Entzaubert

Bis zuletzt schien die katalanische Übermannschaft auf dem Weg zu einer weiteren Rekordsaison. Doch innerhalb der letzten beiden Wochen haben sich die Vorzeichen schlagartig verändert.

Pünktlich zu Saisonbeginn hatte der FC Barcelona seine Tici-Taca-Maschine wieder angeworfen. Dazu ein Lionel Messi, der spielte wie von einem anderen Stern und im abgelaufenen Kalenderjahr so viele Tore erzielte, wie noch nie ein Spieler zuvor. Das Barca unter Tito Vilanova schien unaufhaltsam, der Weg zum Gewinn des Tmessi-barcariples geebnet. Woche für Woche wurden die meist hilflos und überfordert wirkenden Gegner in La Liga von der katalanischen Pressingmaschinerie überrollt. Lediglich einmal wurde die ansonsten makellos weiße Weste des FC Barcelona befleckt: das Champions League Auswärtsspiel beim Celtic FC ging mit 1:2 verloren, was dem Erfolgserie der Katalanen in der heimischen Liga jedoch auch keinen Abbruch tun sollte. In der Hinrunde musste man sich nur im Clasico mit einem Unentschieden zufrieden geben, ansonsten wurde alles gnadenlos in Grund und Boden geballert. Zudem schien es so, als hätte man den Abgang von Trainerlegende Pep Guardiola problemlos kompensiert. Mehr noch: man konnte sogar den Eindruck gewinnen, dass sich die Mannschaft unter dem neuen Mann an der Seitenlinie, Tito Vilanova, weiterentwickeln würde. Der FC Barcelona in der Ära nach Guardiola schien flexibler, variabler und anpassungsfähiger als zuvor. Was eine bedeutende Entwicklung darstellen sollte, denn schließlich scheiterte man in der abgelaufenen Saison im Halbfinale der Champions League vor allem deswegen, da es zum bekannten Tici-Taca schlicht und einfach keinen Plan B gab.

Der erste, kleinere Rückschlag in dieser Saison erfolgte Mitte Januar: Barca musste die erste Niederlage der laufenden La Liga-Spielzeit hinnehmen. Trotz eines eigentlich komfortablen 2:0 Vorsprungs musste man sich Real Sociedad am Ende mit 2:3 geschlagen geben. Doch gleich am nächsten Spieltag wurde CA Osasuna im heimischen Camp Nou standesgemäß mit 5:1 zerlegt und wieder nach Hause geschickt. Auch auf das folgende Unentschieden in Valencia hatte man die passende Antwort parat, der Getafe CF wurde zuhause mit 6:1 vermöbelt. Insgesamt schien es so, als würde es der FC Barcelona in der Liga nun ein wenig schleifen lassen, was angesichts des riesigen Vorsprungs auf den ärgsten Verfolger, Atletico Madrid, allerdings nicht weiter verwunderte. Zudem hatte man den entscheidenden Teil der Saison, die oftmals beschworene „heiße Phase“ noch vor sich, was ein mögliches Schonen der auch in Barcelona nur begrenzt vorhandenen Kräfte logisch erscheinen ließ. Doch genau jetzt, da diese wichtige Phase der Saison begonnen hat, scheint den Katalanen die Puste auszugehen? Oder flattern die Nerven? Fakt ist, dass die Katalanen gerade im Begriffe sind, eine möglicherweise überragende Rekordsaison zu einer überaus enttäuschenden Spielzeit werden zu lassen. Und darüber kann auch die fortwährende Dominanz in der heimischen Liga nicht hinwegtäuschen.

