Wie die Premier League ihre Seele verkauft hat

Die englische Premier League gilt allgemein als die beste Liga der Welt. Doch was steckt wirklich hinter der Liga der Superlative? Ein Kommentar

Es ist noch nicht allzu lange her, da verfielen hierzulande nahezu alle vermeintlichen Fußballexperten in frohlockende Jubelarien, wenn es um die englische Premier League ging. Schneller, atemberaubender Fußball von der Insel verzückte die Freunde des runden Leders. Somit hatte die englische Liga all das, was der Bundesliga damals fehlte: Topteams, die sich teure, internationale Stars leisten konnten und schnellen, aufregenden Fußball zeigten. Sie war rundum besser als die Bundesliga, die damals noch ein Dasein als graue Maus fristete und außer dem FC Bayern keinen konstant international konkurrenzfähigen Klub zu bieten hatte. Jene Fußballfans fühlten sich angezogen durch die spannenden und intensiven Duelle, die die Premier League wöchentlich zu bieten hatte. Für sie war die Liga im Mutterland des Fußballs das Nonplusultra. Die Premier League, ein Sinnbild für den modernen Fußball, schien den anderen europäischen Ligen auf lange Zeit hin zu enteilen. Das Ganze ist nun etwa zehn Jahre her und die Bundesliga hat inzwischen mächtig aufgeholt. Doch es gibt noch mehr Gründe, warum man die Bundesliga in ihrer jetzigen Form schätzen sollte.

Sie galt als unantastbar, war Vorbild für viele Generationen von Fans, doch heute ist sie nahezu tot: die Rede ist von der englischen Fankultur. Während früher Gesänge britischer Anhänger regelmäßig für Atmosphäre im Stadion sorgten und man sogar vor dem Fernseher eine Gänsehaut bekam, ist es nun so weit, dass englische Fans nach Deutschland kommen, um im Stadion Fußball zu sehen. Dafür gibt es mehrere, nachvollziehbare Gründe: zunächst die exorbitanten Ticketpreise, die ein Normalverdiener kaum bezahlen kann. Trauriger Höhepunkt war zuletzt, als es Fans von Manchester City beim Auswärtsspiel beim FC Arsenal verboten wurde, durch ein Transparent ihrem Unmut über die teuren Tickets Luft zu machen. Die Premier League tendiert allgemein dahin, alles zu verbieten, was nicht in das Konzept der glatt polierten Liga der Superlative passt. So wird in den Stadien nur noch alkoholfreies Bier ausgeschenkt, Stehen ist in den reinen Sitzplatzstadien sowieso verboten und Gesänge werden mittlerweile von vielen Zuschauern nur noch aufgrund ihrer historischen Bedeutung geduldet. Zwar geht es in der englischen Premier League auf dem Rasen immer noch rasant zu, doch auf den Rängen herrscht gähnende Langeweile. Es ist kein Wunder, dass bei diesen Umständen keine Stimmung aufkommen will. Die Tribünen der englischen Stadien sind bevölkert von Fußballtouristen aus aller Welt, die dem großen Spektakel unbedingt live beiwohnen wollen. Und so kommt es auch, dass es sich bei den Zuschauern in der Premier League nur mehr um ein Operettenpublikum handelt, dass die Aufführung in Ruhe und mit einer gewissen Distanz zum Geschehen genießen will und nicht mehr durch Rufen und Gesänge den Spielverlauf aktiv zu beeinflussen versucht.

Das Publikum in der Premier League ist ein Sinnbild für die Internationalisierung, die auch in den Klubs schon seit langer Zeit Einzug gehalten hat. Viele Klubs werden von ausländischen Investoren gehalten und fungieren oftmals nur noch als deren Spielzug, das zudem Gewinne in nicht zu geringem Ausmaß abwerfen sollte. Auch deswegen wenden sich in England viele Fans vom Fußball ab, ganz einfach weil sie sich mit den Vereinen in ihrer heutigen Form kaum mehr identifizieren können. Das Unternehmen Premier League ist international zuhöchst erfolgreich, doch den nationalen bzw. regionalen Bezug hat es vollständig verloren. Doch natürlich gibt es auch Fans, die so etwas gutheißen. Und zwar jene Fans, die sich über all das freuen, was der moderne Fußball mit sich bringt: teure Transfers von namhaften Spielern, rundum Wohlfühlerlebnis im Stadion und Bezahlfernsehen, mit dem man alle Spiele auch bequem von zuhause aus ansehen kann. Der Fußball ist nur noch Produkt, das durch die Marke Premier League vermarktet wird. Was die Fans denken ist egal, ihre Stimme zählt nicht. Den Zuschauer bzw. Fan, den die Premier League haben will, der zahlt, konsumiert und hält seine Klappe. Genau das hat die alteingesessenen Fans verprellt. Diejenigen unter ihnen, die sich noch für Fußball interessieren, tummeln sich nun in den Pubs, wo am Spieltag mehr Stimmung herrscht als im Stadion.

Zu guter Letzt ist der englische Fußball auch aus sportlicher Sicht nicht gerade zu beneiden. Der Tempofußball ist in der Premier League mittlerweile zum Selbstzweck geworden. Die Fans wollen unterhalten werden und dazu sind ihnen eben Tore und Spektakel wichtiger als taktische Meisterleistungen und defensive Bollwerke. Somit leidet auch die Entwicklung des Sports unter den kommerziellen Aspekten, die immer wichtiger werden und zuletzt auch die Selbsterhaltung des Systems Premier League gewährleisten. Denn nur wenn der Fußball als Produkt weiterhin genügend Umsatz generiert, kann die Premier League in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben. Der sportliche Aspekt gerät somit immer mehr in den Hintergrund. Dieser Teufelskreis, der mit der zunehmenden Kommerzialisierung einhergeht, sollte anderen Ligen eine Warnung sein, denn der Glanz, den die Premier League nach außen hin ausstrahlt, hat einen teuren Preis.

Außerdem empfehle ich zu diesem Thema folgende Dokumentation:
Verrückt nach Fußball (3): Der englische Fußball
Auch die anderen Dokumentationen aus dieser Reihe über Polen/Ukraine und Italien sind wärmstens zu empfehlen.

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Die beste Liga der Welt?!

Diesmal eine ganz besondere Ausgabe der Rubrik „Zweikampf“: René Marić, Autor bei abseits.at und Spielverlagerung, der aktuell besten deutschen Website in Sachen Fußballtaktik, stand Im Flutlicht Rede und Antwort. Von Millionentransfers, großen Trainern und Individualität.

Im Flutlicht: Die Premier League wird allgemein als die beste Liga der Welt bezeichnet. Inwiefern lässt sich diese Aussage aus taktisch-theoretischer Perspektive stützen?

René Marić: Schwierig zu sagen. Taktik ist zwar für viele in der Spielbetrachtung und Meinungsbildung zunehmend wichtiger geworden, aber Taktik ist nicht alles. Viele bevorzugen die Premier League, weil sie etwas offener ist, dynamischer, weniger abwartend und intensiver.
Oftmals sind jene, die sie als beste Liga der Welt bezeichnen auch solche Leute, welche Taktik eher mittelmäßig sehen. Andererseits ist die Premier League auch keineswegs taktisch schwach – sie ist nur in diesem einen Aspekt in der Breite schwächer als manche anderen Ligen, während sie in anderen nach wie vor das Maß aller Dinge darstellt.
‚Wo haben sonst auch potenzielle Absteiger die Möglichkeit in namhafte Spieler zu investieren? Zum Beispiel gab es 85 Millionen € Verlust gab es bei den Wintertransfers. Da kaufte sich Newcastle einfach mal drei der interessantesten Ligue-1-Spieler, um im Abstiegskampf bessere Karten zu haben. Liverpool holt sich zwei sehr talentierte Flügelstürmer, um ihre Mannschaft im Kampf um einen Europapokalplatz zu wappnen.
Die Queens Park Rangers  kaufen sich zwei hierzulande eher unbekannte Spieler für 25,5 Millionen. Das ist eine Mannschaft, die mit 17 Punkten nach 25 Spielen auf dem letzten Platz steht. Southampton, ein Aufsteiger, hat ebenfalls in dieser und der Sommertransferphase über 40 Millionen € Miese gemacht. Man stelle sich vor, Greuther Fürth, der FC Augsburg oder 1899 Hoffenheim würden in diesen Größenordnungen und auf diese Art und Weise handeln. Wir schreien doch schon bereits bei den Investitionen des VfL Wolfsburg auf!
Die Risikobereitschaft, das Spektakel um die Liga und die individuelle Qualität der Vereine in der Breite sind also schon sehr beeindruckend, muten aber etwas befremdlich an.

Im Flutlicht: Wtaktiktafelo siehst du die derzeit wichtigsten taktischen Entwicklungen in der Premier League?

René Marić: Die wichtigsten Entwicklungen? Schwierig zu beantworten. Viele Mannschaften entwickeln sich ja abgesondert von den anderen in gewisser Art und Weise, anstatt dass sich die Liga kollektiv entwickelt. Ferguson verfolgt andere Ideen als Mancini, Benitez, Villas-Boas, Rodgers oder gar Swansea per se als Verein mit Laudrup, Martinez – aktuell bei Wigan –, Sousa und Rodgers – aktuell bei Liverpool – als Umsetzer.
Dann gibt es wiederum einige Mannschaften ohne wirkliche taktische Ideen, die sich lediglich mit dem Spielermaterial an den Gegner oder die Situation im Verein anpassen. Einen englischen Taktikstil gibt es nicht, während in Deutschland die taktische Anpassung an den Gegner und das strukturierte Pressing im Fokus stehen. In Spanien sind die Dominanz (auf welche Art und Weise auch immer, auch ohne Ballbesitz) und das Befolgen eigener Spielprinzipien durch die Bank sichtbar.

