Halbfinale der Giganten?

Im Flutlicht wirft einen Blick auf die anstehenden Begegnungen im Viertelfinale der Champions League. Welche Mannschaften haben die besseren Karten?

Mit dem FC Bayern München, Borussia Dortmund, Real Madrid und dem FC Barcelona haben die wohl derzeit vier besten Vereine Europas – außer dem selbsterklärten Champions League-Aspiranten aus Hoffenheim – das Viertelfinale der Champions League erreicht. Und wie es das Schicksal wollte, wurde keiner dieser Giganten einem anderen zugelost. Somit darf weiterhin von einem monstermäßigen Halbfinale geträumt werden. Doch wird es wirklich ein Spaziergang für die Favoriten werden und wie realistisch erscheint somit ein Halbfinale der Giganten?

Morgen kommt es zum ersten Aufeinandertreffen der amtierenden Meister aus Spanien und der Türkei. Der Nobelklub Real Madrid empfängt Galatasaray Istanbul, das Altenheim der Champions League. Auf den ersten Blick scheint dies eine klare Angelegenheit für die Madrilenen zu sein. Sollte die Rentnertruppe aus Istanbul ronaldo-sauermorgen im Santiago Bernabeu nicht über sich hinauswachsen, wird Real sich für das Rückspiel am nächsten Dienstag eine bequeme Ausgansposition sicher können. Die Reise an den Bosporus könnte für das weiße Ballett in gewisser Weise eine Art Kaffefahrt werden. Doch auch Kaffefahrten können böse enden, vor allem wenn das Ziel die Türk Telekom Arena, eine Art Vorhof der Hölle, ist. In der Heimspielstätte von Galatasaray wurde vor gut zwei Jahren eine Lautstärke von knapp 132 dB gemessen, was etwa einem startenden Flugzeug entspricht. Die türkischen Fans werden ihre Mannschaft nach bedingungslos nach vorne peitschen. Auch für die Königlichen, denen eigentlich kein Stadion Europas fremd ist, wird dies kein Zuckerschlecken werden. Die größte Gefahr bei diesem Duell besteht folglich darin, dass sich die Spanier zu sicher sind und gedanklich schon im Halbfinale sind. Doch der türkische Meister um die Altstars Sneijder und Drogba sollte nicht unterschätzt werden, zumal auch andere Spieler wie Burak Yilmaz oder Selcuk Inan ein Spiel alleine entscheiden können. In einem Frankfurter Fast-Food Restaurant wurde ich jüngst zudem auf folgende statistische Besonderheit aufmerksam gemacht: Galatasaray hat Schalke 04 in der Champions League rausgeworfen, die Gelsenkirchener wiederum konnten in dieser Bundesliga-Saison zwei Derbysiege gegen Dortmund einfahren und die Borussen holten in der Vorrunde der Champions League vier Punkte gegen die Madrilenen. Schade, dass Fußball nicht immer so einfach ist, denn wenn die Mannschaft von Jose Mourinho den Gegner nicht unterschätzt, sollte ein Weiterkommen für den spanischen Meister kein Problem sein. Für Galatsaray, die mit ihrer Mannschaft gute Chancen auf eine Finalteilnahme in der AH-Champions League hätten, ist mit dem Viertelfinale gegen Real das Ende der Fahnenstange erreicht. Die portugiesische Zaubermaus Cristiano Ronaldo wird sich mit dem Weinen also noch etwas gedulden müssen.

