Der ewige Oka

Durch die Verletzung von U-21 Nationaltorhüter Kevin Trapp wird das Eintracht-Urgestein Oka Nikolov für den Rest der Saison das Tor der Frankfurter hüten. Am Sonntag in Fürth wird er seine Rückkehr feiern. Ein Portrait der treuen Seele der Frankfurter Eintracht.

„Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unser Oka nicht.“ Diesen Gesang wird man von den Anhängern der SGE in den restlichen Spielen dieser Saison noch öfter hören. Er ist eine Hommage an den nunmehr dienstältesten aktiven Profi der Bundesliga. Nikolov ist das, was man eine Legende nennt. Er spielte bereits bei Eintracht Frankfurt, da war mir der Fußball noch fremd, und ich wahrscheinlich sogar meinen Eltern. Schon seit 1991 spielt der Man, der meist ein gelbes Trikot trägt, oka-old in Frankfurt, damals noch in der Jugend. Ab 1992 stand der Deutsch-Mazedonier, der in Hessen geboren ist, im Tor der Eintracht-Amateure und ab 1994 dann auch im Kader der Profis. Als Stammtorhüter Andreas Köpke die Frankfurter nach deren ersten Abstieg aus der Bundesliga 1996 verließ, hatte die Stunde von Oka Nikolov geschlagen. Fortan war er der Mann zwischen den Pfosten bei der Diva vom Main und bis heute absolvierte er 371 Spiele in der 1. und 2. Bundesliga für die Eintracht-Profis. Nimmt man Spiele im DFB-Pokal, für die Jugend und die Amateure der Eintracht hinzu sind es fast 500 Spiele, in denen er für den Verein das Tor hütete. Falls sich jemand in besonderer Weise für die Zeit interessiert, seit der man die SGE in gewisser Weise als einen Fahrstuhlverein bezeichnen kann, der sollte sich an den Deutsch-Mazedonier wenden. Schließlich ist er der einzige Spieler, der alle Ab- und Aufstiege (jeweils vier) der Eintracht als aktiver Spieler miterleb hat. Wobei diese sportliche Sinuskurve der SGE sicher nicht an Nikolov allein festzumachen ist, schließlich war er stets ein verlässlicher Rückhalt für seine Mannschaft.

nikolov-pröllNikolov hat in Frankfurt schon viele Torhüter kommen und gehen gesehen. Und er hat sie bisher alle überlebt. Schon oftmals verpflichtete die Eintracht neue Stammtorhüter und wollte sie dem Urgestein vor die Nase setzen. So musste er sich zeitweise hinter Dirk Heinen und auch später Markus Pröll als Nummer Zwei abfinden, doch er kam immer wieder zurück. Im Falle Prölls profitierte Nikolov von dessen Verletzungen, so dass sich Pröll trotz teilweise überragender Leistungen auf lange Sicht nicht gegen ihn durchsetzen konnte. Auch junge, hoffnungsvolle Talente wie Ralf Fährmann oder Thomas Kessler in der abgelaufenen Saison scheiterten an ihm und mussten sich ihm allesamt geschlagen geben. Mit Kevin Trapp scheint nun allerdings ein Torwart verpflichtet worden zu sein, der Nikolov dauerhaft beerben könnte. Doch das hat man sich in Frankfurt schon oftmals gedacht und am Ende stand dann doch wieder Oka Nikolov im Tor.

Eine legendäre Leistung bot das Eintracht-Urgestein in einem Spiel bei den Bayern im Spätherbst 2007. Geschätzte zehn Sekunden nach Anpfiff kam Luca Toni frei vor dem Tor zum Abschluss, doch reaktionsschnell verhinderte Nikolov den schnellen Rückstand durch eine Glanzparade. Genauso sollte es die folgenden 90 Minuten weitergehen. Die Bayern hatten am Ende satte 40 Torschüsse zu Buche stehen, doch kein einziger fand den Weg ins Tor der Frankfurter, da Nikolov an diesem Tag schier nicht zu bezwingen war. Ich persönlich erlebte dieses Spiel live in der Münchener Allianz Arena. Trotz Dauerbeschuss des Eintracht-Gehäuses war ich das ganze Spiel über total relaxt, da mit einem Nikolov in dieser Verfassung einfach nichts anbrennen konnte. Wenn man sich die kicker-Noten zu diesem Spiel ansieht, weiß man, dass kein Torhüter ein Spiel mehr allein entscheiden kann, als Nikolov es in diesem Fall tat. Alle Feldspieler der Eintracht erhielten kollektiv Noten zwischen fünf und sechs. Oka aber hatte sich seine eins mit Sternchen redlich verdient und wurde natürlich auch zum „Mann des Tages“ gewählt. Doch leider bleibt Oka den Frankfurter Fansoka1 nicht nur durch solche fast übermenschlichen Taten in Erinnerung. Immer wieder streute er haarsträubende Patzer ein, die die Mannschaft oftmals wichtige Punkte im Kampf gegen den Abstieg kosteten. Von Ball durch die Hosenträger bis zu kläglichen Klärungsversuchen á la Manuel Neuer ist der treuen Seele der Eintracht schon so einiges widerfahren. Dennoch überwiegen klar die positiven sportlichen Momente und vor allem die Tatsache, dass man sich immer auf Nikolov verlassen kann, dass er immer sofort da ist, wenn man ihn braucht. Und deswegen lieben sie ihn in Frankfurt.