Im Flutlicht: Worin unterscheidet sich der englische Fußball aus taktischer Perspektive am meisten vom Fußball auf dem Kontinent?

René Marić: Das Pressing und die grundlegenden taktischen Umsetzungen wirken weniger strukturiert, das Umschaltspiel weniger konstant und Gegenpressing gibt es kaum beziehungsweise nur vereinzelt. Passend dazu las ich einst eine Statistik, dass die Laufleistung in England – entgegen der wohl weitläufigen Meinung – geringer ist als in Deutschland oder Spanien, auch in internationalen Wettbewerben fällt dies ins Auge.
Der englische Fußball ist körperlicher, robuster und intensiver in der Zweikampfführung, allerdings im Großen und Ganzen taktisch weniger ausgereift, obwohl die Ideen da sind. In England wird sich auch oft auf die Individualtaktik und die einzelnen Spielerleistungen berufen, während in Italien das Kollektiv und die Komprimierung spielstrategisch relevanter Zonen eingedämmt werden.
Den größten Defensivfokus sehe ich in Frankreich, den höchsten Offensivfokus in den Niederlanden oder in Spanien, wenn man es auf die großen vier Ligen einschränkt
Deutschland ist eine Mischliga mit vielen Einflüssen von überall, wo aber die Struktur der Mannschaft und die taktische Disziplin wohl am größten sind. Spanien ist da etwas individueller, Italien auch und England sowieso.
Jedoch gibt es in allen Ligen einige Vereine, die deutlich aus der Reihe tanzen.

Im Flutlicht: Die englischen Topklubs geben Unsummen für Spieler mit großen Namen aus, was in einigen Fällen konzeptlos wirkt. Könnte man deshalb behaupten, dass in der Premier League vor allem Heroenfußball gespielt wird, wo es vor allem auf die individuellen Fähigkeiten der Spieler ankommt?

René Marić: Ein bisschen, ja. Aber es wird durchaus darauf geachtet, dass die jeweiligen Spielertypen zueinander passen und sich in der Gruppentaktik passend ergänzen. In Deutschland wird das aber anders gehandhabt. Hier wird versucht aus weniger individueller Qualität mehr im dazu passend erschaffenen System zu machen.
In Spanien ist es ebenfalls anders, hier gibt es allerdings kaum individuelle Ergänzung, sondern Einbettung in eine Spielphilosophie. Auch hier ist das beste Beispiel der FC Barcelona, wo man keinen rustikalen Spieler neben den „Zwergen“ wollte, sondern mehrere Zwerge miteinander hat. In England stellen lediglich Stoke und Swansea ihre Mannschaft so zusammen, mit Abstrichen noch West Ham United. Allerdings konzentriert sich nur Swansea dabei auf spielerische Aspekte.

Im Flutlicht: Pep Guardiola wechselt im Sommer nach München und nicht, wie erwartet, auf die Insel. Gibt es deiner Meinung nach auch taktische Gründe für Guardiolas Wechsel nach Deutschland?

René Marić: Naja, vielleicht will er sich ja mit Klopp, Streich und Tuchel messen. Ich persönlich denke eher, dass die taktischen Gründe nicht in Deutschland liegen, sondern beim FC Bayern – sie kamen europaweit von allen potenziellen Kandidaten seiner Spielphilosophie wohl am nächsten. Mal sehen, wie sich Pep Guardiola über die taktische Qualität seiner Trainerkollegen in der Bundesliga äußern wird. Mit Spanien dürfte diese nämlich europaweit am höchsten sein.

Im Flutlicht: Vorrunden-Aus in der Champions League für Manchester City und den FC Chelsea. Manchester United und der FC Arsenal im Achtelfinale mit großen Gegnern vor der Brust. Die Nationalmannschaft hat auch schon bessere Zeiten erlebt. Verliert der englische Fußball in Zukunft international an Bedeutung oder ist dies nur eine Momentaufnahme, die man nicht überbewerten sollte?

René Marić: Beides. Wobei die Nationalmannschaft ja ein eigenes Thema ist – da wurde so viel falsch gemacht, sich selbst überschätzt und Spielerpotenzial verkannt. Matt Le Tissier, ein genialer Spieler, wurde niemals eingesetzt. Paul Scholes musste sich für schwächere Fußballer auf dem Platz opfern und spielte auf Positionen, die von seiner Idealposition so weit weg sind, wie ein sauberer Radsport von der Realität.
Talente hätten sie ja einige, insbesondere die nächste Generation scheint vom Potenzial gut auszusehen. Ob und wie man es nutzt, lautet die große Frage.
Der Ligafußball hat wohl etwas unter der Dominanz Barcelonas und dem Aufrüsten der Bundesliga gelitten, während der Mitte der 2000er hatten sie wiederum von einigen Aspekten profitierte. Barcelona war in einem Tief bis 2005, Real spielte sowieso lange unter ihren Möglichkeiten ab 2002 und Valencia war kurzzeitig das Team Nummer Eins; deren Trainer wechselte aber dann nach England.man-derby
Die Bundesliga war ebenfalls in einer düsteren Phase, die Serie A erlebte die Endphase des Lire-Milliarden-Paradies und ihres taktischen Vorsprungs. Die Premier League hingegen verband damals das meiste Geld und die fortschrittlichste Taktik in sich, wodurch sie mit relativ weitem Abstand auf Platz 1 waren.
Sie hatten mit Arsene Wenger, Sir Alex Ferguson, Rafael Benitez und José Mourinho die taktisch wohl besten Trainer der Welt damals in ihrer Liga versammelt. Letzterer sorgte für ein generelles Umdenken in der Darstellung des Trainers und seiner Arbeit sowie mehr Qualität in derselben. Dazu gab es noch interessante Lückenfüller wie Martin Jol, David O’Leary, Sam Allardyce, Mark Hughes, Steve McClaren oder David Moyes.
Später kam auch das Projekt Manchester City ins Rollen. Es war einfach eine Liga, welche die Grundsteine für die aktuellen Taktikinnovationen legte, extrem viel Show, individuelle Qualität und einige starke Mannschaften bot. Diese Vormachtstellung in sämtlichen Bereichen ist zweifelsohne abhandengekommen. Und mit dem erhöhten Fokus auf taktische Aspekte im modernen Fußball sowie der Veränderung der finanziellen Situation  kann das teilweise drastisch ausfallen.

Im Flutlicht: Welche Möglichkeiten siehst du für den englischen Fußball, sich aus dieser sportlichen Krise zu befreien?

René Marić: Schwer zu sagen. Sie sind ja keineswegs schwach und unter bestimmten Gesichtspunkten wohl noch immer führend auf dem Markt. Allerdings leiden sie ein bisschen unter ihrem typischen Syndrom im Fußball – sie schauen sich ungerne was ab. Englische Trainer, die den schottischen Kurzpassstil Anfang des letzten Jahrhunderts verfolgten, wurden mehr oder weniger vertrieben.
Jack Reynolds und Jimmy Hogan zum Beispiel waren dann  auf dem Kontinent tätig und legten dort das Fundament für den den österreichischen Scheiberlfußball, die goldene Mannschaft der Ungarn, das tschechische Gassenspiel, die herausragende Polyvalenz der Jugoslawen, das Schalker Kreisel und nicht zuletzt den totalen Fußball der Niederländer.
Der Prophet im eigenen Lande ist nichts wert – und mit der Globalisierung der Premier League durch Investoren und Markterweiterung kamen dann Propheten aus anderen Ländern. Wenger, Benitez und Co. Allerdings sind diese nicht mehr führend, obwohl sie noch immer gute bis sehr gute Trainer sind, wie beispielsweise Sir Alex Ferguson beweist. Trotzdem wurde ihnen hier der Rang abgelaufen und es würde wohl einen neuen Mourinho benötigen, um diesem Effekt entgegenzuwirken.
André Villas-Boas bei Chelsea hätte es mit mehr Geduld werden können, seinerseits hat er sich jetzt stärker dem britischen Stil anpassen müssen. Nichtsdestotrotz ist er mit Sir Alex und nach Michael Laudrup der wohl fortschrittlichste Trainer auf der Insel. Wenn sie sich noch den einen oder anderen innovativen Trainer sichern können oder die junge Garde britischer Trainer sich stärker am Puls der Zeit orientiert und darauf aufbaut, kann sich der Abwärtstrend schnurstracks verändern.

Im Flutlicht: Vielen Dank für deine Ausführungen!

Willkommen im „Zirkus Robbéry“

Vor fünf Jahren tobte Uli Hoeneß auf der Jahres-hauptversammlung des FC Bayern, weil sich Fans über die schlechte Stimmung in der Allianz Arena beschwert hatten. Hat sich bis heute daran etwas geändert?

