ehren, aber ich konnte mir kaum vorstellen, dass ich in diesem Job jemals Erfüllung finden würde.

Und eigentlich war ich ja ein ganz klarer Fall. Zumindest aus meiner Sicht. Bis ich feststellte, dass es augenscheinlich keinen Studiengang gibt, der geballtes Fußballwissen und unendliche Hingabe an diesen Sport fordert. Enttäuscht musste ich zur Kenntnis nehmen, dass es eben niemanden so wirklich interessiert, wenn man sein Wochenende auf dem Sportplatz von Kreisligisten verbringt oder sich nächtelang im Internet Artikel über Fußballtaktik oder die neuesten Entwicklungen der polnischen Hooliganszene reinzieht. Der sportlich-praktische Teil stand zudem außer Frage, da ich mich niemals durch übermäßiges Talent hervortun konnte. So musste ich also, entgegen meiner eigenen Begabungen und Interessen, einen dieser konventionellen Studiengänge auswählen. Doch schon damals träumte ich davon, was ich nun in vollendeter Form darstellen will: den Studiengang Fußballwissenschaften.

Aller Anfang ist schwer

Wie jeder angesehene Studiengang, der sich für etwas Besonderes hält, zeichnet sich natürlich auch der Studiengang Fußballwissenschaften durch einen schier wahnwitzigen Aufnahmetest aus. Es sollen ja nur die besten Leute zum Zug kommen. Wer also nicht weiß, wann Rudi Völler als Spieler zur Roma wechselte und wie viele Tore er in wie vielen Spielen für die Mannschaft aus der ewigen Stadt erzielte, der kann gleich mal einpacken. Weiß jemand um die Anzahl der Verwarnungen von Tante Käthe in diesem Zeitraum, so bekommt er sogar einen Bonuspunkt. Schließlich stellen solche Fakten ja nur die Grundlage für ein erfolgreiches Studium dar. Wer dieses Martyrium erfolgreich überstanden hat, darf sich glücklich schätzen, denn derjenige ist nun Teil eines elitären Zirkels.

Wie jeder andere Studiengang beginnt auch das Studium der Fußballwissenschaften mit eher unspektakulären Veranstaltungen. Zunächst müssen die Frischlinge also verschiedenste, grundständige Einführungsvorlesungen besuchen. Dabei werden sie auch gleich mit der Struktur des Studiengangs vertraut gemacht, denn dieser gliedert sich in die drei Fachgebiete „Fußballgeschichte“, „Fußballtaktik“ und „Fankultur“. Am aufschlussreichsten dürfte für die Anfänger wahrscheinlich die wissenschaftliche Übung namens „Statistische Datenanalyse“ sein: hier werden den Studierenden die grafischen Analysen von SKY näher gebracht. Was beim Normalofan Samstag für Samstag nur zu Kopfschütteln führt, wird hier genauer erläutert, so dass die Studierenden nun etwas mit den scheinbar willkürlich aufblinkenden Pfeilen und Punkten sowie Quadraten in jeglicher Couleur anzufangen wissen.

Für Fortgeschrittene

Nachdem die ersten beiden Semester geschafft sind, dürfen sich die Studierenden nun im Vertiefungsmodul spannenderen Aufgaben widmen. Auch im Studiengang Fußballwissenschaften wird viel Wert auf Auslandserfahrung gelegt: so ist es für jeden notwendig, ein Groundhoppingsemester zu absolvieren. Während dieses etwas speziellen Auslandsaufenthalts müssen die Studierenden mindestens 50 Spiele in fünf verschiedenen Ländern besuchen. Dabei ist der Besuch von mindestens fünf Risikospielen à la Boca Juniors gegen River Plate oder Wisla Krakau gegen Cracovia selbstredend obligatorisch. Etwas gemütlicher wird es für die Studenten bei einer Exkursion, die wahrscheinlich jedem auf Lebenszeit in Erinnerung bleiben wird: ein Besuch des legendären Fußballtalks „Doppelpass“. Fortan wird sich nämlich jeden Sonntag ein Student der Fußballwissenschaften zu Jörg Wontorra und Co. gesellen, denn die Macher der Sendung haben sich endlich dazu entschlossen, die Gäste von der Bild-Zeitung durch fachkundigeres Personal zu ersetzen. Allerdings muss sich jeder Student zunächst über die Vorstufe „Mobilat Fantalk“ für die Teilnahme am „Doppelpass“ qualifizieren. Eine harte Nuss also. Für eine erfolgreiche Teilnahme am Seminar „Doppelpass“ muss der Student dann nur noch ein paar lächerliche Aufgaben erfüllen: zum einen müssen mindestens fünf Weißbier während der Sendung getrunken werden und zum anderen müssen so viel Sprüche geklopft werden, dass das Phrasenschwein mit mindestens fünfzehn Euro gefüttert wird.

Das Vertiefungsmodul bietet jedoch noch weitere Leckerbissen: der Student darf selbst am Dreh einer weiteren Folge von Danny Dyers „International Football Factories“ teilnehmen, muss sich verschiedenste Klassiker im Genre der Hooliganfilme ansehen und diese analysieren und zu guter Letzt müssen alle Spiele eines Afrika-Cups live mitverfolgt und protokolliert werden.