Überhaupt gibt es in der heutigen Zeit kaum mehr Spieler, die einem Verein so treu bleiben wie Nikolov. Ausnahmen wie auch Francesco Totti, der mittlerweile seit 20 Jahren bei den Profis der Roma kickt, bestätigen die Regel. So gesehen ist der „ewige Oka“ auch ein Antiheld des modernen Fußballs. Ein Außenseiter im Zeitalter der Millionenverträge. Während andere Profis wie Prostituierte von Bett zu Bett hüpfen, bleibt Oka seiner Eintracht treu. Natürlich ist es mit so einer launischen Diva wie der Eintracht nicht immer leicht, doch Nikolov ist der lebende Beweis, dass es möglich ist und sogar schön sein kann, Seite an Seite alle Höhen und Tiefen zu durchleben. Und schließlich ist der nicht zu verachtende Lohn dafür, dass sie ihn in Frankfurt für immer in ihr Herz geschlossen haben. Oka Nikolov ist die fleischgewordene Fußballlegende und zeigt, dass man auch ohne große Erfolge zum Helden werden kann. Zwar hat er nie einen Pokal gewonnen und auch eine Karriere in der mazedonischen Nationalmannschaft blieb ihm verwehrt, doch er ist in größerem Maße eine wahre Legende des Fußballs als man vielleicht denken möchte. Er lebt den Fußball und seine Werte mehr als so manch anderer Profi dieser Welt. Mehr als all die Ibrahimovics, Neymars und Balotellis dieser Welt zusammen.

Werbeanzeigen

Schlammschlacht

Kürzlich meinte Uefa-Präsident Michel Platini, dass man „im Sommer in Katar unmöglich Fußball spielen kann“. Der Franzose sprach aus, was sich ein Großteil der Fußballfans dieser Welt schon bei der Vergabe an den Wüstenstaat Katar gedacht hatte. Dass Platini betonte, dass es dabei vorrangig um die Gesundheit der Fans und nicht etwa der Spieler oder Funktionäre ginge, war ebenso verwunderlich. Zudem sorgte er mit der Aussage für einige Verwirrung, da er selbst für die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar gestimmt hatte. Er wollte damit jedoch nicht die Richtigkeit seiner eigenen Entscheidung anzweifeln, vielmehr musste man dieses Statement als eine Verbalattacke in Richtung Sepp Blatter verstehen. Der Schweizer kritisierte nämlich jüngst die Entscheidung, die Europameisterschaft 2020 in mehreren Ländern auszutragen. Ein paneuropäisches Turnier wäre laut Blatter „eine Euro ohne Herz und Seele“. Aus dem Munde eines Mannes wie Blatter, der seine Seele schon vor langer Zeit verkauft zu haben scheint, wirkt dieser Satz äußerst merkwürdig.

Schließlich hatte Blatter selbst schon den ein oder anderen Vorschlag, um den Fußball mal so richtig zu revolutionieren. Meistens sprühten seine Vorschläge derart vor Kreativität, dass man sich kaum vorzustellen vermochte, wo er diese hernahm. Um das Spiel interessanter und spannender zu machen, schlug Blatter einst vor, dass man doch die Tore vergrößern könnte. Mal abgesehen davon, dass in einem unterhaltsamen Fußballspiel nicht zwangsläufig viele Tore fallen müssen, wären auch wohl einzig und allein die Hersteller von Fußballtoren die Nutznießer einer solchen Regeländerung gewesen. Vielleicht wäre der Schweizer, der seit gefühlten 100 Jahren den Weltfußball bestimmt, ja genau der richtige Mann für den Problemflughafen BER. Im Tandem mit Ex-Bahnchef Mehdorn würde er seine blühende Fantasie mit Sicherheit gut zur Geltung bringen können.

