Schlammschlacht

Kürzlich meinte Uefa-Präsident Michel Platini, dass man „im Sommer in Katar unmöglich Fußball spielen kann“. Der Franzose sprach aus, was sich ein Großteil der Fußballfans dieser Welt schon bei der Vergabe an den Wüstenstaat Katar gedacht hatte. Dass Platini betonte, dass es dabei vorrangig um die Gesundheit der Fans und nicht etwa der Spieler oder Funktionäre ginge, war ebenso verwunderlich. Zudem sorgte er mit der Aussage für einige Verwirrung, da er selbst für die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar gestimmt hatte. Er wollte damit jedoch nicht die Richtigkeit seiner eigenen Entscheidung anzweifeln, vielmehr musste man dieses Statement als eine Verbalattacke in Richtung Sepp Blatter verstehen. Der Schweizer kritisierte nämlich jüngst die Entscheidung, die Europameisterschaft 2020 in mehreren Ländern auszutragen. Ein paneuropäisches Turnier wäre laut Blatter „eine Euro ohne Herz und Seele“. Aus dem Munde eines Mannes wie Blatter, der seine Seele schon vor langer Zeit verkauft zu haben scheint, wirkt dieser Satz äußerst merkwürdig.

Schließlich hatte Blatter selbst schon den ein oder anderen Vorschlag, um den Fußball mal so richtig zu revolutionieren. Meistens sprühten seine Vorschläge derart vor Kreativität, dass man sich kaum vorzustellen vermochte, wo er diese hernahm. Um das Spiel interessanter und spannender zu machen, schlug Blatter einst vor, dass man doch die Tore vergrößern könnte. Mal abgesehen davon, dass in einem unterhaltsamen Fußballspiel nicht zwangsläufig viele Tore fallen müssen, wären auch wohl einzig und allein die Hersteller von Fußballtoren die Nutznießer einer solchen Regeländerung gewesen. Vielleicht wäre der Schweizer, der seit gefühlten 100 Jahren den Weltfußball bestimmt, ja genau der richtige Mann für den Problemflughafen BER. Im Tandem mit Ex-Bahnchef Mehdorn würde er seine blühende Fantasie mit Sicherheit gut zur Geltung bringen können.

Auf den ersten Blick wirkt da das Verhalten von Uefa-Chef Platini ganz anders: er will moderner sein, wirkt charmanter und nahbarer als der Fifa-Boss. Dabei hat er es auch Blatter zu verdanken, dass er jetzt einer der einflussreichsten Funktionäre des Weltfußballs ist. Doch wenn man genauer hinschaut, ist man sich nicht mehr ganz so sicher was man von dem Franzosen halten soll: er versucht sich einerseits zwar deutlich von Sepp Blatter und dessen Stil abzugrenzen, doch dann und wann scheint auch der Franzose nicht Herr seiner Sinne zu sein und die Großmannssucht überkommt ihn. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass auch Platini so revolutionäre Ideen, wie die einer paneuropäischen EM, verbreitet. Während bei Sepp Blatter eigentlich gar niemand mehr daran zweifelt, dass er korrupt ist, so machte Platini doch lange Zeit einen deutlich seriöseren Eindruck. Doch genauso wie die WM 2010 in Südafrika ein Wahlgeschenk Blatters für die afrikanischen Funktionäre war, so war die Euro im letzten Jahr ein Wahlgeschenk für die osteuropäischen Verbände.

Zudem machte Platini senior in letzter Zeit vor allem wegen verschiedener Geschichten seines Sohnes keine gute Figur. Es mutet doch äußerst merkwürdig an, dass sein Sohn zufälligerweise kurz nach der Vergabe der WM 2022 an Katar bei der dort ansässigen „Qatar Sports Investment“ Gruppe einen Job bekam. Wenn man weiß, dass diese Investorengruppe unter einer Decke mit dem französischen Klub PSG steckt, verwundert es auch nicht, dass Platini zwar stets von einer harten Durchsetzung des Financial Fair Play spricht, den Worten aber noch nicht so wirklich Taten folgen lässt. Bisher wurde lediglich am FC Malaga ein prominentes Exempel statuiert, ansonsten wurden lediglich Vereine aus Kroatien, Serbien, Rumänien, Polen und der Ukraine sanktioniert. Es verwundert also nicht, dass noch viele Fußballfans, gerade aus Deutschland, an einer gewissenhaften Umsetzung des Financial Fairplay zweifeln.