Praxisbezug

Selbstverständlich verzichtet der Studiengang Fußballwissenschaften jedoch nicht gänzlich auf den sportlichen Aspekt. So muss der Student mindestens drei Semester lang einen Fußballkurs belegen. Um eine Einstufung nach Können und Leistungsvermögen zu garantieren, müssen die Studierenden ganz im Stile des „Aktuellen Sportstudios“ an der Torwand antreten. Wer sechs Treffer erzielt, spart sich die Teilnahme am Fußballkurs und darf eine ruhige Kugel schieben. Zur Belohnung gibt es noch einen Blick hinter die Kulissen bei „ran“, wenn Hannover 96 mal wieder donnerstags irgendwo in der Ukraine antreten muss. Alle anderen, die es nicht zu sechs Treffern bringen, müssen nun solange an einem Fußballkurs teilnehmen, bis sie das Niveau „Mario Basler“ erreicht haben. Wer es also gewohnt ist, volltrunken zu spielen, hat gute Chancen dieses Niveau zu meistern. Dass dabei vor allem Studierende, die während ihrer Jugend unterklassig gespielt haben, Vorteile besitzen, sollte jedem klar sein.

Abschluss

In einem letzten Modul, dem sogenannten „Kompetenzmodul“, erlernen die Studierenden Fertigkeiten, die ihnen im Alltag weiterhelfen. So muss das Liedgut des Lieblingsvereins fehlerfrei beherrscht werden, wobei nicht auf gesangliche Fähigkeiten, sondern nur auf Lautstärke Wert gelegt wird. Ebenfalls muss jeder Student mit den Methoden der empirischen Stadionbier und –wurstanalyse vertraut sein. Am allerwichtigsten ist jedoch, dass die wissenschaftliche Übung „Sicheres Abbrennen von Pyrotechnik“ mit Bravour bestanden wird. Hat der Studierende all diese Hürden erfolgreich genommen, so stehen ihm nur noch zwei Aufgaben bevor: ein Praktikum und die Abschlussprüfung. Um zu Letzterer zugelassen zu werden, muss ein mindestens 34-spieltägiges Praktikum bei einer anerkannten Ultragruppierung geleistet werden. Damit sich der Student mit dem Titel „Bachelor of Arts Fußballwissenschaften“ rühmen kann, muss nun die Abschlussprüfung bestanden werden. Diese besteht darin, vollkommen nüchtern das Montagabendtopspiel zwischen dem SV Sandhausen und Erzgebirge Aue an der Seite von Thomas Herrmann zu kommentieren. Wer dabei nicht einschläft oder vorzeitig entnervt das Studio verlässt, den darf man beglückwünschen. Mit diesem Abschluss dürfte man zwar nicht allzu große Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, doch ein jeder Fußballverrückter könnte sich zumindest sicher sein, dass er seine Studienzeit äußerst sinnvoll und ereignisreich verbracht hätte. Wobei die Chancen auf einen Arbeitsplatz nicht gänzlich bei null sind, denn irgendwo her muss Sky seine Kommentatoren ja schließlich auch bekommen.

Unterhaltung vom feinsten!

Der Afrika-Cup 2013 machte seinem Ruf alle Ehre: Traumtore, Patzer und Showeinlagen en masse. Im Flutlicht lässt die schönsten, lustigsten und denkwürdigsten Momente des Turniers Revue passieren.

Der Auftakt des diesjährigen Afrika-Cups ließ nichts Gutes erhoffen, denn am Anfang stand die Null. Gastgeber Südafrika mühte sich zu einem torlosen Unentschieden gegen den Neuling von den Kap Verden und im Spiel zwischen Angola und Marokko fielen auch keine Tore. Gleich zu Beginn des Turniers die volle Dröhnung für all diejenigen, die es kaum mehr erwarten konnten, sich auf Eurosport endlich wieder Leckerbissen wie Burkina Faso gegen Äthiopien in voller Länge reinzuziehen. Auch wenn die ganz großen Schützenfeste im späteren Turnierverlauf ausblieben, so hatte der diesjährige Afrika-Cup dennoch das ein oder andere unvergessliche Schmankerl zu bieten.

Kidiaba-Style

Dieumerci Mbokani erzielte per Elfmeter den Ausgleichstreffer im Spiel zwischen der Demokratischen Republik Kongo und Ghana. So weit, so unspektakulär. Doch einen auf dem Platz freute dieser Treffer ganz besonders: Kongos Torhüter Robert Muteba Kidiaba. Um seiner Freude Ausdruck zu verleihen, packte er einen ganz besonderen Tanz aus, der sicherlich bald die nächste Revolution auf den Tanzflächen hierzulande anzetteln wird. Da kann der Gangnam-Style mal schön einpacken. Ein Schelm, wer denkt, dass Kidiaba sich diesen unvergleichlichen Move nur ausdachte, um auf den Einkaufszettel europäischer Spitzenklubs zu kommen.

