Wie die Premier League ihre Seele verkauft hat

Die englische Premier League gilt allgemein als die beste Liga der Welt. Doch was steckt wirklich hinter der Liga der Superlative? Ein Kommentar

Es ist noch nicht allzu lange her, da verfielen hierzulande nahezu alle vermeintlichen Fußballexperten in frohlockende Jubelarien, wenn es um die englische Premier League ging. Schneller, atemberaubender Fußball von der Insel verzückte die Freunde des runden Leders. Somit hatte die englische Liga all das, was der Bundesliga damals fehlte: Topteams, die sich teure, internationale Stars leisten konnten und schnellen, aufregenden Fußball zeigten. Sie war rundum besser als die Bundesliga, die damals noch ein Dasein als graue Maus fristete und außer dem FC Bayern keinen konstant international konkurrenzfähigen Klub zu bieten hatte. Jene Fußballfans fühlten sich angezogen durch die spannenden und intensiven Duelle, die die Premier League wöchentlich zu bieten hatte. Für sie war die Liga im Mutterland des Fußballs das Nonplusultra. Die Premier League, ein Sinnbild für den modernen Fußball, schien den anderen europäischen Ligen auf lange Zeit hin zu enteilen. Das Ganze ist nun etwa zehn Jahre her und die Bundesliga hat inzwischen mächtig aufgeholt. Doch es gibt noch mehr Gründe, warum man die Bundesliga in ihrer jetzigen Form schätzen sollte.

Sie galt als unantastbar, war Vorbild für viele Generationen von Fans, doch heute ist sie nahezu tot: die Rede ist von der englischen Fankultur. Während früher Gesänge britischer Anhänger regelmäßig für Atmosphäre im Stadion sorgten und man sogar vor dem Fernseher eine Gänsehaut bekam, ist es nun so weit, dass englische Fans nach Deutschland kommen, um im Stadion Fußball zu sehen. Dafür gibt es mehrere, nachvollziehbare Gründe: zunächst die exorbitanten Ticketpreise, die ein Normalverdiener kaum bezahlen kann. Trauriger Höhepunkt war zuletzt, als es Fans von Manchester City beim Auswärtsspiel beim FC Arsenal verboten wurde, durch ein Transparent ihrem Unmut über die teuren Tickets Luft zu machen. Die Premier League tendiert allgemein dahin, alles zu verbieten, was nicht in das Konzept der glatt polierten Liga der Superlative passt. So wird in den Stadien nur noch alkoholfreies Bier ausgeschenkt, Stehen ist in den reinen Sitzplatzstadien sowieso verboten und Gesänge werden mittlerweile von vielen Zuschauern nur noch aufgrund ihrer historischen Bedeutung geduldet. Zwar geht es in der englischen Premier League auf dem Rasen immer noch rasant zu, doch auf den Rängen herrscht gähnende Langeweile. Es ist kein Wunder, dass bei diesen Umständen keine Stimmung aufkommen will. Die Tribünen der englischen Stadien sind bevölkert von Fußballtouristen aus aller Welt, die dem großen Spektakel unbedingt live beiwohnen wollen. Und so kommt es auch, dass es sich bei den Zuschauern in der Premier League nur mehr um ein Operettenpublikum handelt, dass die Aufführung in Ruhe und mit einer gewissen Distanz zum Geschehen genießen will und nicht mehr durch Rufen und Gesänge den Spielverlauf aktiv zu beeinflussen versucht.

Das Publikum in der Premier League ist ein Sinnbild für die Internationalisierung, die auch in den Klubs schon seit langer Zeit Einzug gehalten hat. Viele Klubs werden von ausländischen Investoren gehalten und fungieren oftmals nur noch als deren Spielzug, das zudem Gewinne in nicht zu geringem Ausmaß abwerfen sollte. Auch deswegen wenden sich in England viele Fans vom Fußball ab, ganz einfach weil sie sich mit den Vereinen in ihrer heutigen Form kaum mehr identifizieren können. Das Unternehmen Premier League ist international zuhöchst erfolgreich, doch den nationalen bzw. regionalen Bezug hat es vollständig verloren. Doch natürlich gibt es auch Fans, die so etwas gutheißen. Und zwar jene Fans, die sich über all das freuen, was der moderne Fußball mit sich bringt: teure Transfers von namhaften Spielern, rundum Wohlfühlerlebnis im Stadion und Bezahlfernsehen, mit dem man alle Spiele auch bequem von zuhause aus ansehen kann. Der Fußball ist nur noch Produkt, das durch die Marke Premier League vermarktet wird. Was die Fans denken ist egal, ihre Stimme zählt nicht. Den Zuschauer bzw. Fan, den die Premier League haben will, der zahlt, konsumiert und hält seine Klappe. Genau das hat die alteingesessenen Fans verprellt. Diejenigen unter ihnen, die sich noch für Fußball interessieren, tummeln sich nun in den Pubs, wo am Spieltag mehr Stimmung herrscht als im Stadion.