Vor gut zwei Wochen trat Barca zum Hinspiel des Champions League-Achtelfinales beim AC Milan an. Xavi, Iniesta und Co. gingen als klarer Favorit in die Partie und auch das Ergebnis war mehr als klar: die Itabarca-milanliener verteidigten stark und nutzen ihre Chancen gnadenlos aus, so dass am Ende ein nicht unverdienter 2:0-Sieg für die Lombarden stand. Zwar spielte sich der FC Barcelona in gewohnter Manier am gegnerischen Strafraum fest, doch man biss sich an der massiven, gut stehenden Defensive von Milan die Zähne aus. Was die Zuschauer jedoch viel mehr erstaunen ließ, war die Ideenlosigkeit der Katalanen, denn die Offensive um Superstar Lionel Messi blieb an diesem Abend erstaunlich blass. Hochwertige Chancen waren Mangelware, das Tor von AC-Schlussmann Abbiati geriet nur wenige Male ernsthaft in Gefahr. Natürlich ist es durchaus möglich, dass die Katalanen dieses Ergebnis im Rückspiel noch umbiegen, schließlich wurde der Auftritt im Camp Nou schon für mehrere Teams zu deren schlimmstem Albtraum. Die Bayern von 2009 können ein Lied davon singen, aber auch Milan bekam erst in der letzten Saison ziemlich übel auf die Mütze. In der Champions League scheint für Barca noch nicht alles verloren, jedoch bedarf es im Rückspiel gegen die Italiener einer weiteren dieser verzaubernden Europapokalnächte, für die die Katalanen ja bekannt sind. Wenn Lionel Messi es wieder einmal schaffen sollte, die Zuschauer mit unwiderstehlichen Dribblings und Traumtoren zu verzücken, so dass ihm die ganze Welt zu Füßen liegt, dann sollte ein Weiterkommen für die Blaugrana möglich sein.

Doch diese herbe Pleite gegen die Mailänder stellt nur den kleineren Schandfleck dar, zumal das Aus der Katalanen aufgrund des ausstehenden Rückspiels noch keineswegs besiegelt ist. Schwerer wiegen da die Ereignisse der letzten Woche: zwei bittere Clàsico-Schlappen binnen weniger Tage. Zunächst die Niederlage im Halbfinal-Rückspiel der Copa del Rey, dann die Pleite im Ligaspiel bei Real Madrid. Die Pokalschlappe war eines der schwächsten Spiele Barcelonas der letzten Jahre und das Ligaspiel ging verloren, obwohl Real-Coach Mourinho einige seiner wichtigsten Stammkräfte schonte. Während die Königlichen in Mourinhos Premierensaison gegen den FC Barcelona immer den Kürzeren zogen, bis auf das Pokalfinale, so scheint es nun so, als hätte Mourinhos Real den Erfolgschlüssel der Katalanen decodiert. Obwohl Real bedeutend schwächer zu sein scheint als letzte Saison, konnten sie Barca diese Saison erfolgreich die Stirn bieten: Sieg in der Supercopa, Einzug ins Finale der Copa del Rey und vier Punkte aus den beiden Ligaspielen. Deshalb tun diese beiden Niederlagen umso mehr weh. Statt Wiedergutmachung müssen nun noch tiefere Wunden geleckt werden. Was außerdem erstaunlich erscheint, ist, dass Real mittlerweile gegen die Katalanen nicht nur auf Spielzerstörung aus ist, sondern dem Erzrivalen auf Augenhöhe begegnet und seinerseits spielerisch aktiv wird. Es scheint, als wäreclasico1 die Dominanz des FC Barcelona dahin, der Zauber des Tici-Taca durch Taktik-Guru Mourinho gebrochen.

Alles in allem scheint es nun so, als stünde der FC Barcelona nach den Ereignissen der letzten beiden Wochen bereits vor den Trümmern einer noch nicht einmal beendeten Saison, die zudem so gut begonnen hatte. Der Ligatitel ist den Katalanen so gut wie sicher, doch damit allein gibt sich bei der Blaugrana niemand zufrieden. Somit bleibt Barca vorerst noch ein Spiel, nämlich das Rückspiel gegen den AC Milan, um alle Kritiker Lügen zu strafen und zu zeigen, dass der Schein trügt und die erfolgreiche Ära des FC Barcelona noch lange nicht zu Ende sein muss. Falls sie dieses Ziel verfehlen sollten, werden sie sich allerdings unangenehmeren Fragen stellen müssen, wie zum Beispiel jener, ob der Tici-Taca à la Barcelona wirklich der Fußball der Zukunft ist.