Kongo-Keeper Kidiaba Torjubel

 

Mit Äthiopiern ist nicht zu spaßen

Der Titelverteidiger Sambia bekam es in seinem Auftaktspiel mit dem vermeintlich leichten Gegner Äthiopien zu tun. Ein Pflichtsieg für die „Chipolopolo“. Eigentlich. Das Spiel endete 1:1 unentschieden, doch die wahrlich großen Momente dieses Spiels waren nicht die Tore. Im Blickpunkt des Spiels stand der äthiopische Keeper Jemal Tassew, der einen herannahenden Stürmer Sambias außerhalb des Strafraums so heftig niederstreckte, dass er die rote Karte nur noch von der Trage aus in Empfang nehmen konnte. Bruce Lee und Nigel de Jong wären stolz auf ihn gewesen. Außerdem sehenswert: der sambische Gebetskreis vor dem äthiopischen Block nach dem Führungstreffer. Die Anhänger Äthiopiens fanden das allerdings nicht so lustig und setzten die nervtötenden Vuvuzelas als Wurfgeschosse ein, um den Torjubel der Sambier jäh zu unterbrechen.

Zusammenfassung: Sambia-Äthiopien

Torjubel Sambia

 

Die Uhren ticken anders

Ein weiteres Highlight des Turniers war im Spiel Togo gegen Algerien zu bestaunen. Nachdem ein algerischer Stürmer eine Flanke unterlaufen hatte, hoffte er darauf, dass ihn das Tornetz sanft auffangen würde. Doch falsch gedacht. Das Tor brach unter der schweren Last zusammen und konnte erst mit vereinten Kräften wieder aufgestellt werden, was mal eben ganze fünf Minuten dauerte. Warum der Schiedsrichter jedoch geschlagene dreizehn Minuten nachspielen ließ, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben.

Togo-Algerien: Tor Adebayor, kaputtes Tor und 13 Minuten Nachspielzeit

Togo-Algerien: Tor bricht zusammen

 

Tunesisches Traumtor

Youssef Msakni war der Spieler des Tages in der Partie zwischen Tunesien und Algerien. Mit einem sehenswerten Fernschuss erzielte er in der Nachspielzeit den Siegtreffer für seine Tunesier. Wohl eines der schönsten Tore der diesjährigen Auflage des Afrika-Cups. Einfach nur genießen!

Traumtor Youssef Msakni

 

Fußballübertragung der Extraklasse

Ein weiteres Spektakel bot das Halbfinale zwischen dem Favoriten Ghana und dem Außenseiter Burkina Faso. Beide Mannschaften boten unter widrigen äußeren Umständen ein recht gutes Spiel. Denn der Rasen war nicht wie anfangs gedacht in schlechtem Zustand, er war in ganz und gar katastrophalem Zustand. Der Kommentator klärte die Zuschauer nämlich wenig später auf, dass der Rasen infolge starker Regenfälle nun von einem Pilz befallen worden sei. Prost, Mahlzeit! Anfangs noch von Hobbymeteorologen in unserem erlesenen Zuschauerkreis als Schnee deklariert, flogen zudem in Scharen mutierte Motten über das Spielfeld, was auch dem aufmerksamen Zuschauer zuhause nicht entging, da sich mehrmals während der Übertragung eines dieser Ungetüme direkt vor der Kamera niederließ.
Außerdem erwähnenswert: der Kommentator dieses Spiels, der sich ein ums andere Mal als Fan der Burkinabe äußerte. Endlich Schluss mit dieser Pseudo-Unparteilichkeit bei Fußballübertragungen. Einfach mal Fan sein, Emotionen zeigen und die Objektivität links liegen lassen. Der Afrika-Cup auf Eurosport macht’s möglich! Spätestens als der Schiedsrichter durch eine skandalöse Fehlentscheidung den Ex-Freiburger Jonathan Pitroipa vom Platz stellte, anstatt Elfmeter für Burkina Faso zu geben, wurde auch dem Letzten vor dem Bildschirm klar, für wen das Herz des Kommentators schlug. Er bezeichnete den Unparteiischen fortan abfällig als „komischen Tunesier“ und wertete dessen Entscheidung in bestem Marcel-Reif-Kommentatorendeutsch als „hanebüchen“.

Last but not least reihte sich Aristide Bancé während des Elfmeterschießens in die Riege der ganz großen Schützen ein. Er machte den Panenka, bzw. seit letztem Sommer würden man auch sagen den Pirlo. Dass jemand wie Aristide Bancé in so einer Situation so etwas macht, verwundert kaum. Wohl ihm, dass er getroffen hat, denn sein Haus würde jetzt sonst wohl nicht mehr stehen.

Zusammenfassung: Burkina Faso-Ghana

Ghana-Keeper feiert seien Parade!

 

Pack den Hammer aus!

Im Viertelfinale erzielte der Nigerianer Emmanuel Emenike, seines Zeichens Stürmer bei Spartak Moskau, einen sehenswerten Freistoßtreffer gegen die Elfenbeinküste um Topstar Didier Drogba. Zugegebenermaßen, ganz unhaltbar war der nicht. Aber für die Ivorer reichte es – mal wieder – nicht für den Titel. Der ganz große Wurf scheint dieser goldenen Generation der Elfenbeinküste wohl verwehrt zu bleiben. Es ist zumindest fraglich, ob Drogba beim Afrika-Cup 2015 in Marokko nochmal mit von der Partie sein wird.