Das Publikum in der Allianz Arena besitzt zwei Gesichter: während bei Champions League-Spielen der Münchener die Stimmung meist recht gut ist, geht es bei Bundesliga-Heimspielen dafür umso ruhiger zu. Doch in dieser Saison herrschte bei den Auftritten in der Königsklasse vor eigenem Publikum Totenstille. Grund dafür war ein Boykott der Südkurve, die ihrem Ärger über die Ankündigung eines neuen Einlass-Systems auf diese Weis Luft machte. Zwar zählt die Münchener Südkurve nicht gerade zu den stimmungsvollsten hierzulande, doch durch ihre Abwesenheit bei den Partien gegen Valencia und Lille stellte sie ihre Bedeutung für die Stimmung in der Arena im Norden Münchens unter Beweis. Da halfen auch keine Klatschpappen, die seit geraumer Zeit ans Münchener Publikum verteilt werden, um eine bessere Atmosphäre bei den Heimspielen der Bayern zu schaffen. Ein Banner in der Südkurve brachte es auf den Punkt: „Klatschpappen kann man kaufen, Stimmung nicht.“

Simply the Bestrobben-riberty

Anscheinend hat sich seit der Wutrede von Uli Hoeneß anno 2007 kaum etwas verändert. Die Zuschauer erwarten weiterhin, dass Robben, Ribéry und Co. ähnlich einem Dompteur im Zirkus ihr Gegenüber beherrschen und vorführen. Meist benehmen sich die Gastmannschaften in der Münchener Arena allerdings nicht wie wilde Tiere, sondern geben sich ganz zahm und bemühen sich um Schadensbegrenzung. Mal werden die Gegner sanft, mal eher unsanft behandelt, je nach Lust und Laune des bayerischen Starensembles. Und das gefällt den Zuschauern. Selten kommt es vor, dass der übermächtig scheinende FC Bayern zuhause von seinen Gegnern genarrt wird. Doch sollte dies passieren, tun sich schnell dunkle Wolken über der Allianz Arena auf, es beginnt zu brodeln und Weltuntergangsstimmung macht sich schnell breit.

Pflichtsieg

Diese Erwartungshaltung des Münchener Publikums trägt maßgeblich dazu bei, dass sich im Wohnzimmer von Uli Hoeneß nicht so recht Stimmung aufkommen will. In der Bundesliga gibt es für die Bayern bei Heimspielen eigentlich nur Pflichtsiege und durch die beiden Finalteilnahmen in der Champions League in den letzten Jahren sind die Ansprüche der Fans auch nicht gerade gesunken. Ein müdes 2:0 gegen eine aufopfernd kämpfende Frankfurter Eintracht zauberte jüngst nur wenig Begeisterung in die Gesichter der anwesenden Zuschauer. Es geht beim FC Bayern eben nicht darum, dass man gewinnt, sondern es geht um das „wie“, auf welche Weise dies also geschieht.

Applaus, Applaus

Ein Tor der eigenen Mannschaft gegen einen Gegner, den man ja sowieso bezwingen muss, stellt für einen Bayern-Fan eigentlich keinen Grund dar, in großem Maße Emotionen zu zeigen. Es handelt sich sklatschpappenchließlich um etwas Selbstverständliches. Kurz aufgestanden, ein wenig im Takt der Tormusik geklatscht – so geht Torjubel in München. Danach setzt man sich wieder und wartet auf das nächste Tor. Ob es die Klatschpappen seit kurzem etwa deshalb gibt, weil das Klatschen auf den Tribünen der Allianz Arena die beliebteste Form von Torjubel ist? Gut möglich. Jubelstürme, ausufernde Begeisterung oder wildfremde Menschen, die sich in den Armen liegen trifft man höchst selten an. Keine Spur von Reaktionen, die einem spontanen Ausdruck der Freude gleich kommen. Alles wirkt einstudiert, das Klatschen erscheint obligatorisch, wie auf einem CSU-Parteitag. Beim Besuch eines Spiels in der Allianz Arena drängt sich somit unweigerlich der Eindruck auf, dass es bei einem Spiele- und Liedernachmittag im Seniorenheim emotionaler und stimmungsvoller zuginge.

Vorreiterrolle

Dennoch sollte man jetzt nicht allein den FC Bayern und die Stimmung in der Münchener Arena verteufeln, denn gewissermaßen ist der deutsche Rekordmeister nur der Vorreiter einer Entwicklung, die sich in meisten Stadien der Bundesliga vollzieht. Die „Eventisierung“ des Fußballgeschäfts ist in vollem Gange, der Sport gleicht mehr und mehr dem Showbusiness. Durch seinen Erfolg ist der FC Bayern zurzeit eben besonders sexy, absolut im Trend sozusagen. Was jedoch zu denken geben muss, ist, dass in München eine solche Entwicklung auch erwünscht ist. Dies wird deutlich an der Unterstützung des DFL-Sicherheitskonzepts „Sicheres Stadionerlebnis“ und den probeweisen Ganzkörperkontrollen von Gästefans beim Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt vor kurzem. Pyrotechnik ist in München sowieso nicht gern gesehen, auch wenn man selbst gern mal mit einem riesigen Feuerwerk die Saison eröffnet oder den Gewinn eines Titels feiert. Aber alles muss unter Kontrolle sein, darum geht es. Der Zuschauer soll sich nicht aktiv beteiligen, sondern sich passiv verhalten und das konsumieren, was man ihm vorlegt. Stimmung ist nicht gänzlich unerwünscht, aber soll nur auf die Weise geschaffen werden, wie sich das der Verein vorstellt. Klatschpappen müssen eben reichen.

Schlechte Aussichten

In München hat sich in den letzten fünf Jahren also herzlich wenig Positives getan in Sachen Stimmung. Hoffnung auf eine Verbesserung ist kaum in Sicht, da man beim FC Bayern Gefallen am modernen Fußball gefunden hat und die Inszenierung eines Fußballspiels weiter perfektionieren will. Man wird weiter daran arbeiten, dass alles nach Plan läuft, doch eine Variable werden auch die Münchener nicht gänzlich unter Kontrolle bringen: Was zählt, ist auf dem Platz. Spiele werden immer noch dort entschieden und das ist auch gut so.

Anmerkung: es handelt sich hierbei um einen Artikel, der zwar bereits im November letzten Jahres verfasst wurde, den Lesern von Im Flutlicht aber dennoch nicht vorenthalten bleiben soll 😉

Football for peace?!

Nach dem erfolgreichen Abschneiden bei der letztjährigen Auflage des Afrika-Cups will Mali dieses Jahr ganz hoch hinaus. Das Viertelfinale ist bereits erreicht und nun träumt ein ganzes Land schon vom Erfolg des Geheimfavoriten

„Un peuple, un but, une foi“ (deutsch: „Ein Volk, ein Ziel, ein Glaube“): so lautet der Wahlspruch der westafrikanischen Republik Mali. Davon ist zurzeimali-equipet nicht mehr viel übrig geblieben. Das Land ist seit dem Ausbruch der Unruhen im Norden des Landes gespalten. Anfang letzten Jahres begannen Rebellen der Tuareg von Libyen aus kommend mit der Unterstützung islamistischer Milizen den Norden Malis zu besetzen. Jene islamistischen Kräfte wendeten sich nach erfolgreichen Eroberungen gegen die Tuareg und wollten nun auf eigene Faust ihre Schreckensherrschaft etablieren. Das Land versank nun im völligen Chaos. Die politische Krise im Land spitzte sich so zu, dass die malische Regierung vor kurzem die ehemalige Kolonialmacht Frankreich um militärische Hilfe bat. Inmitten dieser Kriegswirren gibt es jedoch etwas, was die Menschen im Land ihre Sorgen ein wenig vergessen lässt und ihnen Anlass zur Hoffnung gibt: der Traum vom Triumph der Fußball-Nationalmannschaft beim diesjährigen Afrika-Cup in Südafrika.

Geplagtes Land

Für die Menschen in Mali sind die gegenwärtigen Zustände jedoch nichts Neues: immer wieder wurde das Land, das 1960 seine Unabhängigkeit erklärte, in der Vergangenheit von politischen und ökonomischen Krisen heimgesucht. Ab 1968 wurde das westafrikanische Land von Moussa Traoré, der durch einen Militär-Putsch an die Macht gelangt war, regiert. Bereits von 1989 bis 1994 ereignete sich ein Bürgerkrieg im Norden Malis, denn schon damals forderten die Tuareg Autonomie für die Provinz Azawad. Erst 1991 wurde der Alleinherrscher infolge der Märzrevolution gestürzt und fortan kam der Demokratisierungsprozess im Land in Schwung. Der Name des Nationalstadions in der am Niger gelegenen Hauptstadt Bamako erinnert daran. Denn während man sich in Europa bei den Namen der meisten Stadien eher an eine Einkaufsmeile erinnert fühlt, trieft der Name des größten Stadions Malis nur so vor wahrhaftiger Historizität: Stade du 26 mars (deutsch: Stadion des 26. März). An jenem Tag nämlich wurde das Regime Traorés nach tagelangem Generalstreik gestürzt und somit die Gewaltherrschaft beendet.