Auf den ersten Blick wirkt da das Verhalten von Uefa-Chef Platini ganz anders: er will moderner sein, wirkt charmanter und nahbarer als der Fifa-Boss. Dabei hat er es auch Blatter zu verdanken, dass er jetzt einer der einflussreichsten Funktionäre des Weltfußballs ist. Doch wenn man genauer hinschaut, ist man sich nicht mehr ganz so sicher was man von dem Franzosen halten soll: er versucht sich einerseits zwar deutlich von Sepp Blatter und dessen Stil abzugrenzen, doch dann und wann scheint auch der Franzose nicht Herr seiner Sinne zu sein und die Großmannssucht überkommt ihn. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass auch Platini so revolutionäre Ideen, wie die einer paneuropäischen EM, verbreitet. Während bei Sepp Blatter eigentlich gar niemand mehr daran zweifelt, dass er korrupt ist, so machte Platini doch lange Zeit einen deutlich seriöseren Eindruck. Doch genauso wie die WM 2010 in Südafrika ein Wahlgeschenk Blatters für die afrikanischen Funktionäre war, so war die Euro im letzten Jahr ein Wahlgeschenk für die osteuropäischen Verbände.

Zudem machte Platini senior in letzter Zeit vor allem wegen verschiedener Geschichten seines Sohnes keine gute Figur. Es mutet doch äußerst merkwürdig an, dass sein Sohn zufälligerweise kurz nach der Vergabe der WM 2022 an Katar bei der dort ansässigen „Qatar Sports Investment“ Gruppe einen Job bekam. Wenn man weiß, dass diese Investorengruppe unter einer Decke mit dem französischen Klub PSG steckt, verwundert es auch nicht, dass Platini zwar stets von einer harten Durchsetzung des Financial Fair Play spricht, den Worten aber noch nicht so wirklich Taten folgen lässt. Bisher wurde lediglich am FC Malaga ein prominentes Exempel statuiert, ansonsten wurden lediglich Vereine aus Kroatien, Serbien, Rumänien, Polen und der Ukraine sanktioniert. Es verwundert also nicht, dass noch viele Fußballfans, gerade aus Deutschland, an einer gewissenhaften Umsetzung des Financial Fairplay zweifeln.

Somit wirkt die aktuelle verbale Auseinandersetzung zwischen Blatter und Platini wie der Streit zweier Kindergartenkinder, die gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen und den jeweils anderen beschuldigen, dass er angefangen hätte. Dass man selbst Dreck am Stecken haben könnte und zuerst mal vor der eigenen Tür kehren sollte, daran denken die beiden machtbesessenen Dickköpfe nicht. Man sieht nur die Fehler des anderen, für die eigenen ist man blind. Schlussendlich zeigt dieses ständige Hin und Her, dass die mächtigen Funktionäre des Weltfußballs gar nicht die Ziele verfolgen, derentwegen sie ihr Amt bekleiden. Vielmehr ist es ein irrsinniges Rennen um Macht, Geld und Ansehen. Der Sport bleibt dabei auf der Strecke. Er und seine Fans sind die großen Verlierer.

Sonntags in der Rosenau

Das Titelbild des Blogs verrät es schon: Autor Chris Katongo hat eine ganz besondere Beziehung zum Rosenaustadion in Augsburg. Eine LiebeserkläruRosenau1ng.

Es war an einem kühlen Freitagabend im Februar 2007, der Zweitliganeuling aus Augsburg hatte die Spielvereinigung aus Unterhaching zu Gast. Für beide Mannschaften ging es um wichtige Punkte gegen den Abstieg. Die Spieler jedoch passten sich den Außentemperaturen an und dementsprechend zäh war das Geschehen auf dem Platz anzusehen. Um es freundlich zu formulieren: man hätte diese 90 Minuten durchaus angenehmer als im Stehblock P des Rosenaustadions verbringen können. Daher ist es kaum vorstellbar, dass sich heute noch irgendjemand an diesen Zweitligakick erinnern wird. Außer mir. Denn für mich war es das erste Spiel in der altehrwürdigen Rosenau und sollte auch nicht das letzte bleiben.