Zu guter Letzt ist der englische Fußball auch aus sportlicher Sicht nicht gerade zu beneiden. Der Tempofußball ist in der Premier League mittlerweile zum Selbstzweck geworden. Die Fans wollen unterhalten werden und dazu sind ihnen eben Tore und Spektakel wichtiger als taktische Meisterleistungen und defensive Bollwerke. Somit leidet auch die Entwicklung des Sports unter den kommerziellen Aspekten, die immer wichtiger werden und zuletzt auch die Selbsterhaltung des Systems Premier League gewährleisten. Denn nur wenn der Fußball als Produkt weiterhin genügend Umsatz generiert, kann die Premier League in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben. Der sportliche Aspekt gerät somit immer mehr in den Hintergrund. Dieser Teufelskreis, der mit der zunehmenden Kommerzialisierung einhergeht, sollte anderen Ligen eine Warnung sein, denn der Glanz, den die Premier League nach außen hin ausstrahlt, hat einen teuren Preis.

Außerdem empfehle ich zu diesem Thema folgende Dokumentation:
Verrückt nach Fußball (3): Der englische Fußball
Auch die anderen Dokumentationen aus dieser Reihe über Polen/Ukraine und Italien sind wärmstens zu empfehlen.

Auf dem rechten Auge blind

Während man sich in der aktuellen Diskussion um Fankultur vor allem mit dem Erhalt von Stehplätzen, Ganzkörperkontrollen und Gästekontingenten beschäftigt, fällt ein Problem fast komplett unter den Tisch: das Wiedererstarken von rechtem Gedankengut auf den Tribünen.

Ganz egal, wie man es mit den Ultras hält, eines muss man ihnen lassen: neben der Kommerzialisierung des Fußballs sind sie einer der Hauptgründe dafür, dass Hooligans und rechte Gruppen immer mehr aus den Stadien in Deutschland verschwanden. Klar, ganz verschwunden sind eben genannte Gruppierungen niemals und werden es wohl auch nicht. Wenn man jedoch die Situation der letzten Jahre mit den 1980er Jahren vergleicht, so wird man feststellen, dass rechten Kräften in deutschen Kurven deutlich der Wind aus den Segeln genommen wurde. Doch wie man besonders seit Beginn dieser Saison feststellen muss, ist diese Bewegung zunehmend rückläufig. Gleich mehrere Vereine sehen sich Problemen mit rechten bzw. rechtsoffenen Gruppierungen gegenüber und wirken im Umgang mit jenen oft ziemlich hilflos: in Dortmund keimen Kräfte der alten „Borussenfront“ wieder auf und unterwandern die „Desperados“. Neben schwelenden fanszeneninternen Grabenkämpfen war in Braunschweig erst kürzlich ein NPD-Politiker beim Wahlkampf mit einem Eintracht-Schal zu sehen und in Aachen hat sich die Ultra-Gruppierung „ACU“ nach langwierigen Auseinandersetzungen mit den rechten Hooligans der „Karlsbande“ vor kurzem sogar aufgelöst. Auch in Düsseldorf haben die Ultras der Fortuna vor wenigen Wochen ihren vorübergehenden Rückzug bekannt gegeben. Die Gruppe selbst lässt verlautbaren, dass es sich dabei um interne Organisations- und Strukturprobleme handelt, doch nicht jeder in Düsseldorf glaubt dem. Es soll hierbei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, denn auch in anderen deutschen Städten kommt es immer wieder zu rechten Übergriffen, wie z.B. in Bremen, als 2007 die Feier einer linksalternativen Ultragruppierung von den Hooligangruppen der „Standarte Bremen“ und „Nordsturm Brema“ attackiert wurde. Was zudem an den ganzen Beispielen deutlich wird: rechtes Gedankengut beim Fußball ist bei weitem kein ostdeutsches Problem.