Die Anfänge des Fußballs

Fußball ist in Mali der Volkssport schlechthin. Die Bevölkemali-spielrung des Landes ist verrückt nach Fußball, überall sieht man Kinder und Jugendliche auf den Straßen spielen. Niemand stört sich daran, wenn der Ball nur aus alten Kleidungsresten zusammen geflickt wurde, Hauptsache der Ball rollt. Anfang des 20. Jahrhunderts importierten die französischen Kolonialherren den Sport nach Westafrika. Der noch heute in der ersten Liga vertretene Verein Jeanne d’Arc du Soudan gründete sich 1938 als erster Fußballklub Malis. Wenig später folgte Foyer du Soudan, der Vorgängerverein des heute erfolgreichsten Klubs des Landes, Djoliba AC. Seit der Unabhängigkeit dominieren bis heute ausschließlich in der Hauptstadt Bamako ansässige Vereine das Geschehen: neben eben besagtem Rekordmeister Djoliba AC waren und sind es vor allem Stade Malien de Bamako und AS Réal Bamako

Titel-Abonnement

Die deutsche Bundesliga rühmt sich gegenwärtig immer wieder ihrer Ausgeglichenheit und Spannung. Man ist froh, keine sogenannten „spanischen Verhältnisse“ zu haben, wo seit Jahren der FC Barcelona und Real Madrid sämtliche Titel unter sich ausmachen. Diese Tatsache ringt malischen Fußballfans jedoch bestenfalls ein müdes Lächeln ab, denn seit der Ligagründung 1966 wurden sämtliche Meisterschaften von einem der drei großen Klubs aus Bamako gewonnen. Derzeit führt – wen wundert’s – Stade Malien die Tabelle ungeschlagen und mit nur einem Unentschieden aus zehn Spielen souverän an. Da wirkt es fast schon etwas seltsam, dass der malische Pokal seit seiner Einführung 1961 bereits sieben Mal von anderen Teams gewonnen wurde. Am erfolgreichsten ist dabei Cercle Olympique, die schon dreimal triumphierten und – wie könnte es anders sein – natürlich aus der Hauptstadt Bamako kommen. In der letzten Saison gab es sogar ein weiteres Novum, das Pokalfinale fand nämlich zum ersten Mal in der Geschichte ohne Beteiligung eines der drei großen Vereine, ja sogar ohne Team aus Bamako, statt. Die erste Liga, genannt Première Division, ist erst seit 2004 professionell und wurde zur letzten Saison von vierzehn auf sechzehn Teams aufgestockt. Elf der aktuellen Erstligisten sind in Bamako beheimatet und in der Liga tummeln sich fast ausschließlich einheimische Spieler. Die wichtigsten Spiele des Landes sind die Derbys zwischen den drei Schwergewichten aus der Hauptstadt, wobei das ewige Duell zwischen Djoliba AC und Stade Malien die Zuschauer am meisten elektrisiert. Beide Teams trafen in dieser Saison im Rahmen des CAF Confederation Cup, dem afrikanischen Pendant zur Europa League, erstmals auf internationaler Bühne aufeinander.

Auf und abmali-fans

Für den Spitznamen der Nationalelf zeichnet sich der deutsche Weltenbummler Karl-Heinz Weigang verantwortlich: er ließ während seiner Amtszeit in Mali Trainingsanzüge mit einem Raubvogel auf dem Rücken anfertigen und fortan wurden seine Spieler von den Journalisten nur noch „Les Aigles du Mali“ (deutsch: Die Adler aus Mali) genannt. Die Geschichte der malischen Fußball-Nationalmannschaft ist geprägt von wenigen Höhe- und vielen Tiefpunkten. Bis zum Jahre 1972 befand sich die Auswahl des Landes im Aufschwung, der im 2. Platz beim Afrika-Cup in Kamerun im selben Jahr gipfelte. Die Mannschaft um den Nationalhelden Salif Keita, der 1970 als erster Malier Afrikas Fußballer des Jahres wurde und in Frankreich für AS Saint-Etienne und Olympique Marseille auflief, musste sich erst im Finale dem Team aus der Republik Kongo geschlagen geben. Einzig der Rekordtorschütze des Landes, Frederic Kanouté, der vor allem aus seiner Zeit beim FC Sevilla bekannt ist, konnte später noch einmal den Titel des afrikanischen Fußballer des Jahres nach Mali holen. Die Nationalmannschaft, die sich noch nie für eine Weltmeisterschaft qualifizieren konnte, verpasste in der Folge auch sämtliche Afrikameisterschaften bis zum Jahre 1994, wo man dann überraschenderweise bis ins Halbfinale vorstieß. Es folgte wieder ein Loch und erst 2002 nahm die malische Auswahl wieder am Afrika-Cup teil, was allerdings daran lag, das das Land Gastgeber des Turniers war. Getragen von der Euphorie drang die Mannschaft von Henryk Kasperczak bis ins Halbfinale vor und unterlag dann dem späteren Turniersieger Kamerun. Am Ende stand der vierte Platz zu Buche und die malische Bevölkerung war vom Fußballfieber infiziert. Es war ein Erfolg, der zwei Jahre später wiederholt werden konnte. Die einzigen internationalen Titel, die Mali vorzuweisen hat, sind drei Turniersiege beim Amilcar Cabral Cup, einem regionalen Turnier in Westafrika, das zuletzt 2007 gewonnen wurde.

Hoffnungsträger

Durch den erneuten Halbfinaleinzug im letzten Jahr, die Adler konnten in der Folge sogar noch das Spiel um Platz drei gegen Ghana für sich entscheiden, sind die Ansprüche in Mali weiter gewachsen. Infolge der beginnenden kriegerischen Auseinandersetzungen im Norden hat der Vater des Erfolges, der ehemalige Europameister Alain Giresse, jedoch das Handtuch geworfen und das Land verlassen. Dennoch erwarten die Bevölkerung und der Staatspräsident nun nicht weniger als den Titel. Der neue Trainer Patrice Carteron nimmt die Herausforderung an und will nun mit seiner Mannschaft so weit wie möglich kommen, um der Bevölkerung Malis etwas Freude zu schenken und für etwas Ablenkung vom traurigen und brutalen Alltag zu sorgen. Er glaubt jedoch nicht, dass der sportliche Erfolg den Menschen den Frieden bringen könne. In seinem Aufgebot befinden sich nur drei Spieler aus der einheimischen Liga, die meisten verdienen ihr Geld in Europa, vor allem in Frankreich. Die größte Verantwortung bei der diesjährigen Titelmission lastet dabei auf den Schultern des China-Legionärs Seydou Keita, der durch seine erfolgreiche Zeit beim FC Barcelona bekannt ist. Er feierte 1999 den bisher größten Triumph mit der malischen U-20 Nationalmannschaft, als das Team um ihn und den späteren Real-Profi Mahmadou Diarra bei der U-20 Weltmeisterschaft in Nigeria erst im Halbfinale am späteren Sieger Spanien scheiterte und das Turnier auf einem hervorragenden dritten Platz beendete.

Legionäre

Neben den berühmten malischen Legenden wie Salif Keita, Frederic Kanouté, Seydou Keita, Mahmadou Diarra, Mohamed Sissoko und dem in Mali geborenen Jean Tigana, gibt es nur wenige Spieler aus dem westafrikanischen Land, die hierzulande bekannt sind. Einziger aktueller Malier in der Bundesliga ist der beim SC Freiburg aufs Abstellgleis geratene Stürmer Garra Dembélé. Die Breisgauer scheinen jedoch schon immer ein Faible für Spieler aus Mali gehabt zu haben: bestimmt kann sich der ein oder an andere noch an die Zeiten erinnern, als Boubacar Diarra oder Soumaila Coulibaly im Trikot der Freiburger aufliefen. Letzterer spielte später auch noch kurze Zeit für die Gladbacher Borussia.

Am Samstag tritt die Auswahl Malis im Viertelfinale des Afrika-Cups gegen den Gastgeber Südafrika an. Den Menschen in Mali sei es vergönnt, dass sie einen Sieg ihrer Mannschaft bejubeln und all die schrecklichen Geschehnisse, die sich im Land zurzeit ereignen, zumindest für 90 Minuten vergessen können.

Auf dem rechten Auge blind

Während man sich in der aktuellen Diskussion um Fankultur vor allem mit dem Erhalt von Stehplätzen, Ganzkörperkontrollen und Gästekontingenten beschäftigt, fällt ein Problem fast komplett unter den Tisch: das Wiedererstarken von rechtem Gedankengut auf den Tribünen.

Ganz egal, wie man es mit den Ultras hält, eines muss man ihnen lassen: neben der Kommerzialisierung des Fußballs sind sie einer der Hauptgründe dafür, dass Hooligans und rechte Gruppen immer mehr aus den Stadien in Deutschland verschwanden. Klar, ganz verschwunden sind eben genannte Gruppierungen niemals und werden es wohl auch nicht. Wenn man jedoch die Situation der letzten Jahre mit den 1980er Jahren vergleicht, so wird man feststellen, dass rechten Kräften in deutschen Kurven deutlich der Wind aus den Segeln genommen wurde. Doch wie man besonders seit Beginn dieser Saison feststellen muss, ist diese Bewegung zunehmend rückläufig. Gleich mehrere Vereine sehen sich Problemen mit rechten bzw. rechtsoffenen Gruppierungen gegenüber und wirken im Umgang mit jenen oft ziemlich hilflos: in Dortmund keimen Kräfte der alten „Borussenfront“ wieder auf und unterwandern die „Desperados“. Neben schwelenden fanszeneninternen Grabenkämpfen war in Braunschweig erst kürzlich ein NPD-Politiker beim Wahlkampf mit einem Eintracht-Schal zu sehen und in Aachen hat sich die Ultra-Gruppierung „ACU“ nach langwierigen Auseinandersetzungen mit den rechten Hooligans der „Karlsbande“ vor kurzem sogar aufgelöst. Auch in Düsseldorf haben die Ultras der Fortuna vor wenigen Wochen ihren vorübergehenden Rückzug bekannt gegeben. Die Gruppe selbst lässt verlautbaren, dass es sich dabei um interne Organisations- und Strukturprobleme handelt, doch nicht jeder in Düsseldorf glaubt dem. Es soll hierbei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, denn auch in anderen deutschen Städten kommt es immer wieder zu rechten Übergriffen, wie z.B. in Bremen, als 2007 die Feier einer linksalternativen Ultragruppierung von den Hooligangruppen der „Standarte Bremen“ und „Nordsturm Brema“ attackiert wurde. Was zudem an den ganzen Beispielen deutlich wird: rechtes Gedankengut beim Fußball ist bei weitem kein ostdeutsches Problem.