Als Exil-Frankfurt-Fan besuchte ich damals ab und an die Gastspiele der Eintracht in nahegelegenen Städten wie München, Stuttgart oder Nürnberg, meistens jedoch verbrachte ich das Wochenende auf den Sportplätzen in der Region. So klang es ganz verzaubernd, als mein Freund, seines Zeichens Fan der SpVgg Unterhaching, mich fragte, ob wir zum Spiel seiner Hachinger beim FC Augsburg fahren wollten. Ein Zweitligaspiel als Abwechslung zum sonntäglichen Gebolze in der A-Klasse würde ja sicher nicht schaden. Die Augsburger schafften vor der Saison den lange ersehnten Sprung in den Profifußball, hatten sie zuvor doch jahrelang vergeblich versucht, dem Morast des Regionalliga-Fußballs zu entfliehen. So machten wir uns in Begleitung meines Vaters, der auch scharf darauf war, wieder mal in den Genuss von höherklassigem Fußball zu kommen, am späten Nachmittag auf in Richtung Augsburg.

Wie gesagt, das Spiel konnte mich nicht in seinen Bann ziehen, doch das Stadion wusste zu gefallen. Das Rosenaustadion ist eine offene Betonschüssel, lediglich die Haupttribüne verfügt über ein Dach und wie nahezu alle älteren SRosenaustadion_Haupttribünetadien hat es eine Laufbahn. So waren auch an jenem Abend die Zuschauer auf den Stehrängen Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert. Doch irgendwie fühlte es sich gut an: denn einem jeden auf den Tribünen musste klar werden, für was man hier war. Man wurde sich dessen bewusst, warum man ins Stadion ging: um ein Fußballspiel zu sehen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein Gefühl, das die modernen Rundum-Wohlfühl-Arenen kaum noch vermitteln können. Die Rosenau schaffte es, mich ganz und gar zu verzaubern. Es war großartig mitanzusehen, wie ein Mann nach jedem Tor die Schilder an der Anzeigetafel austauschen musste, da das Stadion keine elektronische besaß. Am auffälligsten waren dabei für mich die Flutlichmasten, die dem Spiel Licht spendeten. Sie boten einen prächtigen Anblick. Es faszinierte mich, wie sie nach oben ragten und förmlich über dem Stadion thronten. Sie erzeugten eine wohlige Atmosphäre und waren ganz klar die Gewinner an diesem Freitagabend. Es waren diese Kleinigkeiten, die den Charme des Stadions ausmachten. Für mich wurde das Stadion noch an diesem Abend zum Inbegriff der Fußballromantik. Außerdem hatte ich mich irgendwie verliebt. Doch nicht, wie es üblicherweise der Fall ist, in einen Verein. Nein, meine Herzensdame war auch damals schon die Eintracht aus Frankfurt. Aber so wie sich einst Nick Hornby in den FC Arsenal verliebt hatte, so erging es mir mit dem Rosenaustadion.

Während der darauffolgenden Zweitliga-Jahre des FC Augsburg zog es mich immer wieder in die Rosenau. Mal spielte der FCA grandios auf, wie bei einem überraschenden Sieg im Frühjahr 2007 über den späteren Aufsteiger aus Karlsruhe. Es gab aber auch Tage, wie bei einem Spiel gegen den 1. FC Köln im Mai 2008, da gelaRosenau-anzeigetafelng den Spielern auf dem Platz so gut wie gar nichts. Doch auf eins konnte man sich immer verlassen: auf die Atmosphäre im Rosenaustadion. Auch wenn die Augsburger bekanntermaßen nicht gerade über die größten Scharen an Anhängern verfügen, so war auf den Tribünen doch immer was geboten. Es war eine bunte Mischung aus Ultras, alteingesessenen Fans, Rentnern, die meckerten und doch beim nächsten Spiel wieder anwesend waren, Familien mit ihren Kindern. Auch waren einige dabei, für die der Stadionbesuch augenscheinlich den Ersatz für den sonntäglichen Aufenthalt im Wirtshaus darstellte. So unansehnlich das Gegurke auf dem Platz bisweilen auch war, das Stadion versprühte immer seinen unwiderstehlichen Charme. Besonders war auch, dass man den Geist des Spiels auf den Tribünen immer spüren konnte. Ja, man konnte ihn förmlich atmen, denn hier wurde geschimpft, gesungen und gejubelt. Der Fußball in seiner reinsten Form, Emotionen pur. Schließlich wusste man, hier geht es um Fußball und um nichts anderes.

