Karriereausfahrt München

Zum Wechsel von Jan Kirchhoff zum FC Bayern München
Er ist nicht das erste hJan Kirchhoffoffnungsvolle Talent, das nach einem ersten Karrierehoch zum FC Bayern München wechselt. Und er wird auch nicht der Letzte sein, der diesen fatalen Fehler macht und meint, den Anforderungen beim deutschen Rekordmeister gewachsen zu sein.

Jan Kirchhoff spielt zweifelsohne eine klasse Saison bei seinem Verein Mainz 05, einem der Überraschungsteams der abgelaufenen Hinrunde. Das Team von Coach Thomas Tuchel belegt derzeit den 6. Tabellenplatz und der Defensivstratege hat dazu auch einen ordentlichen Teil beigetragen. Auch hat er verlautbaren lassen, dass er seinen Vertrag bei den Rheinländern nicht verlängern würde und wurde bereits mit Vereinen wie Schalke 04 in Verbindung gebracht. Doch dass er nun zum deutschen Rekordmeister an die Isar wechselt, kommt einem Paukenschlag gleich.

Auf Karrierehoch folgt Karriereknick

Dabei ist der gelernte Innenverteidiger nicht der Erste, der in einer noch frühen Phase seiner Karriere den Sprung zum FC Bayern wagt. Schon viele junge Talente, die sich bei ihrem Verein in nur kurzer Zeit zum Leistungsträger entwickelt hatten, wechselten bald darauf zu den Münchnern. Von Tobias Rau über Jan Schlaudraff und Alexander Baumjohann bis hin zu Nils Petersen. Diese Liste könnte noch beinahe endlos weitergeführt werden. Alle versprachen sie sich einen Karrieresprung und träumten vom großen Geld und internationalen Auftritten. Für manche Spieler, meint man zu glauben, wäre es wohl besser gewesen, wenn sie sich den Song der Toten Hosen über die Bayern öfter angehört hätten. Vielleicht hätte dies den ein oder anderen auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Doch die bayerische Realität gestaltete sich anders: die meisten von ihnen wärmten ausschließlich die Bank und verließen den Rekordmeister nach nur kurzer Zeit wieder. Unterm Strich stand bei den meisten verlorene Zeit, denn neben mangelnder Spielpraxis ging das oftmals kurze Intermezzo bei den Bayern für viele auch noch mit einem sportlichen Abstieg einher. Viele fanden sich dann bei mittelmäßigen Erstligaklubs oder sogar in der zweiten Bundesliga wieder, an eine Karriere als internationaler Topstar war nicht mehr zu denken. Einzig der Geldbeutel profitierte vom Engagement beim deutschen Rekordmeister. Ob dies jedoch den gewaltigen sportlichen Rückschlag aufwiegt, bleibt fraglich. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Spieler, die es Rau und Petersen gleich tun und zu den Bayern wechseln.

Bayerische Transfertradition

Eine Frage, die sich dabei jedoch zwangsläufig aufdrängt ist folgende: Warum kauft der FC Bayern immer wieder Spieler, die den Durchbruch höchstwahrscheinlich nicht schaffen und außerdem den Verein oftmals noch eine Menge Geld kosten? Die Antwort darauf ist ganz simpel die bayerische Tradition, der Konkurrenz die Spieler wegzukaufen. Jedoch muss dabei in zwei Kategorien unterschieden werden: es gibt Spieler wie z.B. Giovane Elber, Claudio Pizarro (bei seinem ersten Wechsel nach München), Paulo Sergio, Zé Roberto und Michael Ballack, durch deren Transfer die Bayern ihre direkte Konkurrenz (z.B. damals Leverkusen) direkt schwächten. Außerdem konnten sich diese Spieler in den meisten Fällen erfolgreich in München durchsetzen und gehörten fortan zum Stammpersonal. Zur zweiten Kategorie gehören Spieler wie Schlaudraff&Co.: diese Spieler kaufen die Bayern nur, um die Konkurrenz indirekt zu schwächen. Denn trotz fantastischer Hinrunde werden die Mainzer von den Bayern wohl kaum als Konkurrenz gesehen, aber andere Vereine, wie z.B. Schalke 04, die auch ihr Interesse an Kirchhoff bekundeten, gelten da schon eher als potenzielle Gefahr. Und da bei den Münchnern der Geldbeutel bekanntermaßen etwas lockerer sitzt, werden solche Talente gekauft, weil man nicht will, dass die Konkurrenz billig an gute, junge Spieler kommt und dadurch stärker wird.

Lose-Lose-Lose

Zudem lassen sich diese teilweise höchst fragwürdigen Transfers noch unter einem anderen interessanten Aspekt beleuchten: Leihgeschäfte boomen in den letzten Jahren wie noch nie zuvor. Oftmals wird dabei von einer Win-Win-Win Situation gesprochen, da beide Vereine und der Spieler selbst vom Leihgeschäft profitieren. Der verleihende Verein bekommt nach Ende der Ausleihe einen Spieler zurück, der Spielpraxis gesammelt hat, der ausleihende Verein erhält für wenig Geld ein vielversprechendes, gut ausgebildetes Talent, und nicht zuletzt der Spieler selbst profitiert am meisten, da er seine Einsatzzeiten bekommt und nach Ablauf des Leihgeschäfts in gestärkter Position zu seinem Verein zurückkehrt. Ein glänzendes Beispiel dafür sind die Ausleihgeschäfte von Bayer Leverkusen an den 1. FC Nürnberg in jüngerer Vergangenheit oder aber auch Philipp Lahm, der, bevor er beim FC Bayern zum unverzichtbaren Stammspieler wurde, an den VfB Stuttgart ausgeliehen wurde. Angesichts dessen könnte man bei den Transfers junger Spieler wie Baumjohann etc. zu den Bayern von einer Lose-Lose-Lose Situation sprechen, da der abgebende Verein eine wichtige Stütze verliert, die Bayern eine Menge Geld auf den Tisch legen für einen Spieler, der lediglich die Bank wärmt und der Spieler selbst eben dort versauert und sich die Karriere kaputt macht.

Ausnahmefall Dante?

Abschließend gilt es noch, den Transfer Dantes im letzten Sommer zu betrachten: viele sahen auch in ihm eine Fortsetzung dieser Personalpolitik und nur wenige trauten ihm zu, sich in München durchzusetzen. Zwar profitierte der Brasilianer vom Verletzungspech der Konkurrenz, doch es bleibt zu vermuten, dass er sich auch ohne diesen Umstand durchgesetzt hätte, denn er wirkt bei den Bayern fast noch stärker als zu seinen Gladbacher Zeiten und ist eine feste Größe in der Innenverteidigung der Münchner und hat großen Anteil daran, dass der Herbstmeister auf dem besten Weg ist den Gegentorrekord zu knacken. Gerade deshalb wird es für Kirchhoff besonders schwierig werden, denn die Bayern besitzen auf der Innenverteidigerposition und im defensiven Mittelfeld, wo der Mainzer bisweilen auch zum Einsatz kommt, Leute wie Martinez, Schweinsteiger, Luiz Gustavo, Boateng, Badstuber und besagten Dante. Man mag es Kirchhoff nicht wünschen, dass es ihm so ergeht wie schon vielen zuvor, aber der Eindruck, dass genau dasselbe Szenario eintreten wird, drängt sich stark auf. Doch gerne darf er all die vermeintlichen Fußballexperten Lügen strafen und es Dante gleich tun.

„Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun.“ – Paul „Gazza“ Gascoigne

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