Der Fußball wird oftmals als „Spiegelbild der Gesellschaft“ bezeichnet und dieser Terminus hat in den letzten Jahren auch kaum an Wahrheitsgehalt verloren. Das Publikum auf den Tribünen hierzulande stellt auch heute meist einen ziemlichen homogenen Querschnitt der Gesellschaft dar. Logischerweise geht damit einher, dass viele verschiedene Meinungen, auch extreme politische, ins Stadion getragen werden, schließlich kann man niemandem verbieten, sich für Fußball zu interessieren. Das Thema, wie politisch Sport sein soll, ist hier nicht Gegenstand der Betrachtung, dennoch muss festgestellt werden, dass Sport, und somit auch Fußball, nie gänzlich unpolitisch sein kann. Städte wie Dortmund, Braunschweig oder Aachen und deren Fanszenen infolge der jüngeren Geschehnisse als Hochburgen rechten Gedankenguts darzustellen, verfehlt das Ziel um Längen. Die in Erscheinung tretenden rechten Gruppierungen stellen meist nur eine kleine Minderheit dar und auch in anderen Städten und Stadien gibt es Leute mit ähnlicher politischer Einstellung. Ein kleiner, aber dennoch gewaltiger Unterschied ist derjenige, dass rechte Kräfte in manchen Kurven anscheinend problem- und widerstandslos ihre Propaganda betreiben können. Meist wollen sie die Zuschauer mit dem scheinbar unpolitischen Wahlspruch „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“ für sich gewinnen. Hinter dem Spruch steckt jedoch eine gehörige Portion politischen Interesses, denn somit wollen die Rechten Unterstützung für das Vorgehen gegen antirassistische und antifaschistische Ultragruppierungen sammeln. Und darin liegt das Hauptproblem: Fangruppierungen mit gesellschaftlichem Engagement werden in den Kurven zunehmend isoliert und in einigen Fällen sogar soweit als „Demagogen“ dämonisiert, dass sich ein Großteil der Stadionbesucher gegen sie stellt. Durch diese scheinbare Unterstützung des Unpolitischen stärken aber immer mehr Anhänger unbewusst rechte Gruppierungen, die sich nun immer mehr in den Kurven breit machen können und allgemeine Zustimmung für ihr Auftreten erhalten.

Eine weitere Gefahr stellt die Untezwickau-rechtsrwanderung von Ultragruppierungen durch Leute aus der rechten Szene dar. Seit vielen Jahren schließen sich jugendliche Stadiongänger Fangruppierungen an, da diese für sie eine Art „zweite Familie“ darstellen. Die Liebe zum Verein und die Begeisterung für eine gemeinsame Sache schweißen sie zusammen und fördern den Zusammenhalt. Neben den zumeist etwas loseren Strukturen von Fanclubs, blieb es in den letzten Jahren vor allem das Privileg der Ultras, sich dieser Jugendlichen anzunehmen und diese in ihre Gruppen zu integrieren. Doch dieses Potential haben mittlerweile auch rechte Kräfte erkannt und versuchen nun, in den Kurven der Fußballstadien Nachwuchs zu rekrutieren. Im Gegensatz zur Vergangenheit hat sich etwas jedoch grundsätzlich geändert: das Auftreten der Rechten. Es gibt nur noch wenige, die sich mit kahl geschorenem Kopf, Bomberjacke und Springerstiefeln  in der Öffentlichkeit zeigen. Vielmehr haben sie den Chic von Autonomen und Linken übernommen und sind oftmals nur durch winzige Merkmale von diesen zu unterscheiden. Doch nicht jeder weiß darum Bescheid. So sind es meist nur wenige, die verstehen, was für eine Botschaft jemand mit einem Pullover der Marke „Thor Steinar“ vermitteln will. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche diesen Kleidungsstil gedankenlos übernehmen, ganz einfach, weil sie dazugehören und ihren Idolen in der Kurve in nichts nachstehen wollen. Und sind die Jugendlichen erst einmal in den braunen Sumpf hineingerutscht, ist es äußerst schwierig, sie dort wieder herauszubekommen.

Deshalb sollte sich die Politik, aber auch jeder einzelne Fußballfan fragen, ob das zurzeit hochbrisante Sicherheitsproblem wirklich so groß ist, wie es zu sein scheint, oder ob es vielleicht nicht doch größere Baustellen gibt. Denn was helfen Ganzkörperkontrollen und Stehplatzverbote, wenn man sich als Fußballfan in Zukunft in einer Kurve voller Rechtsgesinnter nicht mehr sicher fühlen kann?

Anmerkung: Dieser Text stellt nur meine persönliche Meinung und Auffassung, jedoch keine objektive Wahrheit dar. Es obliegt mir persönlich nicht, ein allgemeingültiges Urteil zu geben, doch wird jeder, der in den letzten Jahren ab und zu bei einem Bundesligaspiel zugegen war und sich aufmerksam für Fankultur und deren Geschichte interessiert, zu demselben Urteil kommen. Außerdem sollen durch diesen Text weder Ultras noch Linke zu Helden stigmatisiert werden, sondern es soll lediglich auf die Gefahren für die Fankultur in deutschen Stadien, die mit einer Unterwanderung durch rechte Kräfte einhergehen, aufmerksam gemacht werden.

Für alle, die noch mehr Informationen rund um dieses Thema wollen:

http://www.11freunde.de/artikel/nazis-auf-den-raengen

http://www.taz.de/!93784/

http://www.11freunde.de/artikel/rueckkehr-der-hooligans-ultras-duesseldorf-ziehen-sich-zurueck

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sport/1991251/

Ode an den Afrika-Cup

Zum Auftakt des Afrika-Cups am heutigen Tage, möge noch einmal eindringlich auf die Folgen des Konsums von Afrika-Cup Spielen hingewiesen werden.

Als Fußballjunkie hat man etanzende spieler 2s nicht leicht. Kaum hat man sich an die wohltuende Dosis an Bundesliga und Champions League gewöhnt, steht alle Jahre wieder die harte Zeit des Entzugs an: die Winterpause. So mancher Süchtige überbrückt heutzutage die winterliche Tristesse mit der Premier League, andere wechseln die Sportart und schauen sich Wintersport an oder lassen sich vom „Dartfieber“ anstecken. Doch in Zeiten, als Winterpausen noch länger dauerten, es noch keine Livestreams gab und höchstens alle zwei Wochen ein FA-Cup Spiel auf DSF lief, da musste man als Fußballjunkie auf andere Methoden zurückgreifen.

Summenformel: ACN

Die wohl wirksamste Ersatzdroge jener Zeiten: die höchst benebelnde Substanz ACN (African Cup of Nations). Denn das afrikanische Pendant zur Europameisterschaft stellt etwas ganz besonderes dar: es ist das Heroin eines jeden Fußballsüchtigen. Wer so weit ist, dass er freiwillig den Afrika-Cup anschaut, der darf sich selbst als Teil der absoluten Fußballjunkie-Elite betrachten. Jeder, der schon jemals den Afrika-Cup auf Eurosport gesehen hat, weiß wovon hier die Rede ist. Doch genau das wird gebraucht, um die Depressionen der Winterpause überstehen zu können. Durch die tägliche Dosis ACN wird man in einen Zustand versetzt, der nicht im Geringsten mit dem Konsum eines Bundesliga- oder Champions League Spiels zu vergleichen ist. Man fühlt sich, als wäre man in einer anderen Welt. Wenn man sich an einem wolkenverhangenen Sonntagnachmittag im Januar Niger – Burkina Faso anschaut, entsteht im Kopf eine innere Leere, wie man sie sonst nicht kennt. Ein richtiger Vollrausch ist ein Dreck dagegen. Außerdem kommt es immer wieder vor, dass Abhängige sich mit einer Überdosis ACN auf dem heimischen Sofa ins Reich der Träume befördern. Sozusagen der goldene Schuss.

Nebenwirkungen

Das Problem an ACN ist, dass es nur alle zwei Jahre für etwa drei Wochen konsumierbar ist. Winterpausen, in denen es kein ACN gibt, stellen für den gemeinen tanzende spielerFußballjunkie den absoluten Horror dar, Cold Turkey gewissermaßen. Ein Glück für alle Süchtigen, dass der Afrika-Cup aufgrund der terminlichen Umstrukturierung dieses Jahr schon wieder ausgetragen wird. Auch wenn dieses Mal der Rückrundenauftakt der Bundesliga mit dem Beginn des Afrika-Cups zusammen fällt, so wird der wahre Junkie keinesfalls auf den Genuss von ACN verzichten. Und mal ganz ehrlich: ob Fortuna Düsseldorf – FC Augsburg oder Angola – Marokko, da gibt es höchstens marginale Unterschiede. Unter dem Einfluss von ACN sieht man die Bundesliga plötzlich mit ganz anderen Augen. Jedem Fußballsüchtigen kann nur geraten werden, sich soviel ACN wie möglich einzuflößen, denn der nächste Afrika-Cup findet erst wieder in zwei Jahren statt. Außerdem ist der Stoff völlig legal und den Dealer des Vertrauens kennt auch jeder.