Irgendwann entschloss sich der FC Augsburg dann, ein neues Stadion zu bauen und zog im Sommer 2009 um. Damit waren die schönen Zeiten in der Rosenau vorbei. Im neuen Stadion war ich erst einmal. Wer den FCA im Rosenaustadion hat spielen sehen, dem tut es innerlich weh, ein Spiel in der neuen Arena zu besuchen. Schließlich könnte diese genauso in Hoffenheim, Rostock oder Aachen stehen. Verwechslungsfaktor: 100%. Auch wenn die Rosenaustadion_Nordkurveneue Arena den Fan näher ans Spiel bringt, so besitzt sie nicht annähernd so viel Charme wie die alte Rosenau, deren Einzigartigkeit, nun ja, einzigartig ist.

Im letzten Jahr kehrte ich im Rahmen eines Flag-Football-Turniers zurück in die Rosenau. Mein letzter Besuch war lange her. Wer oder was Flag-Football ist, tut hier nichts zur Sache. Auch ich tat mich an jenem Tag schwer, mich auf das Sportliche zu konzentrieren. Schließlich stand ich zum ersten Mal auf dem Rasen des Rosenaustadions, das für mich quasi zu einer heiligen Stätte geworden war. Und diesmal stand ich nicht irgendwo in Block Q, sondern dort, wo eigentlich immer nur die Spieler waren. Die Wolken hingen an diesem Tag tief über der Stadt und immer wieder regnete es. Gedankenverloren schlenderte ich über den Platz. Auch wenn an diesem Tag nicht eine Menschenseele auf den Stehrängen zu sehen war, so erblickte ich vor meinem geistigen Auge ein rot-grün-weißes Fahnenmeer. Menschen, die sich auf ein Zweitligaspiel freuten. Es waren Erinnerungen an meine früheren Zeiten in der Rosenau. An einen Ort, wo der Fußball noch Fußball war. Roh, wild, emotional.

Entzaubert

Bis zuletzt schien die katalanische Übermannschaft auf dem Weg zu einer weiteren Rekordsaison. Doch innerhalb der letzten beiden Wochen haben sich die Vorzeichen schlagartig verändert.

Pünktlich zu Saisonbeginn hatte der FC Barcelona seine Tici-Taca-Maschine wieder angeworfen. Dazu ein Lionel Messi, der spielte wie von einem anderen Stern und im abgelaufenen Kalenderjahr so viele Tore erzielte, wie noch nie ein Spieler zuvor. Das Barca unter Tito Vilanova schien unaufhaltsam, der Weg zum Gewinn des Tmessi-barcariples geebnet. Woche für Woche wurden die meist hilflos und überfordert wirkenden Gegner in La Liga von der katalanischen Pressingmaschinerie überrollt. Lediglich einmal wurde die ansonsten makellos weiße Weste des FC Barcelona befleckt: das Champions League Auswärtsspiel beim Celtic FC ging mit 1:2 verloren, was dem Erfolgserie der Katalanen in der heimischen Liga jedoch auch keinen Abbruch tun sollte. In der Hinrunde musste man sich nur im Clasico mit einem Unentschieden zufrieden geben, ansonsten wurde alles gnadenlos in Grund und Boden geballert. Zudem schien es so, als hätte man den Abgang von Trainerlegende Pep Guardiola problemlos kompensiert. Mehr noch: man konnte sogar den Eindruck gewinnen, dass sich die Mannschaft unter dem neuen Mann an der Seitenlinie, Tito Vilanova, weiterentwickeln würde. Der FC Barcelona in der Ära nach Guardiola schien flexibler, variabler und anpassungsfähiger als zuvor. Was eine bedeutende Entwicklung darstellen sollte, denn schließlich scheiterte man in der abgelaufenen Saison im Halbfinale der Champions League vor allem deswegen, da es zum bekannten Tici-Taca schlicht und einfach keinen Plan B gab.

Der erste, kleinere Rückschlag in dieser Saison erfolgte Mitte Januar: Barca musste die erste Niederlage der laufenden La Liga-Spielzeit hinnehmen. Trotz eines eigentlich komfortablen 2:0 Vorsprungs musste man sich Real Sociedad am Ende mit 2:3 geschlagen geben. Doch gleich am nächsten Spieltag wurde CA Osasuna im heimischen Camp Nou standesgemäß mit 5:1 zerlegt und wieder nach Hause geschickt. Auch auf das folgende Unentschieden in Valencia hatte man die passende Antwort parat, der Getafe CF wurde zuhause mit 6:1 vermöbelt. Insgesamt schien es so, als würde es der FC Barcelona in der Liga nun ein wenig schleifen lassen, was angesichts des riesigen Vorsprungs auf den ärgsten Verfolger, Atletico Madrid, allerdings nicht weiter verwunderte. Zudem hatte man den entscheidenden Teil der Saison, die oftmals beschworene „heiße Phase“ noch vor sich, was ein mögliches Schonen der auch in Barcelona nur begrenzt vorhandenen Kräfte logisch erscheinen ließ. Doch genau jetzt, da diese wichtige Phase der Saison begonnen hat, scheint den Katalanen die Puste auszugehen? Oder flattern die Nerven? Fakt ist, dass die Katalanen gerade im Begriffe sind, eine möglicherweise überragende Rekordsaison zu einer überaus enttäuschenden Spielzeit werden zu lassen. Und darüber kann auch die fortwährende Dominanz in der heimischen Liga nicht hinwegtäuschen.