Emenike Freistoßtor

Sunday Mbas Solo zum Siegtor gegen die Elfenbeinküste

 

Sepp Blatter, Mba Traumtor

Im Finale waren die Rollen, ähnlich wie schon im Vorjahr, klar verteilt: Nigeria war ganz klarer Favorit gegen den Außenseiter aus Burkina Faso. Vor Beginn des Spiels erwiesen Sepp Blatter und zahlreiche andere Funktionäre bzw. Verbands- und Staatspräsidenten den Spielern und Trainern die ganz große Ehre und schüttelten jedem, selbst dem Physiotherapeuten auf der Ersatzbank, höchstpersönlich die Hand. Auch so etwas gibt es wohl nur beim Afrika-Cup. Während des Spiels boten beide Mannschaften weitestgehend magere Kost, lediglich Aussetzer der Abwehrreihen sorgten für die eine oder andere Chance. Sunday Mba erzielte das Tor des Tages und bescherte Nigeria zum dritten Mal den Titel beim Afrika-Cup. Die Burkinabe hatten dem nur wenig entgegen zu setzen und somit blieb die Sensation im Gegensatz zum Vorjahr aus. Alles in allem ein Afrika-Cup, der uns nicht enttäuschte und an den sich auch mit Sicherheit noch unsere Kinder erinnern werden.

Zusammenfassung: Nigeria-Burkina Faso

Zusammenfassung Finale Afrika-Cup 2013

Wie die Premier League ihre Seele verkauft hat

Die englische Premier League gilt allgemein als die beste Liga der Welt. Doch was steckt wirklich hinter der Liga der Superlative? Ein Kommentar

Es ist noch nicht allzu lange her, da verfielen hierzulande nahezu alle vermeintlichen Fußballexperten in frohlockende Jubelarien, wenn es um die englische Premier League ging. Schneller, atemberaubender Fußball von der Insel verzückte die Freunde des runden Leders. Somit hatte die englische Liga all das, was der Bundesliga damals fehlte: Topteams, die sich teure, internationale Stars leisten konnten und schnellen, aufregenden Fußball zeigten. Sie war rundum besser als die Bundesliga, die damals noch ein Dasein als graue Maus fristete und außer dem FC Bayern keinen konstant international konkurrenzfähigen Klub zu bieten hatte. Jene Fußballfans fühlten sich angezogen durch die spannenden und intensiven Duelle, die die Premier League wöchentlich zu bieten hatte. Für sie war die Liga im Mutterland des Fußballs das Nonplusultra. Die Premier League, ein Sinnbild für den modernen Fußball, schien den anderen europäischen Ligen auf lange Zeit hin zu enteilen. Das Ganze ist nun etwa zehn Jahre her und die Bundesliga hat inzwischen mächtig aufgeholt. Doch es gibt noch mehr Gründe, warum man die Bundesliga in ihrer jetzigen Form schätzen sollte.

Sie galt als unantastbar, war Vorbild für viele Generationen von Fans, doch heute ist sie nahezu tot: die Rede ist von der englischen Fankultur. Während früher Gesänge britischer Anhänger regelmäßig für Atmosphäre im Stadion sorgten und man sogar vor dem Fernseher eine Gänsehaut bekam, ist es nun so weit, dass englische Fans nach Deutschland kommen, um im Stadion Fußball zu sehen. Dafür gibt es mehrere, nachvollziehbare Gründe: zunächst die exorbitanten Ticketpreise, die ein Normalverdiener kaum bezahlen kann. Trauriger Höhepunkt war zuletzt, als es Fans von Manchester City beim Auswärtsspiel beim FC Arsenal verboten wurde, durch ein Transparent ihrem Unmut über die teuren Tickets Luft zu machen. Die Premier League tendiert allgemein dahin, alles zu verbieten, was nicht in das Konzept der glatt polierten Liga der Superlative passt. So wird in den Stadien nur noch alkoholfreies Bier ausgeschenkt, Stehen ist in den reinen Sitzplatzstadien sowieso verboten und Gesänge werden mittlerweile von vielen Zuschauern nur noch aufgrund ihrer historischen Bedeutung geduldet. Zwar geht es in der englischen Premier League auf dem Rasen immer noch rasant zu, doch auf den Rängen herrscht gähnende Langeweile. Es ist kein Wunder, dass bei diesen Umständen keine Stimmung aufkommen will. Die Tribünen der englischen Stadien sind bevölkert von Fußballtouristen aus aller Welt, die dem großen Spektakel unbedingt live beiwohnen wollen. Und so kommt es auch, dass es sich bei den Zuschauern in der Premier League nur mehr um ein Operettenpublikum handelt, dass die Aufführung in Ruhe und mit einer gewissen Distanz zum Geschehen genießen will und nicht mehr durch Rufen und Gesänge den Spielverlauf aktiv zu beeinflussen versucht.

