Der Mensch stammt vom Gattuso

Über einen Spieler, der sich selbst als „hässlich wie die Schulden“ charakterisiert und mehr ist als nur ein Treter.

Sein Spitzname „Rino“ stammt von „il ringhio“, was übersetzt in etwa „der Knurrer“ bedeutet. Wer Gattuso jemals Fußball spielen gesehen hat, weiß, was ihm diesen Spitznamen eingebracht hat. Ähnlich einem wütenden, zähnefletschenden Kampfhund verfolgt er seine Gegenspieler über das Feld, lässt sie immer seinen Atem im Nacken spüren und treibt sie somit zur Verzweiflung. Bisweilen scheint es so, als hätten seine Gegenspieler, bei denen es sich oft um Spielmacher und Edeltechniker handelt, Angst davor, von ihm, dem Terrier, gebissen zu werden. Er selbst ist kein begnadeter Techniker, doch diese Schwächen weiß er geschickt durch seinen unbändigen Kampfgeist, Durchhaltevermögen und Ehrgeiz zu kompensieren.

Die Anfänge

Nach seinen ersten Jahren bgattuso,pirloeim AC Perugia wurde er 1997 von den Glasgow Rangers verpflichtet. Wie seit kurzem bekannt, wurde auch der noch junge Gattuso Opfer der Spielchen von Paul Gascoigne. Als der Italiener nach dem ersten Training bei den Rangers von der Dusche in die Kabine zurückkehrte, musste er feststellen, dass Gascoigne ihm in die Unterhose gekackt hatte. Zwar hielt es ihn nur ein Jahr dort, doch lernte er dort seine spätere Ehefrau Monica Romano kennen und die Fans liebten ihn für seine aggressive Spielweise.

Pirlos Beschützer

Nach einem Jahr bei Salernitana Calcio, wechselte er bereits zur nächsten Saison zum AC Mailand. Zusammen mit Andrea Pirlo bildete der nimmermüde Gattuso sowohl dort, als auch in der italienischen Nationalmannschaft eines der besten Mittelfeldduos der letzten Jahre. Während der elegante Feingeist Pirlo die gegnerischen Abwehrreihen mit seinen Pässen sezierte, verrichtete Gattuso in dessen Rücken die Drecksarbeit  und schuf seinem Partner so die nötigen Freiheiten. Mit Erfolg. Denn zusammen gewannen die beiden neben nationalen Titeln auch zweimal die Champions League (2003,2007) und die Weltmeisterschaft in Deutschland 2006.

Der andere Gattuso

Während er auf dem Platz oft sehr rustikal zu Werke geht und sich dadurch den einen oder andern Platzverweis einhandelt, gibt sich Gattuso abseits des Spielfelds etwas besonnener. Selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, gründete er 2003 eine Stiftung, die sich für benachteiligte Kinder in seiner Heimatregion Kalabrien einsetzt. Der bekennende Kulturliebhaber ist seit mehreren Jahren verheiratet und stolzer Vater eines Sohnes und einer Tochter. Außerdem war er einer der wenigen Spieler beim AC Mailand, die sich offen gegen die Partei des Milan-Bosses Silvio Berlusconi bekannten.

Vom Aussterben bedrohtgattuso

Im Sommer 2012 verließ er den AC Mailand und wechselte zum Schweizer Erstligisten FC Sion, wo er nun seine Karriere ausklingen lassen will. Er sagte einmal über sich selbst, seine Aufgabe sei es „so viele Bälle wie möglich zu stehlen.“ Damit steht Gattuso ehrlich zu seiner rustikalen Spielweise und trotzdem wird ihm nur selten die Anerkennung entgegengebracht, die er eigentlich verdient. Seine Fans lieben ihn, doch die Gegner und deren Fans spotten meist nur über seine unzureichende Technik und sehen in ihm nur einen Treter, der das Spiel zerstören würde. Spieler wie Gattuso, die Fußball „arbeiten“, sich für nichts zu schade sind und niemals den Kopf in den Sand stecken, solche Charakterköpfe wie er sind im heutigen Fußball rar gesät und vom Aussterben bedroht. Dabei können solche Spieler äußerst wichtig für eine Mannschaft und deren Funktionieren sein. Fragen Sie doch mal nach bei Andrea Pirlo.

© Daniel Weger 2012

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