Vor gut zwei Wochen trat Barca zum Hinspiel des Champions League-Achtelfinales beim AC Milan an. Xavi, Iniesta und Co. gingen als klarer Favorit in die Partie und auch das Ergebnis war mehr als klar: die Itabarca-milanliener verteidigten stark und nutzen ihre Chancen gnadenlos aus, so dass am Ende ein nicht unverdienter 2:0-Sieg für die Lombarden stand. Zwar spielte sich der FC Barcelona in gewohnter Manier am gegnerischen Strafraum fest, doch man biss sich an der massiven, gut stehenden Defensive von Milan die Zähne aus. Was die Zuschauer jedoch viel mehr erstaunen ließ, war die Ideenlosigkeit der Katalanen, denn die Offensive um Superstar Lionel Messi blieb an diesem Abend erstaunlich blass. Hochwertige Chancen waren Mangelware, das Tor von AC-Schlussmann Abbiati geriet nur wenige Male ernsthaft in Gefahr. Natürlich ist es durchaus möglich, dass die Katalanen dieses Ergebnis im Rückspiel noch umbiegen, schließlich wurde der Auftritt im Camp Nou schon für mehrere Teams zu deren schlimmstem Albtraum. Die Bayern von 2009 können ein Lied davon singen, aber auch Milan bekam erst in der letzten Saison ziemlich übel auf die Mütze. In der Champions League scheint für Barca noch nicht alles verloren, jedoch bedarf es im Rückspiel gegen die Italiener einer weiteren dieser verzaubernden Europapokalnächte, für die die Katalanen ja bekannt sind. Wenn Lionel Messi es wieder einmal schaffen sollte, die Zuschauer mit unwiderstehlichen Dribblings und Traumtoren zu verzücken, so dass ihm die ganze Welt zu Füßen liegt, dann sollte ein Weiterkommen für die Blaugrana möglich sein.

Doch diese herbe Pleite gegen die Mailänder stellt nur den kleineren Schandfleck dar, zumal das Aus der Katalanen aufgrund des ausstehenden Rückspiels noch keineswegs besiegelt ist. Schwerer wiegen da die Ereignisse der letzten Woche: zwei bittere Clàsico-Schlappen binnen weniger Tage. Zunächst die Niederlage im Halbfinal-Rückspiel der Copa del Rey, dann die Pleite im Ligaspiel bei Real Madrid. Die Pokalschlappe war eines der schwächsten Spiele Barcelonas der letzten Jahre und das Ligaspiel ging verloren, obwohl Real-Coach Mourinho einige seiner wichtigsten Stammkräfte schonte. Während die Königlichen in Mourinhos Premierensaison gegen den FC Barcelona immer den Kürzeren zogen, bis auf das Pokalfinale, so scheint es nun so, als hätte Mourinhos Real den Erfolgschlüssel der Katalanen decodiert. Obwohl Real bedeutend schwächer zu sein scheint als letzte Saison, konnten sie Barca diese Saison erfolgreich die Stirn bieten: Sieg in der Supercopa, Einzug ins Finale der Copa del Rey und vier Punkte aus den beiden Ligaspielen. Deshalb tun diese beiden Niederlagen umso mehr weh. Statt Wiedergutmachung müssen nun noch tiefere Wunden geleckt werden. Was außerdem erstaunlich erscheint, ist, dass Real mittlerweile gegen die Katalanen nicht nur auf Spielzerstörung aus ist, sondern dem Erzrivalen auf Augenhöhe begegnet und seinerseits spielerisch aktiv wird. Es scheint, als wäreclasico1 die Dominanz des FC Barcelona dahin, der Zauber des Tici-Taca durch Taktik-Guru Mourinho gebrochen.