Bereits heute Abend empfängt der französische Hauptstadtverein PSG das Tiki-Taka-Ensemble aus Barcelona. Äußerst brisant ist dabei, dass die Sperre des schwedischen Egozentrikers Zlatan Ibrahimovic, die er sich im Achtelfinal-Hinspiel in Valencia eingehandelt hatte, kurzfristig auf ein Spiel reduziert wurde. Somit kann der selbsterklärte beste Fußballer der Welt beim Duell gegen seinen alten Arbeitgeber, die wohl wirklich beste Mannschaft der Welt, mitwirken. Gute Erinnerungen an die katalanische Metropole dürfte er allerdings nicht allzu viele besitzen. Und auch die Aussichten für die beiden Viertelfinal-Spiel sehen nicht allzu rosig aus: das Spielzeug einer katarischen Investorengruppe quälte sich iibra-barcam Achtelfinal-Rückspiel gegen Valencia mit Mühe und Not eine Runde weiter, während Lionel Messi und Co. den Bus, den der AC Milan vor seinem Tor geparkt hatte, in seine Einzelteile zerlegten. In der Liga gehen beiden Mannschaften mit traumwandlerischer Sicherheit auf den Meistertitel zu. Auch wenn sich die Katalanen am vergangenen Wochenende einen erneuten Ausrutscher in der Liga leisteten, so scheint die Talsohle des in zwei Niederlagen gegen Erzfeind Real gipfelnden Formtiefs längst durchschritten. Zwar ist auch Paris derzeit gut in Form, doch die Mannschaft wirkt – welch Wunder – wie ein wahllos zusammengewürfelter Haufen großer Individualisten. Das mag für die Ligue 1 und für Valencia reichen, nicht aber für das katalanische Starensemble, das mannschaftlich viel geschlossener wirkt. Und über die individuellen Fähigkeiten der Spieler des FC Barcelona muss hier wohl kein Wort verloren werden. Zwar wird Carlo Ancelotti seine Mannschaft taktisch hervorragend einstellen, doch es darf bezweifelt werden, ob PSG teamtaktische Anweisungen konsequent umsetzen wird und ob sie kämpferisch dagegen halten werden. Sonst laufen sie Gefahr, Spielzeug des FC Barcelona zu werden. Auch hier, ein Ausbleiben katalanischer Hybris vorausgesetzt, sollte sich der „Gigant“ also durchsetzen können. Und Zaltan, den sie in Schweden auch Zlatan nennen, wie ein ZDF-Kommentator bei der letzten EM richtig erkannte, muss sich wohl noch etwas mit dem ersten Champions-League Titel gedulden. PSG indes sollte den Schweden am besten nach der Saison verkaufen, denn dann stehen die Chancen auf den Titelgewinn im nächsten Jahr ganz gut: jeweils im Jahr nach seinem Abschied, konnten sich seine Ex-Vereine Inter Mailand und der FC Barcelona die europäische Krone aufsetzen. Zwar wird diese Serie durch den AC Milan dieses Jahr unterbrochen, doch einen Versuch dürfte es ja wert sein.

Deutlich unberechenbarer dürfte das Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Malaga werden. Zwar war man in Dortmund nach der Auslosung sichtlich erleichtert, doch so wirklich weiß niemand, was man von der spanischen Wundertüte erwarten darf. Die finanzielle Situation bei den Andalusiern ist weiterhin arg angespannbvb-clt. Diese Zeiten, die in Dortmund auch nicht allzu unbekannt sein dürften, hat der BVB aber glücklicherweise schon hinter sich. Sportlich wird es mit Sicherheit ein spannendes Duell: die Borussen sind in dieser Saison auf europäischer Bühne schon das eine oder andere Mal über sich hinausgewachsen und verfügen über eine Mannschaft, die sich berechtigte Hoffnungen auf das Halbfinale machen darf. Auch Malaga konnte – in einer jedoch zugegebenermaßen etwas schwachen Gruppe mit Milan, Anderlecht und Zenit – überzeugen und zog verdient ins Achtelfinale ein, wo dann der FC Porto besiegt wurde. Die Andalusier verfügen mit Spielern wie Isco, den Altstars Saviola und Toulalan, und den Ex-Bayern Demichelis und Santa Cruz über eine hohe Qualität im Kader und werden somit keine Laufkundschaft für den BVB sein. Auch wenn die Dortmunder als leichter Favorit ins Rennen gehen und auf jeden Fall in der Lage sind, die Erkundungsfahrt des FC Malaga in der Champions League zu beenden, so wird es doch ein umkämpftes Duell werden, an dessen Ende die Dortmunder wahrscheinlich als Sieger den Ring verlassen dürften.