Wer noch mehr Informationen über den Afrika-Cup haben möchte, dem ist folgende Seite zu empfehlen:
http://www.afrika-cup.de/

„Ich verspreche keine Tore. Ich verspreche nur zu laufen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer.“
Samuel Eto’o während seiner ersten Pressekonferenz beim FC Barcelona

Wo Träume wahr werden

Im Flutlicht hat sich mit User Lorenz F. über den am kommenden Wochenende beginnenden Afrika Cup unterhalten. Damit geht auch die neue Rubrik „Zweikampf“ an den Start, in der regelmäßig User des Blogs zu verschiedenen Themen zu Wort kommen.

Im Flutlicht: Diesen Samstag ist es endlich wieder so weit. Der Afrika-Cup startet in Südafrika in seine insgesamt 29. Auflage. Welches Erlebnis verbindest du persönlich am meisten mit dem Afrika-Cup?

Lorenz: Ganz klar das Finale zwischen Sambia und der Elfenbeinküste aus dem letzten Jahr. Denn es war schon beeindruckend wie die Außenseiter aus Sambia dagegen hielten und den Sieg davontragen konnten. Ich fand es vor allem stark, mit welcher Distinguiertheit und Coolness die Elfmeterschützen aus Sambia ihre Strafstöße verwandelten. Die Sambier stellten immer den zweiten Schützen, mussten somit immer nachziehen. Trotzdem verdienten sie sich den Titel durch absolute Kunstschüsse, wie den vom 21-jährigen Sinkala von den Green Buffaloes aus der Hauptstadt Lusaka. Außerdem kommt noch diese historische Dimension dazu, dass die Sambier genau dort, in Libreville, ihren ersten Titel feiern konnten, wo sich knapp 19 Jahre zuvor das schlimmste Unglück in der Geschichte des sambischen Fußballs, nämlich das „Gabon Air Disaster“ ereignete. Kurzum, die Jungs haben einfach Geschichte geschrieben.

chris-cup Im Flutlicht: Jetzt mal ganz allgemein gefragt: was fasziniert dich so am Afrika-Cup?

Lorenz: Einer der wichtigsten Punkte hierbei ist für mich, dass sich „No-Name-Talente“ auf internationaler Bühne präsentieren können. Das ist für viele junge Spieler aus Afrika eine nicht zu unterschätzende Chance, sich für die Vereine in Europa empfehlen zu können. Außerdem ist es einfach diese besondere Unbeschwertheit, die dem Turnier innewohnt. Das äußert sich in traumhaft schönen Toren und anmutigen Spielzügen. Allerdings mündet diese Haltung auch oft in Konzentrationsmängel und Undiszipliniertheiten, die die ebenso berüchtigten Torwartfehler und Abwehrpatzer verursachen. Der Afrika-Cup vereint spielerische Klasse und Talent mit haarsträubenden Fehlern und Missgeschicken. Desweiteren fasziniert mich, was auf den Tribünen vor sich geht: einerseits diese unbändige, authentische Fankultur, andererseits die korrupten Machthaber in Fantasieuniformen mit ihren bonierten europäischen Begleitungen auf der VIP-Tribüne. Aber diese extremen Kontraste machen für mich das Turnier und auch den Kontinent Afrika allgemein aus.

Im Flutlicht: Gibt es noch andere Merkmale, die deiner Meinung nach den Afrika Cup so besonders machen?

Lorenz: Fankultur, Wasserschlachten, Spielkultur: all das ist einfach unglaublich authentisch. Beim Afrika-Cup gibt es keine Shakira, die play-back irgendetwas vor sich hin trällert, sondern dort überreicht ein indigener Stamm den Pokal nach dem Finale. Auch sind die Motivationen für die Spieler sehr unterschiedlich: junge afrikanische Talente wollen sich beweisen, während das Turnier für populäre Profis mit Verträgen in Europa teilweise fast schon eine Zumutung darstellen muss. Für Letztere lässt sich mit dem Afrika-Cup international gesehen kaum Geld und Prestige erringen. Außerdem müssen diese Topspieler mit der Favoritenrolle umgehen können und nicht selten kommt es vor, dass nach einer Blamage der Mob im eigenen Land schon darauf brennt, die Buden der Profis abzufackeln.

Im Flutlicht: Allerdings. Der eine oder andere afrikanische Nationalspieler ist aus solchen Gründen schon zurückgetreten. Als nächstes würde ich dich bitten, einen Vergleich anzustellen: worin siehst du die größten Unterschiede zwischen dem Afrika-Cup und anderen großen internationalen Fußballturnieren wie z.B. Welt- oder Europameisterschaften?

Lorenz: Sepp Blatters „Fußball-Disneyland“ lässt sich in Afrika nicht so einfach implementieren. Dort läuft alles unorganisierter, spontaner und chaotischer ab. Diese glatte und durschaubare Kunstwelt bei WM oder EM, die nur der Verkleidung von Kommerz dient, passt ganz einfach nicht zum afrikanischen Kontinent. Man darf nicht vergessen, dass der afrikanische Markt natürlich viel unattraktiver für Sponsoren ist. Desweiteren ist für mich der Fußball einfach auch irgendwie archaisch, unorganisiert, verroht, spontan, schmutzig und emotional, ganz einfach gesagt außeralltäglich. Diese künstliche Begeisterung und auch diese Wiederbelebung des deutschen Nationalstolzes bei internationalen Turnieren stoßen mich zunehmend ab. Auch sind die Spiele, abgesehen von der Taktik, meist recht langweilig und von der Fankultur, der jegliche Authentizität abgeht möchte ich gar nicht erst sprechen. Wer taktische und spielerische Meisterleistungen will muss Champions League schauen. Beim Länderfußball, vor allem in Afrika stehen für mich ganz einfach Spannung, Emotionen und Spaß im Vordergrund. Party und Tanz sich wichtiger als 4-4-2 oder 4-3-3. Und genau diese Einstellung findet man in Afrika einfach noch.

Im Flutlicht: Dacrazy-fans alles spricht auf alle Fälle für den Afrika-Cup als buntes Turnier voller Emotionen. Aber was spricht aus deiner Sicht dafür, dass der Afrika-Cup im Gegensatz zu anderen internationalen Turnieren alle zwei anstatt vier Jahre ausgetragen wird?

Lorenz: Mir persönlich als Afrika-Cup Liebhaber kommt es natürlich entgegen, dass das Turnier inflationär ausgetragen wird. Gleichzeitig wird diese Praxis kaum dazu beitragen, die Popularität und Außergewöhnlichkeit außerhalb Afrikas zu steigern. Als Vergleich: Wer nimmt denn schon Notiz von den inflationär stattfindenden Handballturnieren? Insgesamt finde ich das aber gar nicht negativ, weil so der Charakter des Afrika-Cups erhalten bleiben könnte.

Im Flutlicht: Findest du es denn auch sinnvoll, dass der Afrika-Cup in den Monaten Januar und Februar, also inmitten der Saison in Europa ausgetragen wird?

Lorenz: Für das Niveau ist das sicher nicht gerade zuträglich. Einerseits leidet die ohnehin zu kurze Vorbereitungszeit der Mannschaften da noch zusätzlich darunter. Und andererseits bleiben oftmals Profis, die in Europa spielen, deswegen dem Turnier fern. Insgesamt ist der Zeitpunkt, zu dem das Turnier stattfindet, weder für das Turnier, noch für die Klubs in Europa von Vorteil.

Im Flutlicht: Obwohl der Afrika-Cup bereits letztes Jahr stattgefunden hat, wird das Turnier dieses Jahr schon wieder ausgetragen, weil der Afrika-Cup in Zukunft immer in ungeraden Jahren, also zwischen Welt- und Europameisterschaften stattfinden soll. Was ist deine Meinung dazu?

Lorenz: Ich finde, dass der Afrika-Cup seinen eigenen Platz im Weltfußball verdient, was sich auch terminlich äußern sollte. Außerdem ist der Afrika-Cup somit nicht mehr nur eine Art Warm-Up für die WM und hat jetzt seinen eigenen Platz im Terminkalender, wie andere Kontinentalturniere auch.

Im Flutlicht: Südafrika, bereits Gastgeber der WM 2010, springt für das krisengeschüttelte Libyen als Ausrichter ein. Inwiefern werden sich diese beiden Turniere, also die WM 2010 und der diesjährige Afrika-Cup am meisten unterscheiden?

Lorenz: Die WM vor fast drei Jahren hat mir nicht gefallen. Man hatte einfach das Gefühl, dass sich Blatter damit nur die afrikanischen Stimmen für seine Wiederwahl sichern wollte. Vom bevorstehenden Afrika-Cup erhoffe ich mir erneut die bereits beschriebenen Charakteristika und denke, dass das Turnier spannender wird als jenes 2010. Eigentlich wünsche ich mir, dass alles mehr oder weniger so bleibt, wie es ist. Bloß nicht mehr Zuschauer in Europa und China bitte!