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Mythos Fünfjahreswertung

Immer wieder bekommt man erzählt, dass man aufgrund der Fünfjahreswertung doch international zu den deutschen Klubs halten sollte. Im Flutlicht erklärt, warum die Länderwertung jedoch gar nicht so toll und wichtig ist, wie sie zu sein scheint.

Für die meisten Fußballfans hierzulande gilt, dass international immer zu den deutschen Mannschaften gehalten wird. So kommt es, dass sich Fans des 1. FC Köln plötzlich über Siege der Gladbacher Borussia freuen, oder Anhänger des TSV 1860 auf einmal den „Roten“ aus der bayerischen Landeshauptstadt die Daumen drücken. Eigentlich undenkbar, doch die Fünfjahreswertung der UEFA macht’s möglich. Kurz gesagt: wo eigentlich Rivalitäten vorherrschen, entstehen plötzlich Gemeinsamkeiten, aus den größten Feinden werden die besten Freunde. Damit scheint die Länderwertung all das zu verwirklichen, was kein Sicherheitskonzept der Welt zu erreichen scheint: Fußballfans rivalisierender Vereine in völlig friedlicher Koexistenz. Natürlich entspricht das nicht ganz der Wirklichkeit, denn es gibt genug Fans die immer gegen den verhassten Erzfeind sind, egal ob auf nationaler oder europäischer Ebene. Faszinierend ist dennoch, wie viele Fußballfans sich an diesem Grundsatz orientieren, international den deutschen Teams verbunden zu sein und ihnen die Daumen zu drücken.

Nun gibt es mehrere Gründe, warum sich Fans so verhalten, doch immer spielt dabei die Fünfjahreswertung eine zentrale Rolle. Zunächst liegt es eben vor allem an der Fünfjahreswertung, dass die Vergleiche europäischer Klubwettbewerbe plötzlich zum Kräftemessen zwischen den Nationen werden. Somit gewissermaßen die perfekte Spielwiese für Patrioten. Gerade in Deutschland, wo Patriotismus immer noch ein schwieriges Thema ist, ist Sport, insbesondere der Fußball, für viele identitätsstiftend. Vor allem seit der Weltmeisterschaft 2006 ist zu beobachten, dass viele Menschen ihre Liebe zum eigenen Land durch Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft zum Ausdruck bringen. Aber auch die Solidarisierung mit anderen Klubs aus Deutschland bei internationalen Partien ist in gewisser Weise Ausdruck von Nationalstolz. Zudem stellt es in diesem Zusammenhang kein Problem dar, wenn das nationale Interesse in den Mittelpunkt gerückt wird. Wobei die Frage bleibt, warum jemand, der mit Patriotismus nicht so viel am Hut hat, den deutschen Klubs die Daumen drücken sollte.

Auch der nächste Grund steht bedeutend im Zusammenhang mit der Fünfjahreswertung. Viele Fans fiebern mit den deutschen Mannschaften, da sich ihrer Meinung nach somit die Chancen erhöhen würden, dass das eigene Team in den nächsten Jahren vielleicht mal international mitmischt, weil die Bundesliga über mehr Startplätze verfügt. Grundsätzlich nicht falsch gedacht, aber ganz nüchtern betrachtet gibt es allerdings nur wenige Gründe aus diesem Anlass für die deutschen Mannschaften zu sein, denn es hängt auch noch wesentlich davon ab, von welchem Klub man Fan ist. Einerseits kann es Anhängern von Arminia Bielefeld oder dem VfL Osnabrück ganz egal sein, wie sich die deutschen Mannschaften in der Champions League schlagen. Andererseits erfahre ich als Fan der Frankfurter Eintracht derzeit, dass es doch gar nicht so unwichtig ist, dass der vierte Platz zur Qualifikation für die Champions League berechtigt. Wobei man aber nicht vergessen sollte, dass diese Situation durch die sportliche Leistung der Eintracht und nicht durch Daumendrücken für den FC Bayern entstanden ist. Dies gilt auch ganz besonders für den VfL Wolfsburg oder dem vor der Saison selbsterklärten Europapokal-Aspiranten TSG Hoffenheim, denn wer auf europäischer Bühne mitmischen will, muss sich zunächst sportlich dafür qualifizieren. Da hilft es nichts, wenn man international die anderen deutschen Klubs unterstützt. Deshalb sollten Anhänger einiger Vereine eher hoffen, dass die vereinseigenen Funktionäre in Zukunft ein glücklicheres Händchen beweisen, anstatt zu glauben, dass man auch bald international spielen werde, wenn man international die anderen Mannschaften aus Deutschland unterstützt.