Beim Gedanken ans letzte Aufeinandertreffen bekommt Gianluigi Buffon noch heute Rückenschmerzen, wie der Juve-Torwart auf der Pressekonferenz vor dem Hinspiel in München verriet. Doch so deutlich wie damals in Turin, als Hans-Jörg Butt die Bayern mit einem verwandelten Strafstoß auf die Siegerstraße brachte, wird es in den beiden kommenden Duellen zwischenbayern-juve dem italienischen und dem deutschen Rekordmeister wohl nicht werden. Bayern-Fan Simon „Birdie“ Lanfermann erklärte vor wenigen Wochen in einem Interview mit Im Flutlicht, dass sich die Münchener zwar vor niemandem fürchten müssten, doch dass ein Duell mit einer italienischen Mannschaft ihm und wohl auch anderen Bayern-Fans einige Sorgenfalten auf die Stirn treiben würde. Durchaus verständlich, denn das wirklich letzte Aufeinandertreffen gab es eigentlich bei der EM letzten Jahres, als Deutschland in Warschau gegen Italien Baden ging. Klingt komisch? Ist aber gewissermaßen so! Denn grundsätzlich verkörpern die beiden Nationalmannschaften die Spielsysteme dieser beiden Topklubs. Dass Jogi Löw sich gerne am Bayern-Block bedient und auch nahezu dasselbe System wie Bayern-Trainer Jupp Heynckes spielen lässt, dürfte nicht allzu neu sein. Doch auch Italien-Coach Cesare Prandelli greift mit dem 3-5-2 auf ein System zurück, das für den amtierenden Meister Juventus typisch ist. Meist bilden sogar die drei Juve-Abwehrrecken Barzagli, Bonucci und Chiellini die Dreierkette in der Nationalmannschaft und neben Buffon im Tor bekleiden mit Andrea Pirlo und Claudio Marchisio zwei Schlüsselspieler der alten Dame wichtige Positionen im zentralen Mittelfeld. Offensiv sollten sich die Italiener am HSV orientieren, der jüngst vormachte, wie man zwei Tore gegen die Bayern in einem Auswärtsspiel schießt. Defensiv sollte sich das von Antonio Conte trainierte Team allerdings ein anderes Vorbild suchen bzw. genau das Gegenteil tun, was die Hamburger am letzten Wochenende in München versuchten. Heynckes indes sollte sich nicht an Löw’schen Spielereien à la Kroos auf Rechtsaußen versuchen, sondern effektivere Mittel finden, um die Kreise von Juve-Regista Andrea Pirlo zu stören. Denn es wird ein entscheidender Faktor sein, wie und ob die Münchener es schaffen werden, den mit chirurgischer Präzision arbeitenden Ballverteiler der Turiner an seiner Arbeit zu hindern. Insgesamt verfügt Bayern wohl über mehr spielerische Klasse als die Alte Dame, doch sollte Juventus im Stile italienischer Mannschaften eine taktisch einwandfreie Leistandreaung darbieten, wird es für die erfolgsverwöhnten Bayern alles andere als ein Honiglecken werden. Die Bayern sollten geduldig und ruhig bleiben, und Manuel Neuer in seinem Tor.

Alles in allem erscheint ein Halbfinale der Giganten durchaus realistisch. Real, Barcelona und Dortmund gehen als Favoriten in die jeweiligen Duelle, beim Aufeinandertreffen Bayern – Juventus stehen die Chancen etwa 50:50. Zwar hat die Alte Dame den Vorteil im Rückspiel Heimrecht zu besitzen, doch daraus kann genauso schnell ein Nachteil werden, da Auswärtstore der Bayern beim Spiel am nächsten Mittwoch dann im wahrsten Sinne des Wortes doppelt so weh tun. Sinn und Unsinn der Auswärtstorregel seien da mal außen vor. Was jedoch ein Halbfinale der Giganten weniger wahrscheinlich erscheinen lässt, ist das eherne Gesetz des Fußballs, dass sich meist nicht alle Favoriten durchsetzen können. Somit besteht auch und zurecht Hoffnung für Galatasaray, PSG und den FC Malaga, das Halbfinale der Champions League wider Erwarten vielleicht doch zu erreichen.

Werbeanzeigen

Der verlorene Sohn

Aus Sicht der Bundesliga bescherte uns das noch bis Ende Januar geöffnete Transferfenster bislang mehr heiße Luft als spektakuläre Wechsel. Doch gestern hatte das Warten ein Ende: Nuri Sahin kehrt zurück zu Borussia Dortmund und damit ist der erste große Transfer-Coup perfekt!

Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Von Beginn an verzauberte Nuri Sahin die Fans auf den Tribünen des Dortmunder Westfalenstadions. Doch zu eben dieser Zeit, als Sahins Stern aufging, befand sich der Traditionsklub Borussia in argen finanziellen Nöten und fristete ein Dasein als graue Maus. Es war eine Zeit, in denen die Westfalen den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnten, denn schließlich wähnte man sich irgendwie immer noch als einer der besten Fußballvereine Deutschlands. Da kam einer wie Sahin gerade recht. Der junge Türke, der bis heute die Titel des jüngsten Bundesligaspielers und –torschützen aller Zeiten auf sich vereinigt, war für die Anhänger des BVB von Anfang an wie ein Funke Hoffnung auf bessere Zeiten. Sahin ließ die Dortmunder Fans wieder träumen. Mit einem Ausnahmetalent wie ihm, so schien es, würde es bald wieder bergauf gehen. Doch da mussten sich die Borussen noch ein wenig gedulden, denn der wahre Messias erschien ihnen erst im Jahre 2008: Jürgen Klopp

Lehrjahre

Nach einer furiosen ersten Saison beim BVB hatte er es in seiner zweiten Spielzeit dort jedoch ungleich schwerer. Die Borussia befand sich sportlich auf Talfahrt und Sahin kam meist nur von der Bank. Es waren, sportlich gesehen, die wohl grausamsten Zeiten der jüngeren Vergangenheit für alle Fans der Borussia: nachdem Trainer Bert van Marwijk kurz vor Weihnachten 2006 entlassen wurde, hatte der ehemalige Hertha-Trainer Jürgen Röber (ja, selbst der war in dieser Zeit Trainer in Dortmund) ein kurzes Intermezzo, ehe Thomas Doll, der einst den HSV vor dem Absturz in die Zweitklassigkeit rettete, verpflichtet wurde. Für Sahin war das Kapitel Dortmund im Sommer 2007 vorerst zu Ende: er wurde an den niederländischen Spitzenklub Feyenoord Rotterdam ausgeliehen. Dort ließ der türkische Nationalspieler sein Können ein ums andere Mal aufblitzen und nach nur einem Jahr kehrte er wieder nach Dortmund zurück.