Das Publikum in der Premier League ist ein Sinnbild für die Internationalisierung, die auch in den Klubs schon seit langer Zeit Einzug gehalten hat. Viele Klubs werden von ausländischen Investoren gehalten und fungieren oftmals nur noch als deren Spielzug, das zudem Gewinne in nicht zu geringem Ausmaß abwerfen sollte. Auch deswegen wenden sich in England viele Fans vom Fußball ab, ganz einfach weil sie sich mit den Vereinen in ihrer heutigen Form kaum mehr identifizieren können. Das Unternehmen Premier League ist international zuhöchst erfolgreich, doch den nationalen bzw. regionalen Bezug hat es vollständig verloren. Doch natürlich gibt es auch Fans, die so etwas gutheißen. Und zwar jene Fans, die sich über all das freuen, was der moderne Fußball mit sich bringt: teure Transfers von namhaften Spielern, rundum Wohlfühlerlebnis im Stadion und Bezahlfernsehen, mit dem man alle Spiele auch bequem von zuhause aus ansehen kann. Der Fußball ist nur noch Produkt, das durch die Marke Premier League vermarktet wird. Was die Fans denken ist egal, ihre Stimme zählt nicht. Den Zuschauer bzw. Fan, den die Premier League haben will, der zahlt, konsumiert und hält seine Klappe. Genau das hat die alteingesessenen Fans verprellt. Diejenigen unter ihnen, die sich noch für Fußball interessieren, tummeln sich nun in den Pubs, wo am Spieltag mehr Stimmung herrscht als im Stadion.

Zu guter Letzt ist der englische Fußball auch aus sportlicher Sicht nicht gerade zu beneiden. Der Tempofußball ist in der Premier League mittlerweile zum Selbstzweck geworden. Die Fans wollen unterhalten werden und dazu sind ihnen eben Tore und Spektakel wichtiger als taktische Meisterleistungen und defensive Bollwerke. Somit leidet auch die Entwicklung des Sports unter den kommerziellen Aspekten, die immer wichtiger werden und zuletzt auch die Selbsterhaltung des Systems Premier League gewährleisten. Denn nur wenn der Fußball als Produkt weiterhin genügend Umsatz generiert, kann die Premier League in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben. Der sportliche Aspekt gerät somit immer mehr in den Hintergrund. Dieser Teufelskreis, der mit der zunehmenden Kommerzialisierung einhergeht, sollte anderen Ligen eine Warnung sein, denn der Glanz, den die Premier League nach außen hin ausstrahlt, hat einen teuren Preis.

Außerdem empfehle ich zu diesem Thema folgende Dokumentation:
Verrückt nach Fußball (3): Der englische Fußball
Auch die anderen Dokumentationen aus dieser Reihe über Polen/Ukraine und Italien sind wärmstens zu empfehlen.

Die beste Liga der Welt?!

Diesmal eine ganz besondere Ausgabe der Rubrik „Zweikampf“: René Marić, Autor bei abseits.at und Spielverlagerung, der aktuell besten deutschen Website in Sachen Fußballtaktik, stand Im Flutlicht Rede und Antwort. Von Millionentransfers, großen Trainern und Individualität.

Im Flutlicht: Die Premier League wird allgemein als die beste Liga der Welt bezeichnet. Inwiefern lässt sich diese Aussage aus taktisch-theoretischer Perspektive stützen?

René Marić: Schwierig zu sagen. Taktik ist zwar für viele in der Spielbetrachtung und Meinungsbildung zunehmend wichtiger geworden, aber Taktik ist nicht alles. Viele bevorzugen die Premier League, weil sie etwas offener ist, dynamischer, weniger abwartend und intensiver.
Oftmals sind jene, die sie als beste Liga der Welt bezeichnen auch solche Leute, welche Taktik eher mittelmäßig sehen. Andererseits ist die Premier League auch keineswegs taktisch schwach – sie ist nur in diesem einen Aspekt in der Breite schwächer als manche anderen Ligen, während sie in anderen nach wie vor das Maß aller Dinge darstellt.
‚Wo haben sonst auch potenzielle Absteiger die Möglichkeit in namhafte Spieler zu investieren? Zum Beispiel gab es 85 Millionen € Verlust gab es bei den Wintertransfers. Da kaufte sich Newcastle einfach mal drei der interessantesten Ligue-1-Spieler, um im Abstiegskampf bessere Karten zu haben. Liverpool holt sich zwei sehr talentierte Flügelstürmer, um ihre Mannschaft im Kampf um einen Europapokalplatz zu wappnen.
Die Queens Park Rangers  kaufen sich zwei hierzulande eher unbekannte Spieler für 25,5 Millionen. Das ist eine Mannschaft, die mit 17 Punkten nach 25 Spielen auf dem letzten Platz steht. Southampton, ein Aufsteiger, hat ebenfalls in dieser und der Sommertransferphase über 40 Millionen € Miese gemacht. Man stelle sich vor, Greuther Fürth, der FC Augsburg oder 1899 Hoffenheim würden in diesen Größenordnungen und auf diese Art und Weise handeln. Wir schreien doch schon bereits bei den Investitionen des VfL Wolfsburg auf!
Die Risikobereitschaft, das Spektakel um die Liga und die individuelle Qualität der Vereine in der Breite sind also schon sehr beeindruckend, muten aber etwas befremdlich an.

Im Flutlicht: Wtaktiktafelo siehst du die derzeit wichtigsten taktischen Entwicklungen in der Premier League?