Der Fußball wird oftmals als „Spiegelbild der Gesellschaft“ bezeichnet und dieser Terminus hat in den letzten Jahren auch kaum an Wahrheitsgehalt verloren. Das Publikum auf den Tribünen hierzulande stellt auch heute meist einen ziemlichen homogenen Querschnitt der Gesellschaft dar. Logischerweise geht damit einher, dass viele verschiedene Meinungen, auch extreme politische, ins Stadion getragen werden, schließlich kann man niemandem verbieten, sich für Fußball zu interessieren. Das Thema, wie politisch Sport sein soll, ist hier nicht Gegenstand der Betrachtung, dennoch muss festgestellt werden, dass Sport, und somit auch Fußball, nie gänzlich unpolitisch sein kann. Städte wie Dortmund, Braunschweig oder Aachen und deren Fanszenen infolge der jüngeren Geschehnisse als Hochburgen rechten Gedankenguts darzustellen, verfehlt das Ziel um Längen. Die in Erscheinung tretenden rechten Gruppierungen stellen meist nur eine kleine Minderheit dar und auch in anderen Städten und Stadien gibt es Leute mit ähnlicher politischer Einstellung. Ein kleiner, aber dennoch gewaltiger Unterschied ist derjenige, dass rechte Kräfte in manchen Kurven anscheinend problem- und widerstandslos ihre Propaganda betreiben können. Meist wollen sie die Zuschauer mit dem scheinbar unpolitischen Wahlspruch „Fußball ist Fußball und Politik bleibt Politik“ für sich gewinnen. Hinter dem Spruch steckt jedoch eine gehörige Portion politischen Interesses, denn somit wollen die Rechten Unterstützung für das Vorgehen gegen antirassistische und antifaschistische Ultragruppierungen sammeln. Und darin liegt das Hauptproblem: Fangruppierungen mit gesellschaftlichem Engagement werden in den Kurven zunehmend isoliert und in einigen Fällen sogar soweit als „Demagogen“ dämonisiert, dass sich ein Großteil der Stadionbesucher gegen sie stellt. Durch diese scheinbare Unterstützung des Unpolitischen stärken aber immer mehr Anhänger unbewusst rechte Gruppierungen, die sich nun immer mehr in den Kurven breit machen können und allgemeine Zustimmung für ihr Auftreten erhalten.

Eine weitere Gefahr stellt die Untezwickau-rechtsrwanderung von Ultragruppierungen durch Leute aus der rechten Szene dar. Seit vielen Jahren schließen sich jugendliche Stadiongänger Fangruppierungen an, da diese für sie eine Art „zweite Familie“ darstellen. Die Liebe zum Verein und die Begeisterung für eine gemeinsame Sache schweißen sie zusammen und fördern den Zusammenhalt. Neben den zumeist etwas loseren Strukturen von Fanclubs, blieb es in den letzten Jahren vor allem das Privileg der Ultras, sich dieser Jugendlichen anzunehmen und diese in ihre Gruppen zu integrieren. Doch dieses Potential haben mittlerweile auch rechte Kräfte erkannt und versuchen nun, in den Kurven der Fußballstadien Nachwuchs zu rekrutieren. Im Gegensatz zur Vergangenheit hat sich etwas jedoch grundsätzlich geändert: das Auftreten der Rechten. Es gibt nur noch wenige, die sich mit kahl geschorenem Kopf, Bomberjacke und Springerstiefeln  in der Öffentlichkeit zeigen. Vielmehr haben sie den Chic von Autonomen und Linken übernommen und sind oftmals nur durch winzige Merkmale von diesen zu unterscheiden. Doch nicht jeder weiß darum Bescheid. So sind es meist nur wenige, die verstehen, was für eine Botschaft jemand mit einem Pullover der Marke „Thor Steinar“ vermitteln will. Hinzu kommt, dass viele Jugendliche diesen Kleidungsstil gedankenlos übernehmen, ganz einfach, weil sie dazugehören und ihren Idolen in der Kurve in nichts nachstehen wollen. Und sind die Jugendlichen erst einmal in den braunen Sumpf hineingerutscht, ist es äußerst schwierig, sie dort wieder herauszubekommen.

Deshalb sollte sich die Politik, aber auch jeder einzelne Fußballfan fragen, ob das zurzeit hochbrisante Sicherheitsproblem wirklich so groß ist, wie es zu sein scheint, oder ob es vielleicht nicht doch größere Baustellen gibt. Denn was helfen Ganzkörperkontrollen und Stehplatzverbote, wenn man sich als Fußballfan in Zukunft in einer Kurve voller Rechtsgesinnter nicht mehr sicher fühlen kann?

Anmerkung: Dieser Text stellt nur meine persönliche Meinung und Auffassung, jedoch keine objektive Wahrheit dar. Es obliegt mir persönlich nicht, ein allgemeingültiges Urteil zu geben, doch wird jeder, der in den letzten Jahren ab und zu bei einem Bundesligaspiel zugegen war und sich aufmerksam für Fankultur und deren Geschichte interessiert, zu demselben Urteil kommen. Außerdem sollen durch diesen Text weder Ultras noch Linke zu Helden stigmatisiert werden, sondern es soll lediglich auf die Gefahren für die Fankultur in deutschen Stadien, die mit einer Unterwanderung durch rechte Kräfte einhergehen, aufmerksam gemacht werden.

Für alle, die noch mehr Informationen rund um dieses Thema wollen:

http://www.11freunde.de/artikel/nazis-auf-den-raengen

http://www.taz.de/!93784/

http://www.11freunde.de/artikel/rueckkehr-der-hooligans-ultras-duesseldorf-ziehen-sich-zurueck

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/sport/1991251/