Somit wirkt die aktuelle verbale Auseinandersetzung zwischen Blatter und Platini wie der Streit zweier Kindergartenkinder, die gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen und den jeweils anderen beschuldigen, dass er angefangen hätte. Dass man selbst Dreck am Stecken haben könnte und zuerst mal vor der eigenen Tür kehren sollte, daran denken die beiden machtbesessenen Dickköpfe nicht. Man sieht nur die Fehler des anderen, für die eigenen ist man blind. Schlussendlich zeigt dieses ständige Hin und Her, dass die mächtigen Funktionäre des Weltfußballs gar nicht die Ziele verfolgen, derentwegen sie ihr Amt bekleiden. Vielmehr ist es ein irrsinniges Rennen um Macht, Geld und Ansehen. Der Sport bleibt dabei auf der Strecke. Er und seine Fans sind die großen Verlierer.

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Mythos Fünfjahreswertung

Immer wieder bekommt man erzählt, dass man aufgrund der Fünfjahreswertung doch international zu den deutschen Klubs halten sollte. Im Flutlicht erklärt, warum die Länderwertung jedoch gar nicht so toll und wichtig ist, wie sie zu sein scheint.

Für die meisten Fußballfans hierzulande gilt, dass international immer zu den deutschen Mannschaften gehalten wird. So kommt es, dass sich Fans des 1. FC Köln plötzlich über Siege der Gladbacher Borussia freuen, oder Anhänger des TSV 1860 auf einmal den „Roten“ aus der bayerischen Landeshauptstadt die Daumen drücken. Eigentlich undenkbar, doch die Fünfjahreswertung der UEFA macht’s möglich. Kurz gesagt: wo eigentlich Rivalitäten vorherrschen, entstehen plötzlich Gemeinsamkeiten, aus den größten Feinden werden die besten Freunde. Damit scheint die Länderwertung all das zu verwirklichen, was kein Sicherheitskonzept der Welt zu erreichen scheint: Fußballfans rivalisierender Vereine in völlig friedlicher Koexistenz. Natürlich entspricht das nicht ganz der Wirklichkeit, denn es gibt genug Fans die immer gegen den verhassten Erzfeind sind, egal ob auf nationaler oder europäischer Ebene. Faszinierend ist dennoch, wie viele Fußballfans sich an diesem Grundsatz orientieren, international den deutschen Teams verbunden zu sein und ihnen die Daumen zu drücken.

Nun gibt es mehrere Gründe, warum sich Fans so verhalten, doch immer spielt dabei die Fünfjahreswertung eine zentrale Rolle. Zunächst liegt es eben vor allem an der Fünfjahreswertung, dass die Vergleiche europäischer Klubwettbewerbe plötzlich zum Kräftemessen zwischen den Nationen werden. Somit gewissermaßen die perfekte Spielwiese für Patrioten. Gerade in Deutschland, wo Patriotismus immer noch ein schwieriges Thema ist, ist Sport, insbesondere der Fußball, für viele identitätsstiftend. Vor allem seit der Weltmeisterschaft 2006 ist zu beobachten, dass viele Menschen ihre Liebe zum eigenen Land durch Unterstützung der deutschen Nationalmannschaft zum Ausdruck bringen. Aber auch die Solidarisierung mit anderen Klubs aus Deutschland bei internationalen Partien ist in gewisser Weise Ausdruck von Nationalstolz. Zudem stellt es in diesem Zusammenhang kein Problem dar, wenn das nationale Interesse in den Mittelpunkt gerückt wird. Wobei die Frage bleibt, warum jemand, der mit Patriotismus nicht so viel am Hut hat, den deutschen Klubs die Daumen drücken sollte.