René Marić: Die wichtigsten Entwicklungen? Schwierig zu beantworten. Viele Mannschaften entwickeln sich ja abgesondert von den anderen in gewisser Art und Weise, anstatt dass sich die Liga kollektiv entwickelt. Ferguson verfolgt andere Ideen als Mancini, Benitez, Villas-Boas, Rodgers oder gar Swansea per se als Verein mit Laudrup, Martinez – aktuell bei Wigan –, Sousa und Rodgers – aktuell bei Liverpool – als Umsetzer.
Dann gibt es wiederum einige Mannschaften ohne wirkliche taktische Ideen, die sich lediglich mit dem Spielermaterial an den Gegner oder die Situation im Verein anpassen. Einen englischen Taktikstil gibt es nicht, während in Deutschland die taktische Anpassung an den Gegner und das strukturierte Pressing im Fokus stehen. In Spanien sind die Dominanz (auf welche Art und Weise auch immer, auch ohne Ballbesitz) und das Befolgen eigener Spielprinzipien durch die Bank sichtbar.

Im Flutlicht: Worin unterscheidet sich der englische Fußball aus taktischer Perspektive am meisten vom Fußball auf dem Kontinent?

René Marić: Das Pressing und die grundlegenden taktischen Umsetzungen wirken weniger strukturiert, das Umschaltspiel weniger konstant und Gegenpressing gibt es kaum beziehungsweise nur vereinzelt. Passend dazu las ich einst eine Statistik, dass die Laufleistung in England – entgegen der wohl weitläufigen Meinung – geringer ist als in Deutschland oder Spanien, auch in internationalen Wettbewerben fällt dies ins Auge.
Der englische Fußball ist körperlicher, robuster und intensiver in der Zweikampfführung, allerdings im Großen und Ganzen taktisch weniger ausgereift, obwohl die Ideen da sind. In England wird sich auch oft auf die Individualtaktik und die einzelnen Spielerleistungen berufen, während in Italien das Kollektiv und die Komprimierung spielstrategisch relevanter Zonen eingedämmt werden.
Den größten Defensivfokus sehe ich in Frankreich, den höchsten Offensivfokus in den Niederlanden oder in Spanien, wenn man es auf die großen vier Ligen einschränkt
Deutschland ist eine Mischliga mit vielen Einflüssen von überall, wo aber die Struktur der Mannschaft und die taktische Disziplin wohl am größten sind. Spanien ist da etwas individueller, Italien auch und England sowieso.
Jedoch gibt es in allen Ligen einige Vereine, die deutlich aus der Reihe tanzen.

Im Flutlicht: Die englischen Topklubs geben Unsummen für Spieler mit großen Namen aus, was in einigen Fällen konzeptlos wirkt. Könnte man deshalb behaupten, dass in der Premier League vor allem Heroenfußball gespielt wird, wo es vor allem auf die individuellen Fähigkeiten der Spieler ankommt?

René Marić: Ein bisschen, ja. Aber es wird durchaus darauf geachtet, dass die jeweiligen Spielertypen zueinander passen und sich in der Gruppentaktik passend ergänzen. In Deutschland wird das aber anders gehandhabt. Hier wird versucht aus weniger individueller Qualität mehr im dazu passend erschaffenen System zu machen.
In Spanien ist es ebenfalls anders, hier gibt es allerdings kaum individuelle Ergänzung, sondern Einbettung in eine Spielphilosophie. Auch hier ist das beste Beispiel der FC Barcelona, wo man keinen rustikalen Spieler neben den „Zwergen“ wollte, sondern mehrere Zwerge miteinander hat. In England stellen lediglich Stoke und Swansea ihre Mannschaft so zusammen, mit Abstrichen noch West Ham United. Allerdings konzentriert sich nur Swansea dabei auf spielerische Aspekte.

Im Flutlicht: Pep Guardiola wechselt im Sommer nach München und nicht, wie erwartet, auf die Insel. Gibt es deiner Meinung nach auch taktische Gründe für Guardiolas Wechsel nach Deutschland?

René Marić: Naja, vielleicht will er sich ja mit Klopp, Streich und Tuchel messen. Ich persönlich denke eher, dass die taktischen Gründe nicht in Deutschland liegen, sondern beim FC Bayern – sie kamen europaweit von allen potenziellen Kandidaten seiner Spielphilosophie wohl am nächsten. Mal sehen, wie sich Pep Guardiola über die taktische Qualität seiner Trainerkollegen in der Bundesliga äußern wird. Mit Spanien dürfte diese nämlich europaweit am höchsten sein.

Im Flutlicht: Vorrunden-Aus in der Champions League für Manchester City und den FC Chelsea. Manchester United und der FC Arsenal im Achtelfinale mit großen Gegnern vor der Brust. Die Nationalmannschaft hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Verliert der englische Fußball in Zukunft international an Bedeutung oder ist dies nur eine Momentaufnahme, die man nicht überbewerten sollte?