Im Flutlicht: Nun zum Sportlichen: wie schätzt du die fußballerische Entwicklung afrikanischer Teams ein?

Lorenz: Um hier wirklich eine fundierte Aussage zu treffen, bin ich nicht qualifiziert genug. Ich freue mich natürlich, viele afrikanische Talente in Europa bestaunen zu können, allerdings hängt der afrikanische Fußball meiner Meinung nach einfach zu sehr am europäischen Tropf. Dass es aber auch ganz ohne Profis aus Europa geht, hat Sambia letztes Jahr eindrucksvoll bewiesen. Vielleicht macht das den afrikanischen Fußball in Zukunft auch selbstbewusster. Allerdings denke ich, dass Afrika höchstens gerade so Schritt halten kann, wie man am Abschneiden bei der WM sieht. Ghana bei der letzten WM sehe ich da als Ausnahme und die Elfenbeinküste, eine der stärksten Mannschaften Afrikas, blieb deutlich unter ihren Möglichkeiten. Zudem sehe ich das Problem, dass der Klubfußball in Afrika, wie ich finde, immer noch unterentwickelt ist

Im Flutlicht: Wer sind denn für dich die Favoriten der diesjährigen Auflage?drogba-held

Lorenz: Standardmäßig ist hier auf jeden Fall die Elfenbeinküste zu nennen. Für mich eines der besten Teams weltweit, nicht nur in Afrika. Die Mannschaft ist top besetzt und hätte es sich auch verdient nach dem Drama letztes Jahr endlich den ersten Titel seit 1992 einzufahren. Mein Geheimtipp ist Ghana und ich hoffe, dass vielleicht eine der arg gebeutelten nordafrikanischen Nationen für eine Überraschung sorgen kann. Außerdem glaube ich, dass die durch die WM geschaffenen besseren Bedingungen in Südafrika aber insgesamt den Favoriten entgegen kommen. Die fast schon europäischen Standards dort werden dafür sorgen, dass es wohl dieses Jahr keinen Wasserschlachten wie letztes Jahr im Gabun und Äquatorialguinea geben wird.

Im Flutlicht: Was traust du dem Titelverteidiger aus Sambia zu?

Lorenz: So sehr mich Sambia letztes Jahr auch begeistert hat, erinnert mich das ganze doch sehr an Griechenland bei der EM 2004. Das Team kann mit der Rolle des Underdogs viel besser umgehen, als mit der des Titelverteidigers. Ich denke, dass ein Erfolg nicht wiederholbar ist, da sie mit dem Druck wohl nicht so gut zurecht kommen werden. Aber je länger man die hübschen sambischen Trikots im Turnierverlauf sieht, desto besser. Ich habe Samia in letzter Zeit etwas aus den Augen verloren und bin selber gespannt, ob und wie die gelungene Arbeit mit Talenten und Außenseitern fortgeführt wurde. Die Hoffnung auf eine weitere Überraschung besteht natürlich und man weiß schließlich nie, was beim Afrika-Cup so alles passieren kann.

Im Flutlicht: Könntest du dir vorstellen, den Afrika-Cup eines Tages live mitzuerleben.

Lorenz: Das wäre ein absoluter Traum, den ich vielleicht mal verwirklichen werde, wenn das Turnier mal wieder nach Nordafrika kommt. Dafür würde ich auch einiges in Kauf nehmen, denn diese Stimmung vor Ort mitzuerleben wäre mit Sicherheit sensationell.

Im Flutlicht: Angenommen, du würdest für ein Turnier deiner Wahl Freikarten bekommen. Für welches würdest du dich entscheiden? WM, EM, Afrika-Cup oder vielleicht doch Copa America?

Lorenz: Ganz klar Afrika oder Südamerika, weil die anderen beiden Turniere gewinnt eh Spanien und Hauptsache keine deutschen Chauvinisten. Zudem sind mir WM und EM zu kommerziell. Afrika-Cup und Copa America wären ganz einfach aufregender, es herrscht dort eine bessere Stimmung und bei WM und EM macht es für mich eh keinen Unterschied, ob live vor Ort oder im Fernsehen.

Im Flutlicht: Abschließend noch eine Frage: wer ist dein Lieblingsspieler und welches dein Lieblingsteam aus Afrika?

Lorenz: Es gibt viele Spieler, die mir sehr gut gefallen. Der Ex-Bielefelder Chris Katongo ist natürlich seit dem letzten Jahr eine Legende. Eboue von der Elfenbeinküste, der aktuell bei Galatasaray unter Vertrag steht, finde ich auch Klasse, wie allgemein die afrikanischen Legionäre, die in der Premier League spielen, besonders die Jungs von Arsenal. Lieblingsteam sind ganz klar, die Black Stars aus Ghana, denen ich auch dieses Jahr wieder die Daumen drücken werde.

Im Flutlicht: Recht herzlichen Dank für deine interessanten Ausführungen!

Hier noch ein absolut sehenswertes Video mit den legendärsten Szenen des Afrika-Cups 2012:

http://www.youtube.com/watch?v=Ji4DWBrYRh4

Endlich wieder Afrika-Cup!

Diese Woche dreht sich hier Im Flutlicht alles um den Afrika-Cup. Wen interessiert’s da schon, dass am kommenden Wochenende auchkatongo cup2 die Bundesliga in die Rückrunde startet?! Freut euch auf eine Liebeserklärung an den Afrika-Cup, unnützes Wissen über das Turnier uvm. Außerdem geht Ende der Woche die Rubrik „Zweikampf“ in die erste Runde. Dabei steht euch ein Liebhaber des Afrika-Cup Rede und Antwort rund um das fußballerische Großereignis auf dem schwarzen Kontinent.
Reinschauen lohnt sich!

 

„Du kannst auf meiner Plantage arbeiten“
Anthony Baffoe zu einem weißen Gegenspieler

Der verlorene Sohn

Aus Sicht der Bundesliga bescherte uns das noch bis Ende Januar geöffnete Transferfenster bislang mehr heiße Luft als spektakuläre Wechsel. Doch gestern hatte das Warten ein Ende: Nuri Sahin kehrt zurück zu Borussia Dortmund und damit ist der erste große Transfer-Coup perfekt!

Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Von Beginn an verzauberte Nuri Sahin die Fans auf den Tribünen des Dortmunder Westfalenstadions. Doch zu eben dieser Zeit, als Sahins Stern aufging, befand sich der Traditionsklub Borussia in argen finanziellen Nöten und fristete ein Dasein als graue Maus. Es war eine Zeit, in denen die Westfalen den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnten, denn schließlich wähnte man sich irgendwie immer noch als einer der besten Fußballvereine Deutschlands. Da kam einer wie Sahin gerade recht. Der junge Türke, der bis heute die Titel des jüngsten Bundesligaspielers und –torschützen aller Zeiten auf sich vereinigt, war für die Anhänger des BVB von Anfang an wie ein Funke Hoffnung auf bessere Zeiten. Sahin ließ die Dortmunder Fans wieder träumen. Mit einem Ausnahmetalent wie ihm, so schien es, würde es bald wieder bergauf gehen. Doch da mussten sich die Borussen noch ein wenig gedulden, denn der wahre Messias erschien ihnen erst im Jahre 2008: Jürgen Klopp

Lehrjahre

Nach einer furiosen ersten Saison beim BVB hatte er es in seiner zweiten Spielzeit dort jedoch ungleich schwerer. Die Borussia befand sich sportlich auf Talfahrt und Sahin kam meist nur von der Bank. Es waren, sportlich gesehen, die wohl grausamsten Zeiten der jüngeren Vergangenheit für alle Fans der Borussia: nachdem Trainer Bert van Marwijk kurz vor Weihnachten 2006 entlassen wurde, hatte der ehemalige Hertha-Trainer Jürgen Röber (ja, selbst der war in dieser Zeit Trainer in Dortmund) ein kurzes Intermezzo, ehe Thomas Doll, der einst den HSV vor dem Absturz in die Zweitklassigkeit rettete, verpflichtet wurde. Für Sahin war das Kapitel Dortmund im Sommer 2007 vorerst zu Ende: er wurde an den niederländischen Spitzenklub Feyenoord Rotterdam ausgeliehen. Dort ließ der türkische Nationalspieler sein Können ein ums andere Mal aufblitzen und nach nur einem Jahr kehrte er wieder nach Dortmund zurück.

Sahins Erbe sahin klopp

Die Erwartungen an ihn waren durch sein erfolgreiches Gastspiel in Holland weiter gewachsen und somit nach wie vor gewaltig. Und von nun an sollte es mit dem BVB auch bald aufwärts gehen. Die Krönung erfolgte dann 2011, als die Dortmunder ihren ersten Meistertitel seit fast zehn Jahren feiern konnten. Und neben Jürgen Klopp, dem Vater des Erfolgs, war es vor allem Sahin, der zum Sinnbild dieser neuen, erfrischend aufspielenden und ebenso erfolgreichen Borussia wurde. Er war gewissermaßen das Herz der Mannschaft. Er drückte dem Dortmunder Spiel seinen Stempel auf und übernahm Verantwortung, auch wenn er immer noch nicht zu den Ältesten gehörte. Auch war er das Gehirn dieser Mannschaft. Es war für die Westfalen unverzichtbar geworden, wie er aus dem Mittelfeld heraus das Spiel lenkte und sich ebenso für die Koordination des berühmten Dortmunder Pressings verantwortlich zeichnete. Doch im Sommer 2011 war das Kapitel Dortmund für Sahin ein weiteres Mal zu Ende. Und dieses Mal sollte es kein so schnelles Wiedersehen geben, denn der junge Türke wollte nun auf der Karriereleiter weiter nach oben klettern und entschloss sich zu einem Wechsel zu Real Madrid.