Alles in allem scheint es nun so, als stünde der FC Barcelona nach den Ereignissen der letzten beiden Wochen bereits vor den Trümmern einer noch nicht einmal beendeten Saison, die zudem so gut begonnen hatte. Der Ligatitel ist den Katalanen so gut wie sicher, doch damit allein gibt sich bei der Blaugrana niemand zufrieden. Somit bleibt Barca vorerst noch ein Spiel, nämlich das Rückspiel gegen den AC Milan, um alle Kritiker Lügen zu strafen und zu zeigen, dass der Schein trügt und die erfolgreiche Ära des FC Barcelona noch lange nicht zu Ende sein muss. Falls sie dieses Ziel verfehlen sollten, werden sie sich allerdings unangenehmeren Fragen stellen müssen, wie zum Beispiel jener, ob der Tici-Taca à la Barcelona wirklich der Fußball der Zukunft ist.

Mythos Fünfjahreswertung

Immer wieder bekommt man erzählt, dass man aufgrund der Fünfjahreswertung doch international zu den deutschen Klubs halten sollte. Im Flutlicht erklärt, warum die Länderwertung jedoch gar nicht so toll und wichtig ist, wie sie zu sein scheint.

Für die meisten Fußballfans hierzulande gilt, dass international immer zu den deutschen Mannschaften gehalten wird. So kommt es, dass sich Fans des 1. FC Köln plötzlich über Siege der Gladbacher Borussia freuen, oder Anhänger des TSV 1860 auf einmal den „Roten“ aus der bayerischen Landeshauptstadt die Daumen drücken. Eigentlich undenkbar, doch die Fünfjahreswertung der UEFA macht’s möglich. Kurz gesagt: wo eigentlich Rivalitäten vorherrschen, entstehen plötzlich Gemeinsamkeiten, aus den größten Feinden werden die besten Freunde. Damit scheint die Länderwertung all das zu verwirklichen, was kein Sicherheitskonzept der Welt zu erreichen scheint: Fußballfans rivalisierender Vereine in völlig friedlicher Koexistenz. Natürlich entspricht das nicht ganz der Wirklichkeit, denn es gibt genug Fans die immer gegen den verhassten Erzfeind sind, egal ob auf nationaler oder europäischer Ebene. Faszinierend ist dennoch, wie viele Fußballfans sich an diesem Grundsatz orientieren, international den deutschen Teams verbunden zu sein und ihnen die Daumen zu drücken.

Nun gibt es mehrere Gründe, warum sich Fans so verhalten, doch immer spielt dabei die Fünfjahreswertung eine zentrale Rolle. Zunächst liegt es eben vor allem an der Fünfjahreswertung, dass die Vergleiche europäischer Klubwettbewerbe plötzlich zum Kräftemessen zwischen den Nationen werden. Somit gewissermaßen die perfekte Spielwiese für Patrioten. Gerade in Deutschland, wo Patriotismus immer noch ein schwieriges Thema ist, ist Sport, insbesondere der Fußball, für viele identitätsstiftend. Vor allem seit der Weltmeisterschaft 2006 ist zu beobachten, dass viele Menschen ihre Liebe zum eigenen Land durch Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft zum Ausdruck bringen. Aber auch die Solidarisierung mit anderen Klubs aus Deutschland bei internationalen Partien ist in gewisser Weise Ausdruck von Nationalstolz. Zudem stellt es in diesem Zusammenhang kein Problem dar, wenn das nationale Interesse in den Mittelpunkt gerückt wird. Wobei die Frage bleibt, warum jemand, der mit Patriotismus nicht so viel am Hut hat, den deutschen Klubs die Daumen drücken sollte.

