Sonntags in der Rosenau

Das Titelbild des Blogs verrät es schon: Autor Chris Katongo hat eine ganz besondere Beziehung zum Rosenaustadion in Augsburg. Eine LiebeserkläruRosenau1ng.

Es war an einem kühlen Freitagabend im Februar 2007, der Zweitliganeuling aus Augsburg hatte die Spielvereinigung aus Unterhaching zu Gast. Für beide Mannschaften ging es um wichtige Punkte gegen den Abstieg. Die Spieler jedoch passten sich den Außentemperaturen an und dementsprechend zäh war das Geschehen auf dem Platz anzusehen. Um es freundlich zu formulieren: man hätte diese 90 Minuten durchaus angenehmer als im Stehblock P des Rosenaustadions verbringen können. Daher ist es kaum vorstellbar, dass sich heute noch irgendjemand an diesen Zweitligakick erinnern wird. Außer mir. Denn für mich war es das erste Spiel in der altehrwürdigen Rosenau und sollte auch nicht das letzte bleiben.

Als Exil-Frankfurt-Fan besuchte ich damals ab und an die Gastspiele der Eintracht in nahegelegenen Städten wie München, Stuttgart oder Nürnberg, meistens jedoch verbrachte ich das Wochenende auf den Sportplätzen in der Region. So klang es ganz verzaubernd, als mein Freund, seines Zeichens Fan der SpVgg Unterhaching, mich fragte, ob wir zum Spiel seiner Hachinger beim FC Augsburg fahren wollten. Ein Zweitligaspiel als Abwechslung zum sonntäglichen Gebolze in der A-Klasse würde ja sicher nicht schaden. Die Augsburger schafften vor der Saison den lange ersehnten Sprung in den Profifußball, hatten sie zuvor doch jahrelang vergeblich versucht, dem Morast des Regionalliga-Fußballs zu entfliehen. So machten wir uns in Begleitung meines Vaters, der auch scharf darauf war, wieder mal in den Genuss von höherklassigem Fußball zu kommen, am späten Nachmittag auf in Richtung Augsburg.

Wie gesagt, das Spiel konnte mich nicht in seinen Bann ziehen, doch das Stadion wusste zu gefallen. Das Rosenaustadion ist eine offene Betonschüssel, lediglich die Haupttribüne verfügt über ein Dach und wie nahezu alle älteren SRosenaustadion_Haupttribünetadien hat es eine Laufbahn. So waren auch an jenem Abend die Zuschauer auf den Stehrängen Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert. Doch irgendwie fühlte es sich gut an: denn einem jeden auf den Tribünen musste klar werden, für was man hier war. Man wurde sich dessen bewusst, warum man ins Stadion ging: um ein Fußballspiel zu sehen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ein Gefühl, das die modernen Rundum-Wohlfühl-Arenen kaum noch vermitteln können. Die Rosenau schaffte es, mich ganz und gar zu verzaubern. Es war großartig mitanzusehen, wie ein Mann nach jedem Tor die Schilder an der Anzeigetafel austauschen musste, da das Stadion keine elektronische besaß. Am auffälligsten waren dabei für mich die Flutlichmasten, die dem Spiel Licht spendeten. Sie boten einen prächtigen Anblick. Es faszinierte mich, wie sie nach oben ragten und förmlich über dem Stadion thronten. Sie erzeugten eine wohlige Atmosphäre und waren ganz klar die Gewinner an diesem Freitagabend. Es waren diese Kleinigkeiten, die den Charme des Stadions ausmachten. Für mich wurde das Stadion noch an diesem Abend zum Inbegriff der Fußballromantik. Außerdem hatte ich mich irgendwie verliebt. Doch nicht, wie es üblicherweise der Fall ist, in einen Verein. Nein, meine Herzensdame war auch damals schon die Eintracht aus Frankfurt. Aber so wie sich einst Nick Hornby in den FC Arsenal verliebt hatte, so erging es mir mit dem Rosenaustadion.

Während der darauffolgenden Zweitliga-Jahre des FC Augsburg zog es mich immer wieder in die Rosenau. Mal spielte der FCA grandios auf, wie bei einem überraschenden Sieg im Frühjahr 2007 über den späteren Aufsteiger aus Karlsruhe. Es gab aber auch Tage, wie bei einem Spiel gegen den 1. FC Köln im Mai 2008, da gelaRosenau-anzeigetafelng den Spielern auf dem Platz so gut wie gar nichts. Doch auf eins konnte man sich immer verlassen: auf die Atmosphäre im Rosenaustadion. Auch wenn die Augsburger bekanntermaßen nicht gerade über die größten Scharen an Anhängern verfügen, so war auf den Tribünen doch immer was geboten. Es war eine bunte Mischung aus Ultras, alteingesessenen Fans, Rentnern, die meckerten und doch beim nächsten Spiel wieder anwesend waren, Familien mit ihren Kindern. Auch waren einige dabei, für die der Stadionbesuch augenscheinlich den Ersatz für den sonntäglichen Aufenthalt im Wirtshaus darstellte. So unansehnlich das Gegurke auf dem Platz bisweilen auch war, das Stadion versprühte immer seinen unwiderstehlichen Charme. Besonders war auch, dass man den Geist des Spiels auf den Tribünen immer spüren konnte. Ja, man konnte ihn förmlich atmen, denn hier wurde geschimpft, gesungen und gejubelt. Der Fußball in seiner reinsten Form, Emotionen pur. Schließlich wusste man, hier geht es um Fußball und um nichts anderes.

Irgendwann entschloss sich der FC Augsburg dann, ein neues Stadion zu bauen und zog im Sommer 2009 um. Damit waren die schönen Zeiten in der Rosenau vorbei. Im neuen Stadion war ich erst einmal. Wer den FCA im Rosenaustadion hat spielen sehen, dem tut es innerlich weh, ein Spiel in der neuen Arena zu besuchen. Schließlich könnte diese genauso in Hoffenheim, Rostock oder Aachen stehen. Verwechslungsfaktor: 100%. Auch wenn die Rosenaustadion_Nordkurveneue Arena den Fan näher ans Spiel bringt, so besitzt sie nicht annähernd so viel Charme wie die alte Rosenau, deren Einzigartigkeit, nun ja, einzigartig ist.

Im letzten Jahr kehrte ich im Rahmen eines Flag-Football-Turniers zurück in die Rosenau. Mein letzter Besuch war lange her. Wer oder was Flag-Football ist, tut hier nichts zur Sache. Auch ich tat mich an jenem Tag schwer, mich auf das Sportliche zu konzentrieren. Schließlich stand ich zum ersten Mal auf dem Rasen des Rosenaustadions, das für mich quasi zu einer heiligen Stätte geworden war. Und diesmal stand ich nicht irgendwo in Block Q, sondern dort, wo eigentlich immer nur die Spieler waren. Die Wolken hingen an diesem Tag tief über der Stadt und immer wieder regnete es. Gedankenverloren schlenderte ich über den Platz. Auch wenn an diesem Tag nicht eine Menschenseele auf den Stehrängen zu sehen war, so erblickte ich vor meinem geistigen Auge ein rot-grün-weißes Fahnenmeer. Menschen, die sich auf ein Zweitligaspiel freuten. Es waren Erinnerungen an meine früheren Zeiten in der Rosenau. An einen Ort, wo der Fußball noch Fußball war. Roh, wild, emotional.

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