Erst Pech und dann kein Glück

Nach seinem Wechsel zu den Madrilenen, der sich sicherlich nicht nur sportlich, sondern auch finanziell auszahlte, hatte Sahin zunächst mit Verletzungsproblemen zu kämpfen. Doch auch als er dann wieder fit wurde, kam er nur sporadisch zum Einsatz. So fiel die Bilanz nach einem Jahr Madrid zwar finanziell positiv, doch sportlich äußerst negativ aus. Zu Beginn dieser Saison ließ sich Sahin dann an den FC Liverpool ausleihen, um dort wieder öfter das zu tun, was eigentlich am liebsten tut: Fußball spielen. Da der englische Kultverein die letzten Jahre nicht außerordentlich erfolgreich war, schien der Wechsel dieses Ausnahmespielers für alle Seiten von Vorteil zu sein. Einzig Liverpool-Trainer Brendan Rodgers sah das nicht ganz so: er wechselte Sahin meist nur ein und so hatte dieser dann auch bald genug.

Sahin und der BVB 3.0sahin herz

Zwar war es offensichtlich, dass sich Nuri Sahin auch in Liverpool nicht wohl fühlte, dennoch war nicht abzusehen, dass sein Gastspiel auf der Insel so schnell und vor allem so abrupt enden würde. Die Rückkehr zu Borussia Dortmund war dann bereits beschlossene Sache, ehe der Boulevard in Deutschland überhaupt die Gerüchteküche anheizen konnte. Trotz allem, was Sahin bisher für den BVB geleistet hat, muss er sich nun erst wieder beweisen. Das könnte allerdings sehr schwer werden, denn auf seiner Position besitzen die Westfalen mittlerweile Namen wie Gündogan, Bender und Kehl. Auch Leitner, der zwar noch die vierte Geige in diesem Quartett spielt, hat sich in der jüngeren Vergangenheit enorm verbessert und stellt somit auch zu Recht Ansprüche auf längere Einsatzzeiten. Einerseits ist klar, dass  Sahin gemerkt hat, dass er die Borussia, die sich ja mittlerweile fest in der Spitzengruppe der Bundesliga etabliert hat und international ein gutes Bild abgibt, braucht und im Dortmunder Umfeld besonders aufblühen kann, da er dort noch immer großen Kredit besitzt. Doch andererseits ist fraglich, ob der BVB Sahin, auch wenn er ein Ausnahmekönner ist, wirklich braucht. Somit bleibt es noch offen, ob die erneute Liaison zwischen dem verlorenen Sohn und Borussia Dortmund wieder Erfolg bringen wird. Aber auf jeden Fall wird es spannend werden, die dritte Episode dieser Lovestory made in Dortmund mitzuverfolgen.

Bonjour Tristesse!

Groundhopping-Bericht zum Spiel SK Slavia Prag – FK Teplice (19.09.2012)

Viele Groundhopper zieht es in den Osten Europas, weil sie sich nach Erlebnissen fernab des modernen Fußballs sehnen. Doch selbst dort werden die Erwartungen Fußballreisender bisweilen bitter enttäuscht.

Langsam tingelt die Straßenbahn durch das Arbeiterviertel Slavia in der tschechischen Hauptstadt Prag. Die Gebäude entlang der Straßen sind dreckig und heruntergekommen. Man lässt das Zentrum der Stadt, dort wo sich massenhaft Touristen tummeln, hinter sich. Dies stellt auch einen der schönsten und interessantesten Aspekte des Groundhoppings dar: man sieht Orte, an denen sich wenige bis gar keine Touristen aufhalten und man kommt der Lebenswirklichkeit der Einwohner deutlich näher, als wenn man nur in der Altstadt von einem Souvenirladen zum andeCIMG0397ren hetzt.

Fast Food, Jeans und Parfum

Haltestelle Slavia, Zeit zum Aussteigen. Wir folgen einigen Anhängern von Slavia, da wir selbst nicht wissen, wo sich das Stadion befindet. Wenig später stehen wir plötzlich vor einem riesigen roten Betonklotz. Ich ahne bereits Böses. Während mein Kumpel mit versteinerter Miene neben mir steht, lese ich auf der Längsseite des Gebäudes den Schriftzug „SYNOT TIP ARENA“. Die Fassungslosigkeit steht uns ins Gesicht geschrieben. Doch diese leuchtenden Plastikbuchstaben beseitigen alle Zweifel. Es handelt sich bei dem Betonklotz um das gesuchte Stadion und nicht etwa um ein riesiges Kaufhaus, auch wenn es wie ein solches aussieht. An der Außenseite der Arena findet man von McDonalds über Modegeschäfte bis hin zu Drogerien fast alles, nur nicht das, wonach wir suchen: einen Ticketschalter. Als wir diesen dann schließlich ausfindig machen, offenbart sich uns buchstäblich Grauenhaftes: die Fassade an dieser Seite des Stadions erinnert an einen unvollendeten Bürokomplex, lauter brach liegende Geschäftsräume blicken uns durch die großen Fenster entgegen. Völlig entgeistert stehen wir nun da. Nichts von alldem, was wir uns erhofft haben. Wo sind sie, die schönen rostigen Flutlichtmasten, die alten Stehtribünen mit steinernen Stufen und ohne Dach?

Schönsaufen nicht möglich

Im Inneren des Stadions werden wir von grauen Betonwänden in Empfang genommen. Der Schock sitzt immer noch tief, alles wirkt kalt, trist und seelenlos. Bereits auf den ersten Blick wird klar, dass hier dieselben Architekten wie in Sinsheim und Augsburg am Werk gewesen sein müssen. Wir hoffen auf ein gutes, umkämpftes Spiel, das uns den Rest vergessen lässt. Aber es ist einfach nicht unser Tag. Auf dem Platz entwickelt sich ein müder Kick, arm an Torchancen und kaum spannender, als den Geschichten der Verwandtschaft auf Omas 80. Geburtstag zu lauschen. Um uns herum sitzen ein paar alte Männer, die lautstark ihren Unmut über das Spiel äußern und sich das Spiel wohl nur deshalb anschauen, weil sie seit Jahren jedes Heimspiel besuchen. Wirklich Spaß daran hat von ihnen aber keiner. Ganz anders ein Slavia-Fan in der Reihe hinter uns, der das größte Highlight des Abends darstellt. Jederzeit zwei Bierbecher in den Händen, hüpft er unermüdlich auf und ab und schreit sich die Seele aus dem Leib. Klarer Fall von besoffen macht alles Spaß. Er singt alle Lieder mit, die der Fanblock anstimmt und knapp alle 20 Minuten muss er nachtanken. Später erfahren wir, dass nur alkoholfreies Bier ausgeschenkt wird. Ob unser stimmgewaltiger Freund das gewusst hat? Man weiß es nicht. Durch sein Verhalten lässt er jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass seine Leber gerade ausgelastet ist. Angesichts der Darbietungen auf dem Platz wäre es allerdings sinnvoller gewesen, anstatt der alkoholfreien Plörre Starkbier auszuschenken.

CIMG0408Zum Einschlafen

Auch von Seiten der Fans ist es recht enttäuschend: während man den zwei Dutzend mitgereisten Anhängern aus Teplice an diesem Mittwochabend keine großen Vorwürfe machen kann, erfüllen die Fans von Slavia die Erwartungen keineswegs. Zwar supporten sie mit nur wenigen Pausen über die vollen 90 Minuten, doch dies auf eine derart uninspirierte und monotone Art und Weise, dass man glaubt, sie hätten ihre Lieder vom Sandmann geklaut. Es fällt fast etwas schwer, nicht einzuschlafen und beim Gedanken an die Stimmung in der heimischen Kreisliga wird einem ganz warm ums Herz.

Die Ernüchterung danach

Gegen Ende hin nimmt das Spiel noch etwas an Fahrt auf und Slavia gewinnt das Spiel letztlich verdientermaßen mit 2:0. Über diesen Sieg der Heimmannschaft vermag sich auf den Rängen aber auch niemand so wirklich zu freuen. Noch enttäuschter über die Begleitumstände, als über das Spiel selbst verlassen wir das Stadion. Keine Spur von osteuropäischem Flair, von einem Stadion mit elektrisierender Atmosphäre oder von der Begeisterung und Leidenschaft der Fans für diesen Arbeiterklub. Die Fans selbst wirken kraftlos und enttäuscht, ja fast ohnmächtig. Man merkt, dass sie sich in diesem Stadion nicht wirklich zuhause fühlen, dass ihnen etwas fehlt, dass man ihnen etwas genommen hat. Ob dies heute ausschließlich der neuen Arena, dem Gegner oder der Ansetzung an einem Mittwochabend geschuldet ist, bleibt offen. Auf jeden Fall ist er also auch in Tschechien angekommen, der moderne Fußball. Und er zeigt dort noch eine hässlichere Fratze als hierzulande: leere Stadien, steigende Eintrittspreise und eine schwindende Fankultur. Bonjour Tristesse!

 

©Daniel Weger 2012;   Bilder: eigenes Archiv