Sahins Erbe sahin klopp

Die Erwartungen an ihn waren durch sein erfolgreiches Gastspiel in Holland weiter gewachsen und somit nach wie vor gewaltig. Und von nun an sollte es mit dem BVB auch bald aufwärts gehen. Die Krönung erfolgte dann 2011, als die Dortmunder ihren ersten Meistertitel seit fast zehn Jahren feiern konnten. Und neben Jürgen Klopp, dem Vater des Erfolgs, war es vor allem Sahin, der zum Sinnbild dieser neuen, erfrischend aufspielenden und ebenso erfolgreichen Borussia wurde. Er war gewissermaßen das Herz der Mannschaft. Er drückte dem Dortmunder Spiel seinen Stempel auf und übernahm Verantwortung, auch wenn er immer noch nicht zu den Ältesten gehörte. Auch war er das Gehirn dieser Mannschaft. Es war für die Westfalen unverzichtbar geworden, wie er aus dem Mittelfeld heraus das Spiel lenkte und sich ebenso für die Koordination des berühmten Dortmunder Pressings verantwortlich zeichnete. Doch im Sommer 2011 war das Kapitel Dortmund für Sahin ein weiteres Mal zu Ende. Und dieses Mal sollte es kein so schnelles Wiedersehen geben, denn der junge Türke wollte nun auf der Karriereleiter weiter nach oben klettern und entschloss sich zu einem Wechsel zu Real Madrid.

Erst Pech und dann kein Glück

Nach seinem Wechsel zu den Madrilenen, der sich sicherlich nicht nur sportlich, sondern auch finanziell auszahlte, hatte Sahin zunächst mit Verletzungsproblemen zu kämpfen. Doch auch als er dann wieder fit wurde, kam er nur sporadisch zum Einsatz. So fiel die Bilanz nach einem Jahr Madrid zwar finanziell positiv, doch sportlich äußerst negativ aus. Zu Beginn dieser Saison ließ sich Sahin dann an den FC Liverpool ausleihen, um dort wieder öfter das zu tun, was eigentlich am liebsten tut: Fußball spielen. Da der englische Kultverein die letzten Jahre nicht außerordentlich erfolgreich war, schien der Wechsel dieses Ausnahmespielers für alle Seiten von Vorteil zu sein. Einzig Liverpool-Trainer Brendan Rodgers sah das nicht ganz so: er wechselte Sahin meist nur ein und so hatte dieser dann auch bald genug.

Sahin und der BVB 3.0sahin herz

Zwar war es offensichtlich, dass sich Nuri Sahin auch in Liverpool nicht wohl fühlte, dennoch war nicht abzusehen, dass sein Gastspiel auf der Insel so schnell und vor allem so abrupt enden würde. Die Rückkehr zu Borussia Dortmund war dann bereits beschlossene Sache, ehe der Boulevard in Deutschland überhaupt die Gerüchteküche anheizen konnte. Trotz allem, was Sahin bisher für den BVB geleistet hat, muss er sich nun erst wieder beweisen. Das könnte allerdings sehr schwer werden, denn auf seiner Position besitzen die Westfalen mittlerweile Namen wie Gündogan, Bender und Kehl. Auch Leitner, der zwar noch die vierte Geige in diesem Quartett spielt, hat sich in der jüngeren Vergangenheit enorm verbessert und stellt somit auch zu Recht Ansprüche auf längere Einsatzzeiten. Einerseits ist klar, dass  Sahin gemerkt hat, dass er die Borussia, die sich ja mittlerweile fest in der Spitzengruppe der Bundesliga etabliert hat und international ein gutes Bild abgibt, braucht und im Dortmunder Umfeld besonders aufblühen kann, da er dort noch immer großen Kredit besitzt. Doch andererseits ist fraglich, ob der BVB Sahin, auch wenn er ein Ausnahmekönner ist, wirklich braucht. Somit bleibt es noch offen, ob die erneute Liaison zwischen dem verlorenen Sohn und Borussia Dortmund wieder Erfolg bringen wird. Aber auf jeden Fall wird es spannend werden, die dritte Episode dieser Lovestory made in Dortmund mitzuverfolgen.