René Marić: Beides. Wobei die Nationalmannschaft ja ein eigenes Thema ist – da wurde so viel falsch gemacht, sich selbst überschätzt und Spielerpotenzial verkannt. Matt Le Tissier, ein genialer Spieler, wurde niemals eingesetzt. Paul Scholes musste sich für schwächere Fußballer auf dem Platz opfern und spielte auf Positionen, die von seiner Idealposition so weit weg sind, wie ein sauberer Radsport von der Realität.
Talente hätten sie ja einige, insbesondere die nächste Generation scheint vom Potenzial gut auszusehen. Ob und wie man es nutzt, lautet die große Frage.
Der Ligafußball hat wohl etwas unter der Dominanz Barcelonas und dem Aufrüsten der Bundesliga gelitten, während der Mitte der 2000er hatten sie wiederum von einigen Aspekten profitierte. Barcelona war in einem Tief bis 2005, Real spielte sowieso lange unter ihren Möglichkeiten ab 2002 und Valencia war kurzzeitig das Team Nummer Eins; deren Trainer wechselte aber dann nach England.man-derby
Die Bundesliga war ebenfalls in einer düsteren Phase, die Serie A erlebte die Endphase des Lire-Milliarden-Paradies und ihres taktischen Vorsprungs. Die Premier League hingegen verband damals das meiste Geld und die fortschrittlichste Taktik in sich, wodurch sie mit relativ weitem Abstand auf Platz 1 waren.
Sie hatten mit Arsene Wenger, Sir Alex Ferguson, Rafael Benitez und José Mourinho die taktisch wohl besten Trainer der Welt damals in ihrer Liga versammelt. Letzterer sorgte für ein generelles Umdenken in der Darstellung des Trainers und seiner Arbeit sowie mehr Qualität in derselben. Dazu gab es noch interessante Lückenfüller wie Martin Jol, David O’Leary, Sam Allardyce, Mark Hughes, Steve McClaren oder David Moyes.
Später kam auch das Projekt Manchester City ins Rollen. Es war einfach eine Liga, welche die Grundsteine für die aktuellen Taktikinnovationen legte, extrem viel Show, individuelle Qualität und einige starke Mannschaften bot. Diese Vormachtstellung in sämtlichen Bereichen ist zweifelsohne abhandengekommen. Und mit dem erhöhten Fokus auf taktische Aspekte im modernen Fußball sowie der Veränderung der finanziellen Situation  kann das teilweise drastisch ausfallen.

Im Flutlicht: Welche Möglichkeiten siehst du für den englischen Fußball, sich aus dieser sportlichen Krise zu befreien?

René Marić: Schwer zu sagen. Sie sind ja keineswegs schwach und unter bestimmten Gesichtspunkten wohl noch immer führend auf dem Markt. Allerdings leiden sie ein bisschen unter ihrem typischen Syndrom im Fußball – sie schauen sich ungerne was ab. Englische Trainer, die den schottischen Kurzpassstil Anfang des letzten Jahrhunderts verfolgten, wurden mehr oder weniger vertrieben.
Jack Reynolds und Jimmy Hogan zum Beispiel waren dann  auf dem Kontinent tätig und legten dort das Fundament für den den österreichischen Scheiberlfußball, die goldene Mannschaft der Ungarn, das tschechische Gassenspiel, die herausragende Polyvalenz der Jugoslawen, das Schalker Kreisel und nicht zuletzt den totalen Fußball der Niederländer.
Der Prophet im eigenen Lande ist nichts wert – und mit der Globalisierung der Premier League durch Investoren und Markterweiterung kamen dann Propheten aus anderen Ländern. Wenger, Benitez und Co. Allerdings sind diese nicht mehr führend, obwohl sie noch immer gute bis sehr gute Trainer sind, wie beispielsweise Sir Alex Ferguson beweist. Trotzdem wurde ihnen hier der Rang abgelaufen und es würde wohl einen neuen Mourinho benötigen, um diesem Effekt entgegenzuwirken.
André Villas-Boas bei Chelsea hätte es mit mehr Geduld werden können, seinerseits hat er sich jetzt stärker dem britischen Stil anpassen müssen. Nichtsdestotrotz ist er mit Sir Alex und nach Michael Laudrup der wohl fortschrittlichste Trainer auf der Insel. Wenn sie sich noch den einen oder anderen innovativen Trainer sichern können oder die junge Garde britischer Trainer sich stärker am Puls der Zeit orientiert und darauf aufbaut, kann sich der Abwärtstrend schnurstracks verändern.

Im Flutlicht: Vielen Dank für deine Ausführungen!

Willkommen im „Zirkus Robbéry“

Vor fünf Jahren tobte Uli Hoeneß auf der Jahres-hauptversammlung des FC Bayern, weil sich Fans über die schlechte Stimmung in der Allianz Arena beschwert hatten. Hat sich bis heute daran etwas geändert?

Das Publikum in der Allianz Arena besitzt zwei Gesichter: während bei Champions League-Spielen der Münchener die Stimmung meist recht gut ist, geht es bei Bundesliga-Heimspielen dafür umso ruhiger zu. Doch in dieser Saison herrschte bei den Auftritten in der Königsklasse vor eigenem Publikum Totenstille. Grund dafür war ein Boykott der Südkurve, die ihrem Ärger über die Ankündigung eines neuen Einlass-Systems auf diese Weis Luft machte. Zwar zählt die Münchener Südkurve nicht gerade zu den stimmungsvollsten hierzulande, doch durch ihre Abwesenheit bei den Partien gegen Valencia und Lille stellte sie ihre Bedeutung für die Stimmung in der Arena im Norden Münchens unter Beweis. Da halfen auch keine Klatschpappen, die seit geraumer Zeit ans Münchener Publikum verteilt werden, um eine bessere Atmosphäre bei den Heimspielen der Bayern zu schaffen. Ein Banner in der Südkurve brachte es auf den Punkt: „Klatschpappen kann man kaufen, Stimmung nicht.“