Auch der nächste Grund steht bedeutend im Zusammenhang mit der Fünfjahreswertung. Viele Fans fiebern mit den deutschen Mannschaften, da sich ihrer Meinung nach somit die Chancen erhöhen würden, dass das eigene Team in den nächsten Jahren vielleicht mal international mitmischt, weil die Bundesliga über mehr Startplätze verfügt. Grundsätzlich nicht falsch gedacht, aber ganz nüchtern betrachtet gibt es allerdings nur wenige Gründe aus diesem Anlass für die deutschen Mannschaften zu sein, denn es hängt auch noch wesentlich davon ab, von welchem Klub man Fan ist. Einerseits kann es Anhängern von Arminia Bielefeld oder dem VfL Osnabrück ganz egal sein, wie sich die deutschen Mannschaften in der Champions League schlagen. Andererseits erfahre ich als Fan der Frankfurter Eintracht derzeit, dass es doch gar nicht so unwichtig ist, dass der vierte Platz zur Qualifikation für die Champions League berechtigt. Wobei man aber nicht vergessen sollte, dass diese Situation durch die sportliche Leistung der Eintracht und nicht durch Daumendrücken für den FC Bayern entstanden ist. Dies gilt auch ganz besonders für den VfL Wolfsburg oder dem vor der Saison selbsterklärten Europapokal-Aspiranten TSG Hoffenheim, denn wer auf europäischer Bühne mitmischen will, muss sich zunächst sportlich dafür qualifizieren. Da hilft es nichts, wenn man international die anderen deutschen Klubs unterstützt. Deshalb sollten Anhänger einiger Vereine eher hoffen, dass die vereinseigenen Funktionäre in Zukunft ein glücklicheres Händchen beweisen, anstatt zu glauben, dass man auch bald international spielen werde, wenn man international die anderen Mannschaften aus Deutschland unterstützt.

Auch wird immer wieder angeführt, dass die Fünfjahreswertung den Wettbewerb beleben würde und es schwächeren Ländern ermöglichen würde, mehr Startplätze zu erhalten. Dabei ist es gerade die Länderwertung selbst, die den Wettbewerb stark einschränkt. Zwar ist es möglich, dass sich Länder in der Fünfjahreswertung durch eine erfolgreiche Spielzeit kurzfristig nach oben schieben, langfristig jedoch kann sich kaum eine Nation bedeutend verbessern. Schließlich heißt es ja auch Fünf- und nicht Einjahreswertung. Womit klar wird, dass ganz entscheidend ist, dass durch die Beurteilung langfristiger Zeiträume die Verteilung der Startplätze relativ starr bleibt, Diese Tatsache hilft vor allem den Vereinen aus den großen Nationen, da diese dadurch mit einer gewissen Sicherheit mit den Einnahmen aus dem internationalen Geschäft planen können. Somit hilft die Fünfjahreswertung nicht den schwächeren Nationen, sondern sie sorgt dafür, dass die Verhältnisse und Strukturen größtenteils unverändert bleiben. Nun könnte man dem entgegen halten, dass es z.B. noch nie ein Team geschafft hat, den Titel des Champions League-Siegers zu verteidigen, was ja eigentlich für einen spannenden und offenen Wettbewerb spricht. Wenn man jedoch genauer hinsieht, bemerkt man, dass es bis auf äußerst wenige Ausnahmen und Überraschungen immer wieder dieselben Mannschaften sind, die in der Champions League weit kommen und den Titel somit quasi unter sich ausmachen.

Zudem ergibt sich für die Bundesliga noch ein ganz spezielles Problem. Die Bundesliga hat sich in den letzten Jahren zu einer der ausgeglichensten Ligen Europas entwickelt, was positiverweise zeigt, dass der Wettbewerb in Deutschland deutlich offener ist als in anderen europäischen Ligen, wie z.B. der spanischen La Liga. Doch genau diese Ausgeglichenheit macht einigen Anhängern in Hinblick auf die Fünfjahreswertung Sorgen. Denn je ausgeglichener die Liga, desto höher natürlich die Chancen, dass vermeintlich schwächere Mannschaften für Deutschland in Europa an den Start gehen. Diese Teams profitieren vor allem davon, dass etablierte Kräfte schwächeln und sie selbst über ihren Möglichkeiten gespielt haben. Borussia Mönchengladbach ist ein treffendes Beispiel hierfür, auch wenn sich die Mannschaft in der laufenden Saison auf europäischer Bühne beachtlich geschlagen hat. Und wenn man sich die aktuelle Tabelle der Bundesliga anschaut, scheint es nicht unwahrscheinlich, dass zur nächsten Saison Klubs wie Frankfurt, Mainz und Freiburg international mitspielen. Für jeden Verfechter der Fünfjahreswertung mit Sicherheit ein Schreckensszenario, da somit die Ausgeglichenheit der Bundesliga, die einerseits ihre Attraktivität ausmacht, andererseits ihr zum Verhängnis werden könnte. Wen die Fünfjahreswertung jedoch nicht kümmert, der darf sich darauf freuen, dass man in der nächsten Saison vielleicht neue Gesichter auf europäischer Bühne bestaunen darf und kann auch weiterhin guten Gewissens international gegen die deutschen Klubs sein.

Wer sich dennoch für die Fünfjahreswertung interessiert:

Offizielle Fünfjahreswertung der UEFA

Aktuelle (aber inoffzielle) Fünfjahreswertung