Auch wird immer wieder angeführt, dass die Fünfjahreswertung den Wettbewerb beleben würde und es schwächeren Ländern ermöglichen würde, mehr Startplätze zu erhalten. Dabei ist es gerade die Länderwertung selbst, die den Wettbewerb stark einschränkt. Zwar ist es möglich, dass sich Länder in der Fünfjahreswertung durch eine erfolgreiche Spielzeit kurzfristig nach oben schieben, langfristig jedoch kann sich kaum eine Nation bedeutend verbessern. Schließlich heißt es ja auch Fünf- und nicht Einjahreswertung. Womit klar wird, dass ganz entscheidend ist, dass durch die Beurteilung langfristiger Zeiträume die Verteilung der Startplätze relativ starr bleibt, Diese Tatsache hilft vor allem den Vereinen aus den großen Nationen, da diese dadurch mit einer gewissen Sicherheit mit den Einnahmen aus dem internationalen Geschäft planen können. Somit hilft die Fünfjahreswertung nicht den schwächeren Nationen, sondern sie sorgt dafür, dass die Verhältnisse und Strukturen größtenteils unverändert bleiben. Nun könnte man dem entgegen halten, dass es z.B. noch nie ein Team geschafft hat, den Titel des Champions League-Siegers zu verteidigen, was ja eigentlich für einen spannenden und offenen Wettbewerb spricht. Wenn man jedoch genauer hinsieht, bemerkt man, dass es bis auf äußerst wenige Ausnahmen und Überraschungen immer wieder dieselben Mannschaften sind, die in der Champions League weit kommen und den Titel somit quasi unter sich ausmachen.

Zudem ergibt sich für die Bundesliga noch ein ganz spezielles Problem. Die Bundesliga hat sich in den letzten Jahren zu einer der ausgeglichensten Ligen Europas entwickelt, was positiverweise zeigt, dass der Wettbewerb in Deutschland deutlich offener ist als in anderen europäischen Ligen, wie z.B. der spanischen La Liga. Doch genau diese Ausgeglichenheit macht einigen Anhängern in Hinblick auf die Fünfjahreswertung Sorgen. Denn je ausgeglichener die Liga, desto höher natürlich die Chancen, dass vermeintlich schwächere Mannschaften für Deutschland in Europa an den Start gehen. Diese Teams profitieren vor allem davon, dass etablierte Kräfte schwächeln und sie selbst über ihren Möglichkeiten gespielt haben. Borussia Mönchengladbach ist ein treffendes Beispiel hierfür, auch wenn sich die Mannschaft in der laufenden Saison auf europäischer Bühne beachtlich geschlagen hat. Und wenn man sich die aktuelle Tabelle der Bundesliga anschaut, scheint es nicht unwahrscheinlich, dass zur nächsten Saison Klubs wie Frankfurt, Mainz und Freiburg international mitspielen. Für jeden Verfechter der Fünfjahreswertung mit Sicherheit ein Schreckensszenario, da somit die Ausgeglichenheit der Bundesliga, die einerseits ihre Attraktivität ausmacht, andererseits ihr zum Verhängnis werden könnte. Wen die Fünfjahreswertung jedoch nicht kümmert, der darf sich darauf freuen, dass man in der nächsten Saison vielleicht neue Gesichter auf europäischer Bühne bestaunen darf und kann auch weiterhin guten Gewissens international gegen die deutschen Klubs sein.

Wer sich dennoch für die Fünfjahreswertung interessiert:

Offizielle Fünfjahreswertung der UEFA

Aktuelle (aber inoffzielle) Fünfjahreswertung