Auch der nächste Grund steht bedeutend im Zusammenhang mit der Fünfjahreswertung. Viele Fans fiebern mit den deutschen Mannschaften, da sich ihrer Meinung nach somit die Chancen erhöhen würden, dass das eigene Team in den nächsten Jahren vielleicht mal international mitmischt, weil die Bundesliga über mehr Startplätze verfügt. Grundsätzlich nicht falsch gedacht, aber ganz nüchtern betrachtet gibt es allerdings nur wenige Gründe aus diesem Anlass für die deutschen Mannschaften zu sein, denn es hängt auch noch wesentlich davon ab, von welchem Klub man Fan ist. Einerseits kann es Anhängern von Arminia Bielefeld oder dem VfL Osnabrück ganz egal sein, wie sich die deutschen Mannschaften in der Champions League schlagen. Andererseits erfahre ich als Fan der Frankfurter Eintracht derzeit, dass es doch gar nicht so unwichtig ist, dass der vierte Platz zur Qualifikation für die Champions League berechtigt. Wobei man aber nicht vergessen sollte, dass diese Situation durch die sportliche Leistung der Eintracht und nicht durch Daumendrücken für den FC Bayern entstanden ist. Dies gilt auch ganz besonders für den VfL Wolfsburg oder dem vor der Saison selbsterklärten Europapokal-Aspiranten TSG Hoffenheim, denn wer auf europäischer Bühne mitmischen will, muss sich zunächst sportlich dafür qualifizieren. Da hilft es nichts, wenn man international die anderen deutschen Klubs unterstützt. Deshalb sollten Anhänger einiger Vereine eher hoffen, dass die vereinseigenen Funktionäre in Zukunft ein glücklicheres Händchen beweisen, anstatt zu glauben, dass man auch bald international spielen werde, wenn man international die anderen Mannschaften aus Deutschland unterstützt.

Auch wird immer wieder angeführt, dass die Fünfjahreswertung den Wettbewerb beleben würde und es schwächeren Ländern ermöglichen würde, mehr Startplätze zu erhalten. Dabei ist es gerade die Länderwertung selbst, die den Wettbewerb stark einschränkt. Zwar ist es möglich, dass sich Länder in der Fünfjahreswertung durch eine erfolgreiche Spielzeit kurzfristig nach oben schieben, langfristig jedoch kann sich kaum eine Nation bedeutend verbessern. Schließlich heißt es ja auch Fünf- und nicht Einjahreswertung. Womit klar wird, dass ganz entscheidend ist, dass durch die Beurteilung langfristiger Zeiträume die Verteilung der Startplätze relativ starr bleibt, Diese Tatsache hilft vor allem den Vereinen aus den großen Nationen, da diese dadurch mit einer gewissen Sicherheit mit den Einnahmen aus dem internationalen Geschäft planen können. Somit hilft die Fünfjahreswertung nicht den schwächeren Nationen, sondern sie sorgt dafür, dass die Verhältnisse und Strukturen größtenteils unverändert bleiben. Nun könnte man dem entgegen halten, dass es z.B. noch nie ein Team geschafft hat, den Titel des Champions League-Siegers zu verteidigen, was ja eigentlich für einen spannenden und offenen Wettbewerb spricht. Wenn man jedoch genauer hinsieht, bemerkt man, dass es bis auf äußerst wenige Ausnahmen und Überraschungen immer wieder dieselben Mannschaften sind, die in der Champions League weit kommen und den Titel somit quasi unter sich ausmachen.

Zudem ergibt sich für die Bundesliga noch ein ganz spezielles Problem. Die Bundesliga hat sich in den letzten Jahren zu einer der ausgeglichensten Ligen Europas entwickelt, was positiverweise zeigt, dass der Wettbewerb in Deutschland deutlich offener ist als in anderen europäischen Ligen, wie z.B. der spanischen La Liga. Doch genau diese Ausgeglichenheit macht einigen Anhängern in Hinblick auf die Fünfjahreswertung Sorgen. Denn je ausgeglichener die Liga, desto höher natürlich die Chancen, dass vermeintlich schwächere Mannschaften für Deutschland in Europa an den Start gehen. Diese Teams profitieren vor allem davon, dass etablierte Kräfte schwächeln und sie selbst über ihren Möglichkeiten gespielt haben. Borussia Mönchengladbach ist ein treffendes Beispiel hierfür, auch wenn sich die Mannschaft in der laufenden Saison auf europäischer Bühne beachtlich geschlagen hat. Und wenn man sich die aktuelle Tabelle der Bundesliga anschaut, scheint es nicht unwahrscheinlich, dass zur nächsten Saison Klubs wie Frankfurt, Mainz und Freiburg international mitspielen. Für jeden Verfechter der Fünfjahreswertung mit Sicherheit ein Schreckensszenario, da somit die Ausgeglichenheit der Bundesliga, die einerseits ihre Attraktivität ausmacht, andererseits ihr zum Verhängnis werden könnte. Wen die Fünfjahreswertung jedoch nicht kümmert, der darf sich darauf freuen, dass man in der nächsten Saison vielleicht neue Gesichter auf europäischer Bühne bestaunen darf und kann auch weiterhin guten Gewissens international gegen die deutschen Klubs sein.

Wer sich dennoch für die Fünfjahreswertung interessiert:

Offizielle Fünfjahreswertung der UEFA

Aktuelle (aber inoffzielle) Fünfjahreswertung