Der verlorene Sohn

Aus Sicht der Bundesliga bescherte uns das noch bis Ende Januar geöffnete Transferfenster bislang mehr heiße Luft als spektakuläre Wechsel. Doch gestern hatte das Warten ein Ende: Nuri Sahin kehrt zurück zu Borussia Dortmund und damit ist der erste große Transfer-Coup perfekt!

Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Von Beginn an verzauberte Nuri Sahin die Fans auf den Tribünen des Dortmunder Westfalenstadions. Doch zu eben dieser Zeit, als Sahins Stern aufging, befand sich der Traditionsklub Borussia in argen finanziellen Nöten und fristete ein Dasein als graue Maus. Es war eine Zeit, in denen die Westfalen den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden konnten, denn schließlich wähnte man sich irgendwie immer noch als einer der besten Fußballvereine Deutschlands. Da kam einer wie Sahin gerade recht. Der junge Türke, der bis heute die Titel des jüngsten Bundesligaspielers und –torschützen aller Zeiten auf sich vereinigt, war für die Anhänger des BVB von Anfang an wie ein Funke Hoffnung auf bessere Zeiten. Sahin ließ die Dortmunder Fans wieder träumen. Mit einem Ausnahmetalent wie ihm, so schien es, würde es bald wieder bergauf gehen. Doch da mussten sich die Borussen noch ein wenig gedulden, denn der wahre Messias erschien ihnen erst im Jahre 2008: Jürgen Klopp

Lehrjahre

Nach einer furiosen ersten Saison beim BVB hatte er es in seiner zweiten Spielzeit dort jedoch ungleich schwerer. Die Borussia befand sich sportlich auf Talfahrt und Sahin kam meist nur von der Bank. Es waren, sportlich gesehen, die wohl grausamsten Zeiten der jüngeren Vergangenheit für alle Fans der Borussia: nachdem Trainer Bert van Marwijk kurz vor Weihnachten 2006 entlassen wurde, hatte der ehemalige Hertha-Trainer Jürgen Röber (ja, selbst der war in dieser Zeit Trainer in Dortmund) ein kurzes Intermezzo, ehe Thomas Doll, der einst den HSV vor dem Absturz in die Zweitklassigkeit rettete, verpflichtet wurde. Für Sahin war das Kapitel Dortmund im Sommer 2007 vorerst zu Ende: er wurde an den niederländischen Spitzenklub Feyenoord Rotterdam ausgeliehen. Dort ließ der türkische Nationalspieler sein Können ein ums andere Mal aufblitzen und nach nur einem Jahr kehrte er wieder nach Dortmund zurück.

Sahins Erbe sahin klopp

Die Erwartungen an ihn waren durch sein erfolgreiches Gastspiel in Holland weiter gewachsen und somit nach wie vor gewaltig. Und von nun an sollte es mit dem BVB auch bald aufwärts gehen. Die Krönung erfolgte dann 2011, als die Dortmunder ihren ersten Meistertitel seit fast zehn Jahren feiern konnten. Und neben Jürgen Klopp, dem Vater des Erfolgs, war es vor allem Sahin, der zum Sinnbild dieser neuen, erfrischend aufspielenden und ebenso erfolgreichen Borussia wurde. Er war gewissermaßen das Herz der Mannschaft. Er drückte dem Dortmunder Spiel seinen Stempel auf und übernahm Verantwortung, auch wenn er immer noch nicht zu den Ältesten gehörte. Auch war er das Gehirn dieser Mannschaft. Es war für die Westfalen unverzichtbar geworden, wie er aus dem Mittelfeld heraus das Spiel lenkte und sich ebenso für die Koordination des berühmten Dortmunder Pressings verantwortlich zeichnete. Doch im Sommer 2011 war das Kapitel Dortmund für Sahin ein weiteres Mal zu Ende. Und dieses Mal sollte es kein so schnelles Wiedersehen geben, denn der junge Türke wollte nun auf der Karriereleiter weiter nach oben klettern und entschloss sich zu einem Wechsel zu Real Madrid.

Erst Pech und dann kein Glück

Nach seinem Wechsel zu den Madrilenen, der sich sicherlich nicht nur sportlich, sondern auch finanziell auszahlte, hatte Sahin zunächst mit Verletzungsproblemen zu kämpfen. Doch auch als er dann wieder fit wurde, kam er nur sporadisch zum Einsatz. So fiel die Bilanz nach einem Jahr Madrid zwar finanziell positiv, doch sportlich äußerst negativ aus. Zu Beginn dieser Saison ließ sich Sahin dann an den FC Liverpool ausleihen, um dort wieder öfter das zu tun, was eigentlich am liebsten tut: Fußball spielen. Da der englische Kultverein die letzten Jahre nicht außerordentlich erfolgreich war, schien der Wechsel dieses Ausnahmespielers für alle Seiten von Vorteil zu sein. Einzig Liverpool-Trainer Brendan Rodgers sah das nicht ganz so: er wechselte Sahin meist nur ein und so hatte dieser dann auch bald genug.

Sahin und der BVB 3.0sahin herz

Zwar war es offensichtlich, dass sich Nuri Sahin auch in Liverpool nicht wohl fühlte, dennoch war nicht abzusehen, dass sein Gastspiel auf der Insel so schnell und vor allem so abrupt enden würde. Die Rückkehr zu Borussia Dortmund war dann bereits beschlossene Sache, ehe der Boulevard in Deutschland überhaupt die Gerüchteküche anheizen konnte. Trotz allem, was Sahin bisher für den BVB geleistet hat, muss er sich nun erst wieder beweisen. Das könnte allerdings sehr schwer werden, denn auf seiner Position besitzen die Westfalen mittlerweile Namen wie Gündogan, Bender und Kehl. Auch Leitner, der zwar noch die vierte Geige in diesem Quartett spielt, hat sich in der jüngeren Vergangenheit enorm verbessert und stellt somit auch zu Recht Ansprüche auf längere Einsatzzeiten. Einerseits ist klar, dass  Sahin gemerkt hat, dass er die Borussia, die sich ja mittlerweile fest in der Spitzengruppe der Bundesliga etabliert hat und international ein gutes Bild abgibt, braucht und im Dortmunder Umfeld besonders aufblühen kann, da er dort noch immer großen Kredit besitzt. Doch andererseits ist fraglich, ob der BVB Sahin, auch wenn er ein Ausnahmekönner ist, wirklich braucht. Somit bleibt es noch offen, ob die erneute Liaison zwischen dem verlorenen Sohn und Borussia Dortmund wieder Erfolg bringen wird. Aber auf jeden Fall wird es spannend werden, die dritte Episode dieser Lovestory made in Dortmund mitzuverfolgen.