Simply the Bestrobben-riberty

Anscheinend hat sich seit der Wutrede von Uli Hoeneß anno 2007 kaum etwas verändert. Die Zuschauer erwarten weiterhin, dass Robben, Ribéry und Co. ähnlich einem Dompteur im Zirkus ihr Gegenüber beherrschen und vorführen. Meist benehmen sich die Gastmannschaften in der Münchener Arena allerdings nicht wie wilde Tiere, sondern geben sich ganz zahm und bemühen sich um Schadensbegrenzung. Mal werden die Gegner sanft, mal eher unsanft behandelt, je nach Lust und Laune des bayerischen Starensembles. Und das gefällt den Zuschauern. Selten kommt es vor, dass der übermächtig scheinende FC Bayern zuhause von seinen Gegnern genarrt wird. Doch sollte dies passieren, tun sich schnell dunkle Wolken über der Allianz Arena auf, es beginnt zu brodeln und Weltuntergangsstimmung macht sich schnell breit.

Pflichtsieg

Diese Erwartungshaltung des Münchener Publikums trägt maßgeblich dazu bei, dass sich im Wohnzimmer von Uli Hoeneß nicht so recht Stimmung aufkommen will. In der Bundesliga gibt es für die Bayern bei Heimspielen eigentlich nur Pflichtsiege und durch die beiden Finalteilnahmen in der Champions League in den letzten Jahren sind die Ansprüche der Fans auch nicht gerade gesunken. Ein müdes 2:0 gegen eine aufopfernd kämpfende Frankfurter Eintracht zauberte jüngst nur wenig Begeisterung in die Gesichter der anwesenden Zuschauer. Es geht beim FC Bayern eben nicht darum, dass man gewinnt, sondern es geht um das „wie“, auf welche Weise dies also geschieht.

Applaus, Applaus

Ein Tor der eigenen Mannschaft gegen einen Gegner, den man ja sowieso bezwingen muss, stellt für einen Bayern-Fan eigentlich keinen Grund dar, in großem Maße Emotionen zu zeigen. Es handelt sich sklatschpappenchließlich um etwas Selbstverständliches. Kurz aufgestanden, ein wenig im Takt der Tormusik geklatscht – so geht Torjubel in München. Danach setzt man sich wieder und wartet auf das nächste Tor. Ob es die Klatschpappen seit kurzem etwa deshalb gibt, weil das Klatschen auf den Tribünen der Allianz Arena die beliebteste Form von Torjubel ist? Gut möglich. Jubelstürme, ausufernde Begeisterung oder wildfremde Menschen, die sich in den Armen liegen trifft man höchst selten an. Keine Spur von Reaktionen, die einem spontanen Ausdruck der Freude gleich kommen. Alles wirkt einstudiert, das Klatschen erscheint obligatorisch, wie auf einem CSU-Parteitag. Beim Besuch eines Spiels in der Allianz Arena drängt sich somit unweigerlich der Eindruck auf, dass es bei einem Spiele- und Liedernachmittag im Seniorenheim emotionaler und stimmungsvoller zuginge.

Vorreiterrolle

Dennoch sollte man jetzt nicht allein den FC Bayern und die Stimmung in der Münchener Arena verteufeln, denn gewissermaßen ist der deutsche Rekordmeister nur der Vorreiter einer Entwicklung, die sich in meisten Stadien der Bundesliga vollzieht. Die „Eventisierung“ des Fußballgeschäfts ist in vollem Gange, der Sport gleicht mehr und mehr dem Showbusiness. Durch seinen Erfolg ist der FC Bayern zurzeit eben besonders sexy, absolut im Trend sozusagen. Was jedoch zu denken geben muss, ist, dass in München eine solche Entwicklung auch erwünscht ist. Dies wird deutlich an der Unterstützung des DFL-Sicherheitskonzepts „Sicheres Stadionerlebnis“ und den probeweisen Ganzkörperkontrollen von Gästefans beim Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt vor kurzem. Pyrotechnik ist in München sowieso nicht gern gesehen, auch wenn man selbst gern mal mit einem riesigen Feuerwerk die Saison eröffnet oder den Gewinn eines Titels feiert. Aber alles muss unter Kontrolle sein, darum geht es. Der Zuschauer soll sich nicht aktiv beteiligen, sondern sich passiv verhalten und das konsumieren, was man ihm vorlegt. Stimmung ist nicht gänzlich unerwünscht, aber soll nur auf die Weise geschaffen werden, wie sich das der Verein vorstellt. Klatschpappen müssen eben reichen.

Schlechte Aussichten

In München hat sich in den letzten fünf Jahren also herzlich wenig Positives getan in Sachen Stimmung. Hoffnung auf eine Verbesserung ist kaum in Sicht, da man beim FC Bayern Gefallen am modernen Fußball gefunden hat und die Inszenierung eines Fußballspiels weiter perfektionieren will. Man wird weiter daran arbeiten, dass alles nach Plan läuft, doch eine Variable werden auch die Münchener nicht gänzlich unter Kontrolle bringen: Was zählt, ist auf dem Platz. Spiele werden immer noch dort entschieden und das ist auch gut so.

Anmerkung: es handelt sich hierbei um einen Artikel, der zwar bereits im November letzten Jahres verfasst wurde, den Lesern von Im Flutlicht aber dennoch nicht vorenthalten bleiben soll 😉