Willkommen im „Zirkus Robbéry“

Vor fünf Jahren tobte Uli Hoeneß auf der Jahres-hauptversammlung des FC Bayern, weil sich Fans über die schlechte Stimmung in der Allianz Arena beschwert hatten. Hat sich bis heute daran etwas geändert?

Das Publikum in der Allianz Arena besitzt zwei Gesichter: während bei Champions League-Spielen der Münchener die Stimmung meist recht gut ist, geht es bei Bundesliga-Heimspielen dafür umso ruhiger zu. Doch in dieser Saison herrschte bei den Auftritten in der Königsklasse vor eigenem Publikum Totenstille. Grund dafür war ein Boykott der Südkurve, die ihrem Ärger über die Ankündigung eines neuen Einlass-Systems auf diese Weis Luft machte. Zwar zählt die Münchener Südkurve nicht gerade zu den stimmungsvollsten hierzulande, doch durch ihre Abwesenheit bei den Partien gegen Valencia und Lille stellte sie ihre Bedeutung für die Stimmung in der Arena im Norden Münchens unter Beweis. Da halfen auch keine Klatschpappen, die seit geraumer Zeit ans Münchener Publikum verteilt werden, um eine bessere Atmosphäre bei den Heimspielen der Bayern zu schaffen. Ein Banner in der Südkurve brachte es auf den Punkt: „Klatschpappen kann man kaufen, Stimmung nicht.“

Simply the Bestrobben-riberty

Anscheinend hat sich seit der Wutrede von Uli Hoeneß anno 2007 kaum etwas verändert. Die Zuschauer erwarten weiterhin, dass Robben, Ribéry und Co. ähnlich einem Dompteur im Zirkus ihr Gegenüber beherrschen und vorführen. Meist benehmen sich die Gastmannschaften in der Münchener Arena allerdings nicht wie wilde Tiere, sondern geben sich ganz zahm und bemühen sich um Schadensbegrenzung. Mal werden die Gegner sanft, mal eher unsanft behandelt, je nach Lust und Laune des bayerischen Starensembles. Und das gefällt den Zuschauern. Selten kommt es vor, dass der übermächtig scheinende FC Bayern zuhause von seinen Gegnern genarrt wird. Doch sollte dies passieren, tun sich schnell dunkle Wolken über der Allianz Arena auf, es beginnt zu brodeln und Weltuntergangsstimmung macht sich schnell breit.

Pflichtsieg

Diese Erwartungshaltung des Münchener Publikums trägt maßgeblich dazu bei, dass sich im Wohnzimmer von Uli Hoeneß nicht so recht Stimmung aufkommen will. In der Bundesliga gibt es für die Bayern bei Heimspielen eigentlich nur Pflichtsiege und durch die beiden Finalteilnahmen in der Champions League in den letzten Jahren sind die Ansprüche der Fans auch nicht gerade gesunken. Ein müdes 2:0 gegen eine aufopfernd kämpfende Frankfurter Eintracht zauberte jüngst nur wenig Begeisterung in die Gesichter der anwesenden Zuschauer. Es geht beim FC Bayern eben nicht darum, dass man gewinnt, sondern es geht um das „wie“, auf welche Weise dies also geschieht.

Applaus, Applaus

Ein Tor der eigenen Mannschaft gegen einen Gegner, den man ja sowieso bezwingen muss, stellt für einen Bayern-Fan eigentlich keinen Grund dar, in großem Maße Emotionen zu zeigen. Es handelt sich sklatschpappenchließlich um etwas Selbstverständliches. Kurz aufgestanden, ein wenig im Takt der Tormusik geklatscht – so geht Torjubel in München. Danach setzt man sich wieder und wartet auf das nächste Tor. Ob es die Klatschpappen seit kurzem etwa deshalb gibt, weil das Klatschen auf den Tribünen der Allianz Arena die beliebteste Form von Torjubel ist? Gut möglich. Jubelstürme, ausufernde Begeisterung oder wildfremde Menschen, die sich in den Armen liegen trifft man höchst selten an. Keine Spur von Reaktionen, die einem spontanen Ausdruck der Freude gleich kommen. Alles wirkt einstudiert, das Klatschen erscheint obligatorisch, wie auf einem CSU-Parteitag. Beim Besuch eines Spiels in der Allianz Arena drängt sich somit unweigerlich der Eindruck auf, dass es bei einem Spiele- und Liedernachmittag im Seniorenheim emotionaler und stimmungsvoller zuginge.

Vorreiterrolle

Dennoch sollte man jetzt nicht allein den FC Bayern und die Stimmung in der Münchener Arena verteufeln, denn gewissermaßen ist der deutsche Rekordmeister nur der Vorreiter einer Entwicklung, die sich in meisten Stadien der Bundesliga vollzieht. Die „Eventisierung“ des Fußballgeschäfts ist in vollem Gange, der Sport gleicht mehr und mehr dem Showbusiness. Durch seinen Erfolg ist der FC Bayern zurzeit eben besonders sexy, absolut im Trend sozusagen. Was jedoch zu denken geben muss, ist, dass in München eine solche Entwicklung auch erwünscht ist. Dies wird deutlich an der Unterstützung des DFL-Sicherheitskonzepts „Sicheres Stadionerlebnis“ und den probeweisen Ganzkörperkontrollen von Gästefans beim Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt vor kurzem. Pyrotechnik ist in München sowieso nicht gern gesehen, auch wenn man selbst gern mal mit einem riesigen Feuerwerk die Saison eröffnet oder den Gewinn eines Titels feiert. Aber alles muss unter Kontrolle sein, darum geht es. Der Zuschauer soll sich nicht aktiv beteiligen, sondern sich passiv verhalten und das konsumieren, was man ihm vorlegt. Stimmung ist nicht gänzlich unerwünscht, aber soll nur auf die Weise geschaffen werden, wie sich das der Verein vorstellt. Klatschpappen müssen eben reichen.

Schlechte Aussichten

In München hat sich in den letzten fünf Jahren also herzlich wenig Positives getan in Sachen Stimmung. Hoffnung auf eine Verbesserung ist kaum in Sicht, da man beim FC Bayern Gefallen am modernen Fußball gefunden hat und die Inszenierung eines Fußballspiels weiter perfektionieren will. Man wird weiter daran arbeiten, dass alles nach Plan läuft, doch eine Variable werden auch die Münchener nicht gänzlich unter Kontrolle bringen: Was zählt, ist auf dem Platz. Spiele werden immer noch dort entschieden und das ist auch gut so.

Anmerkung: es handelt sich hierbei um einen Artikel, der zwar bereits im November letzten Jahres verfasst wurde, den Lesern von Im Flutlicht aber dennoch nicht vorenthalten bleiben soll 😉

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